# taz.de -- Film „The Love That Remains“: Die Ereignislosigkeit ist das Ereignis
       
       > Regisseur Hlynur Pálmason zeigt im langsam geschnittenen Spielfilm „The
       > Love That Remains“ den Alltag eines getrennten Paars. Streit gibt es kaum
       > – und keine Moral.
       
 (IMG) Bild: Anna (Saga Garðarsdóttir) will in „The Love That Remains“ als Künstlerin, nun, hoch hinaus
       
       Manchmal gehen Stille und Plakativität auch zusammen. „The Love That
       Remains“ beginnt mit dem Bild eines Hauses, das langsam auseinandergenommen
       wird. Das Dach wird abgehoben, dazu ruhige Klaviermusik. Die Plakativität
       ist hier durchaus angenehm, die Symbolträchtigkeit ergibt sich aus dem
       Zusammenspiel von Bild und Filmtitel. Es wird in den nächsten fast zwei
       Stunden darum gehen, was bleibt, nachdem etwas in seiner alten Form
       verschwunden ist. Denn um im Bild zu bleiben: Das Gerüst des Hauses, die
       Wände, bleiben in dieser Sequenz erhalten.
       
       Das war es dann aber auch mit der Plakativität. Von da an bezieht der
       Spielfilm „The Love That Remains“ seine Wirkung aus Offenheit und
       Langsamkeit. Die Kamera begleitet den Alltag von Anna (Saga Garðarsdóttir)
       und Magnús (Sverrir Guðnason), die mit ihren drei Kindern an der Küste
       Islands leben. Das Elternpaar ist, man erfährt es beiläufig, wie alles in
       diesem Film, getrennt. Wir sehen Magnús bei der Arbeit, er ist
       Hochseefischer.
       
       Anna will als Künstlerin arbeiten, sie malt abstrakte, große Bilder in
       Rostfarben. Das ist dann nicht plakativ, aber doch immerhin ein dezenter
       Hinweis auf die erzählerische Haltung des [1][Regisseurs Hlynur Pálmason],
       der auch das Drehbuch geschrieben hat: bedeutungsoffene Bilder, die in
       ihren Erdfarben betont unartifiziell daherkommen, trotzdem aber streng
       durchkomponiert sind.
       
       Gemälde also, die wirken sollen, als wären sie einfach naturhaft
       entstanden, ohne das Zutun eines gestalterischen Willens. So ist auch „The
       Love That Remains“ gebaut. Die Landschaften sind weit und schön und
       unbehauen, die Menschen in diesem Film führen keine großen Dramen auf,
       nahezu nichts in diesem Film setzt auf Effekt (zwei, drei Alptraumsequenzen
       und einen Pfeil in der Herzgegend mal ausgenommen). Menschen leben ihren
       Alltag, Anna versucht, mit ihren Bildern in der Kunstwelt etwas zu werden,
       Magnús macht seine Arbeit, gemeinsam unternimmt die Familie Ausflüge. Alles
       langsam geschnitten und gefilmt in natürlichem Licht.
       
       ## Antithese zu klassischen Scheidungsdramen
       
       Die Ereignislosigkeit in diesem Film ist sozusagen das Ereignis. Hin und
       wieder flammt so etwas wie sexuelles Interesse zwischen den Ex-Eheleuten
       auf, bei Magnús zumindest. Anna macht dann immer schnell die Tür zu, nein,
       das habe man doch probiert, das hat nicht geklappt, und er steht
       buchstäblich im Regen. Kaum Streit, Szenen einer Ehe ohne Ehe. In diesem
       Sinne bildet „The Love That Remains“ so etwas wie eine umfassende Antithese
       zu „Kramer gegen Kramer“ und anderen Scheidungsdramen, die vor allem davon
       handeln, wie Erwachsene, die einander einst geliebt haben, sich
       fertigmachen in dem Willen, zu ihrem Recht zu kommen.
       
       Etwa in der Mitte des Films fügt Pálmason surreale Sequenzen ein, in denen
       die Figuren mit einem Mal doch beschädigt wirken. Das wirkt aber eher wie
       der geglückte Versuch, allzu klare Signale zu vermeiden. Es gibt keine
       Message, keine Moral, auch ist diesen Bildern wenig zu entnehmen über den
       aktuellen Stand des Geschlechterverhältnisses. „The Love That Remains“
       konstruiert eher einen Zustand als eine Geschichte.
       
       Die Frage, die der Titel implizit stellt, [2][die Frage danach, was nach
       einer Trennung noch übrig bleiben kann], bleibt auf interessante Weise
       unbeantwortet. Auch, weil das Arrangement hier ein sehr spezielles ist.
       Wüsste man nichts von der Trennung, könnte das Familienleben, das in
       langsamen Sequenzen und über kleine Gesten und Blicke entfaltet wird, auch
       eine Ehe sein, in der der eine Part – Anna – gerade keine Lust auf Sex hat.
       Der eine Streit zwischen Papa und Mama, den der Film zeigt, könnte
       ebenfalls ein Ehestreit sein.
       
       „Liebe“ heißt hier: Man lebt den Alltag und zieht die Kinder groß, das
       Interesse der Partner aneinander ist aber gering. In dem unaufgeregten
       Zusammenleben des Paares liegt eine stille Schönheit. Damit wäre eine
       Antwort auf die Frage, was bleibt, die, dass zumindest etwas bleibt, von
       dem auch vor der Trennung schon nicht mehr viel da war. Am Schluss immerhin
       gibt es dann doch noch ein eindeutiges Bild des Verlustschmerzes.
       
       22 Jun 2026
       
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