# taz.de -- Abstimmung im EU-Parlament: Union und AfD wollen Pharmakonzerne entlasten
> CDU-Europaabgeordnete fordern zusammen mit der AfD die EU-Kommission auf,
> den Gewässerschutz zurückzufahren. Lob gibt's von der Pharmalobby.
(IMG) Bild: „Herstellerverantwortung“: Pharma- und Kosmetikkonzerne sollten die Verbesserung von Kläranlagen mitbezahlen
Konservative, Rechte und extrem Rechte im EU-Parlament haben die
EU-Kommission aufgefordert, eine ambitionierte Wasserschutzregel
abzuschwächen. Mit der sogenannten Kommunalbwasserrichtlinie, abgekürzt als
„Karl“ bekannt, sollen sogenannte Mikroschadstoffe aus dem Abwasser geholt
werden, darunter auch Ewigkeitschemikalien (PFAS).
Im Kern geht es bei Karl darum, dass Pharma- und Kosmetikkonzerne die
Verbesserung von Kläranlagen mitbezahlen sollen, „Herstellerverantwortung“
genannt. Denn Karl verpflichtet Klärwerke, die das Abwasser von mehr als
150.000 Menschen säubern, zu einer neuen, vierten Reinigungsstufe, die
Mikroschadstoffe und PFAS aus dem Wasser filtern soll.
Damit Verbraucher*innen die entstehenden Baukosten nicht durch
steigende Abwassergebühren tragen müssen, sollen Pharma- und
Kosmetikkonzerne 80 Prozent beisteuern. Dagegen wehrt sich die
entsprechende Lobby. Städtetag und der Verband kommunaler Unternehmen
(VKU), der Stadtwerke vertritt, sind dafür.
Das EU-Parlament hat sich nun dafür ausgesprochen, die
Herstellerverantwortung so lange auszusetzen, bis die Auswirkungen der
Richtlinie „umfassend überprüft“ sind. Dafür stimmte ein großer Teil der
konservativen EVP [1][inklusive der Unionsabgeordneten] sowie die drei
Fraktionen rechts der EVP, darunter auch die meisten AfD-Abgeordneten im
EU-Parlament. Gegen die Aufweichung von Karl stimmten vor allem
Sozialdemokrat*innen, Grüne und Linke.
## Die Bundesregierung verzögert die Umsetzung
Ohne die Herstellerverantwortung „landet die Rechnung allein bei Kommunen,
Verbrauchern und dem Mittelstand“, warnt Karsten Specht vom VKU. „Kosmetik-
und Pharmaunternehmen müssen sich an den Kosten für die Entfernung jener
Mikroschadstoffe im Abwasser beteiligen, die aus ihren Produkten stammen.“
Mitten im laufenden Umsetzungsprozess dürfe nicht gebremst werden, ohne
erweiterte Herstellerverantwortung dürfe es keine Verpflichtung zur vierten
Reinigungsstufe geben, forderte Specht.
In der EU ist die Kommunalabwasserrichtlinie inklusive
Herstellerverantwortung schon verabschiedet, damals noch mit Unterstützung
der EVP. Bis Ende Juli 2027 müssen die Mitgliedsstaaten die Richtlinie in
nationales Recht aufnehmen. Die Bundesregierung zögert aber noch.
Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) mahnte, Karl müsse „praxistauglich“
umgesetzt werden. Der Branchenverband „Pharma Deutschland“ sieht die
Ministerin als Verbündete: „Mit Frau Warken gibt es nun eine weitere
gewichtige Stimme aus den Mitgliedstaaten, die die Unzulänglichkeiten und
Nebenwirkungen der Kommunalabwasserrichtlinie in den obersten Gremien der
Europäischen Union anspricht“, sagt Jörg Wieczorek, Vorsitzender von Pharma
Deutschland. Die Herstellerverantwortung gefährde notwendige Investitionen
in Produktion und Versorgungssicherheit.
## CDU-Politiker: „Zuerst alle entscheidenden Fragen klären“
Der EVP-Abgeordnete Oliver Schenk (CDU) sagte nach der Abstimmung, Europa
dürfe „keine Entscheidungen treffen, deren Folgen für Patienten,
Gesundheitssysteme und Unternehmen [2][nicht ausreichend geprüft wurden]“.
Die Einführung der vierten Reinigungsstufe sei richtig, zuvor müssten alle
entscheidenden Fragen geklärt werden.
Schenk befürchtet insbesondere, dass die Produktion von Generika –
Medikamente, deren Patente ausgelaufen sind – durch die
Herstellerverantwortung zu teuer wird. „Wenn die zusätzlichen Belastungen
dazu führen, dass sich die Produktion bestimmter Generika nicht mehr
rechnet, drohen Marktrücknahmen und eine weitere Abhängigkeit Europas von
außereuropäischen Produktionsstandorten“, warnt er. Specht vom VKU sagt
jedoch, Auswirkungen auf die Versorgungssicherheit seien „derzeit auch
nicht erkennbar“.
[3][Jutta Paulus], Grünen-Abgeordnete im Europaparlament nennt den
Beschluss ein „Geschenk an die Pharma- und Kosmetiklobby“. Bei angespannter
Kassenlage in den Gemeinden seien es die Gebührenzahler, die am Ende zahlen
müssen. „Wer so handelt, verrät das Verursacherprinzip und die Interessen
der Kommunen.“
Das EU-Parlament kann Karl nicht allein abschaffen, sondern nur die
EU-Kommission auffordern, die Richtlinie zu überarbeiten. Ob das geschieht,
ist noch unklar.
18 Jun 2026
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## AUTOREN
(DIR) Jonas Waack
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