# taz.de -- Männermode-Influencer Ben Bernschneider: „Stil ist das Gegenteil der toxischen Manosphere“
       
       > Wie kleidet sich ein Gentleman und wie sollte er sich verhalten? Ben
       > Bernschneider über Respekt, Fast Fashion und die Eigenschaften von Tweed.
       
 (IMG) Bild: Stil hat mit Haltung, Respekt und Empathie zu tun
       
       taz: Herr Bernschneider, was war das erste Kleidungsstück, das Ihnen
       wichtig war? 
       
       Ben Bernschneider: Wahrscheinlich meine ersten Mickey-Maus-Stiefel. Aber
       richtig angefangen darüber nachzudenken habe ich erst mit einem
       Burberry-Kensington-Trenchcoat für 2.000 Euro, den ich mir 2023 gekauft
       habe. Auf den hatte ich ewig gespart. Jahrelang habe ich meine Nase an der
       Boutique plattgedrückt.
       
       taz: Was hat sich mit ihm verändert? 
       
       Bernschneider: Das war das erste Stück, das mir Ehrfurcht vor schönen
       Dingen beigebracht hat. Ich hätte niemals ein Instagram-Video aufgenommen,
       wenn es diesen Trenchcoat nicht gegeben hätte. Ich war Fotograf und hatte
       damit nichts am Hut. Aber ich wollte plötzlich darüber sprechen, dass ich
       Angst hatte, dieses Ding aus seinem Kleidersack zu nehmen, weil es eben
       2.000 Euro gekostet hat.
       
       taz: Und dann ist so ein Trenchcoat auch noch hell und man möchte, nicht,
       dass der dreckig wird. 
       
       Bernschneider: Obwohl er eigentlich dafür gemacht ist, dass man mit ihm
       durch den Matsch robbt. Denn daher kommt ja der Trenchcoat: „Trench“ heißt
       Schützengraben. Der Herr Burberry hat den ursprünglich als wetterfesten
       Mantel für britische Offiziere im Ersten Weltkrieg entwickelt, als
       Gebrauchsgegenstand – und ich hatte wahnsinnigen Respekt vor dem Mantel.
       Aber Ehrfurcht vor seinen Klamotten zu haben ist doch auch viel besser als
       diese „Ist mir doch egal, 3 Euro bei H & M“-Haltung.
       
       taz: Inzwischen haben Sie als Influencer für Herrenmode Hunderttausende
       Follower [1][auf Instagram] und [2][Tiktok], Sie können davon gut leben und
       haben Ende Mai Ihr erstes Modebuch veröffentlicht: „100 Staple Pieces – Die
       Wunschliste des modernen Gentleman“. Was sind denn „Staple Pieces“? Und was
       ist der moderne Gentleman? 
       
       Bernschneider: „Staple Pieces“ meint ganz einfach Kleidungsstücke, die sich
       über Jahrzehnte bewährt haben. Die guten und schönen Dinge waren von Anfang
       an hochwertig und der moderne Gentleman ist einer, der keinem Trend
       hinterherläuft. Er versucht nicht, zwanghaft jung zu bleiben. Stil hat mit
       Haltung, Respekt und Empathie zu tun. Ein Gegenstück zu [3][der toxischen
       Manosphere da draußen], die Männern weismachen will, wie geil Dominanz,
       Härte und Pseudoselbstoptimierung sei, und wie unwichtig Anstand.
       
       taz: Zeigen Sie uns mal ein paar der Kleidungsstücke, von denen Sie sagen:
       Die gehören [4][in jeden Männerkleiderschrank]. 
       
       Bernschneider: Ich würde nie sagen: „Das muss so.“ Dafür sind die Stile
       viel zu verschieden. Wenn wir uns aber mal einen Style aussuchen, [5][den
       Ivy- oder Preppy-Style] …
       
       taz: … ein Kleidungsstil, der in den 1950ern an den
       Ostküsten-Elite-Universitäten der USA entstanden ist … 
       
       Bernschneider: … dann würde ich sagen, dass jeder Mann eine helle Chinohose
       bräuchte, ein OCBD, also ein Oxford Cloth Button-Down-Hemd, einen Navy
       Blazer oder einen Sports Coat, schöne Loafer oder Boat Shoes, eine
       Club-Krawatte und einen Flechtgürtel. Damit hätte er alles, was er braucht,
       um jeden Tag für jede Situation gut angezogen zu sein.
       
       taz: Und welche Staple Pieces haben es am Ende nicht ins Buch geschafft? 
       
       Bernschneider: Ehrlich gesagt, war es schon fast schwer, die letzten drei
       zu finden. Im Moment fällt mir da nichts ein, außer einem Cowboyhut für
       alle, die die Liebe zum Western Style mit mir feiern.
       
       taz: Was ist der Unterschied zwischen einem gut angezogenen Mann und einem
       Mann mit Stil? 
       
       Bernschneider: Auf den ersten Blick ist der nicht groß, man kennt den Herrn
       ja noch nicht. Aber wenn ein Arschloch sich einen schönen Anzug anzieht,
       ist der Anzug dahin, sobald der Mann den Mund aufmacht. Ich glaube, Stil
       entsteht aus Begeisterung. Daraus, verstehen zu wollen, warum etwas schön
       ist, warum bestimmte Materialien funktionieren oder Kombinationen
       harmonischer wirken als andere. Man merkt sofort, ob jemand Kleidung
       wirklich trägt oder nur anhat.
       
       taz: Wird man in Stilkreisen belächelt, wenn man gewisse Regeln oder Codes
       nicht kennt? 
       
       Bernschneider: Eigentlich nicht. Menschen, die sich mit Stil beschäftigen,
       sind oft respektvolle Menschen. Die Regeln wurden ja nicht erfunden, um
       Leute auszuschließen. Hinter ihnen steckt meist eine praktische oder
       ästhetische Logik. Ein Beispiel: Schwerer Tweed war ursprünglich für Wind
       und Wetter gedacht, für den Wald oder die schottischen Highlands. Warum ein
       feines Seidenhemd dazu tragen? Oder Boat Shoes, die sind dafür gemacht, auf
       Booten getragen zu werden. Warum um alles in der Welt sollte man sich in
       ihnen mit Socken totschwitzen? Im Winter oder im Herbst ist das natürlich
       überhaupt kein Problem.
       
       taz: Warum lassen Barbourjacken manche Menschen zwanzig Jahre älter wirken,
       während sie bei anderen wunderbar funktionieren? 
       
       Bernschneider: Das ist ein Vorurteil, dem ich ständig begegne. Manche
       Menschen sollen darin wie verkleidet aussehen. Mich schert das nicht. Ein
       Freund von mir träumt sich jeden Tag in die Cotswolds in Südwestengland
       oder [6][in die schottischen Highlands]. Der schläft wahrscheinlich in
       seiner Barbourjacke. Für ihn ist das schottischer Sommerregen und britische
       Countryside-Kultur und alles, was er an dieser Welt liebt. Und genau das
       ist der Punkt: Wenn du von deiner Klamotte überzeugt, siehst du für andere
       Leute gut aus. Am Ende gewinnt Begeisterung gegen jede Stilregel.
       
       Sie sprechen von Begeisterungsfähigkeit und davon, sich in neue
       Themenfelder einzugraben. Ihr Buch ist allerdings sehr britisch,
       amerikanisch, europäisch geprägt. Hört Ihre Wunschliste an den Grenzen der
       westlichen Herrenmode auf? 
       
       Bernschneider: Im Gegenteil. Nur soll es ja eine machbare Aufgabe für die
       Leser sein, sich wohlzufühlen. Und deshalb ist da wahrscheinlich auch kein
       Cowboyhut dabei. Mein Buch ist deshalb so westlich geprägt, weil ich über
       Dinge schreiben wollte, zu denen ich eine Beziehung habe. Mein Buch ist
       keine vollständige Weltgeschichte der Kleidung. Es ist eher eine Landkarte
       meiner persönlichen Begeisterungen. Ich halte aber nichts von der
       Vorstellung, dass Stil an Landesgrenzen endet. Stil entsteht durch Neugier.
       Wer sich für klassische Herrenmode interessiert, sollte irgendwann genauso
       neugierig auf Japan, Indien oder Marokko werden wie auf England oder
       Italien. Der Kimono ist schließlich genauso ein Staple Piece wie das
       Oxford-Hemd. Der Kaftan hat oft eine längere Geschichte als unser Sakko.
       
       taz: Wer über Mode spricht, muss auch [7][über Ausbeutung und Fast Fashion]
       sprechen. 
       
       Bernschneider: Vor [8][Temu und diesem ganzen Scheiß] kann man gar nicht
       genug warnen. Niemand will Kinderarbeit oder miserable Arbeitsbedingungen.
       Das hängt alles mit Fast Fashion zusammen. Meine Staple Pieces sind leider
       unfassbar teuer. Warum aber kostet ein Paar Schuhe von Crockett & Jones 850
       Euro? Weil sie immer noch in Nordengland, in derselben Fabrik, per Hand
       hergestellt werden.
       
       taz: Bleibt Stil am Ende eine Frage des Geldes? 
       
       Bernschneider: Nein. Ich war mal im Hotel Mandarin Oriental in Bangkok in
       einer legendären Jazzbar. Da wollte ein offensichtlich stinkreicher Typ in
       Flip-Flops und Badehose rein., Durfte er nicht. Obwohl seine Uhr
       wahrscheinlich so viel wert war wie die ganze Bar. Das war ein schöner
       Moment, weil er gezeigt hat: Mit Geld erreicht man eben nicht alles. In der
       Bar ist eine gewisse Etikette angesagt. Du kannst in dem Laden auch mit
       einer 8-Euro-Hose sitzen, solange du respektvoll bist. Ich gehe nicht in
       Badeklamotten in so eine Hotellobby, weil ich das Bild bewahren will, das
       diesen Ort ausmacht.
       
       taz: Ist es nicht elitär und arrogant zu entscheiden, was stilvoll ist und
       was nicht? 
       
       Bernschneider: Nein. Das hat etwas mit Rücksichtnahme zu tun. Ich sage ja
       nicht: „Du darfst nicht existieren, wenn du dich so verhältst.“ Aber wer
       anderen Leuten mit seinem Verhalten permanent auf den Sack geht, zeigt für
       mich keinen Stil. Das gilt übrigens auch für Leute, die ein ganzes Flugzeug
       oder Restaurant [9][mit Parfüm zuscheißen]. Manchmal denke ich wirklich,
       man müsste einen Lebensführerschein einführen.
       
       taz: Welche Rolle spielt Luxus für Sie? 
       
       Bernschneider: Ich stand mein ganzes Leben knietief im Dispo. Geld war für
       mich eher lustig bedrucktes Papier. Hatte ich keins, habe ich eben die
       nächste Kreditkarte angebrochen. Jetzt seit ein paar Jahren wirklich Geld
       zu haben, schätze ich natürlich. Nicht darüber nachdenken zu müssen, wie
       man die Miete zahlt, ist schön. Aber letztes Jahr kamen meine Panikattacken
       zurück. In der Therapie wurde mir klar, dass ich mit mein Verhältnis zu
       Geld und Luxus klarkommen muss. Ich habe die Hälfte meines Lebens viel
       Stress in Kauf genommen, weil ich dachte, Geld würde mich glücklich machen.
       „Lieber im Taxi weinen als in der U-Bahn“, das war mein Denken. Dann zu
       realisieren, dass Geld eben nicht glücklich macht, war ein Schock. Vor
       allem der Gedanke, dass ich 30 Jahre meines Lebens geglaubt habe, das würde
       mich erfüllen. Das hat mich psychologisch ziemlich von den Beinen geholt.
       
       taz: Wie viel verdienen Sie? 
       
       Bernschneider: Etwas mehr als eine Viertelmillion im Jahr.
       
       taz: Was hat diese Erkenntnis verändert? 
       
       Bernschneider: Ich sage inzwischen Jobs ab, die wahnsinnig gut bezahlt
       wären. Meine Zeit ist mir mittlerweile wichtiger als Geld. Wenn jemand drei
       Minuten zu spät kommt, ist für mich innerlich schon die nächste Stunde
       kaputt. Vielleicht liegt das am Alter. Man blinzelt einmal und plötzlich
       ist man 50. Wo ist die Zeit hin?
       
       taz: Apropos Zeit. In welchem Outfit möchten Sie mal beerdigt werden? 
       
       Bernschneider: Ich möchte verbrannt werden. Am liebsten nackig. Das letzte
       Hemd hat ja bekanntlich keine Taschen.
       
       18 Jul 2026
       
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