# taz.de -- Deutsch-polnische Beziehungen: Neue Harmonie mit alten Eintrübungen
> Eigentlich läuft es zwischen Deutschland und Polen: Der Handel brummt und
> soll wachsen. Wären da nicht die Grenzkontrollen – und ein paar tausend
> Überlebende.
(IMG) Bild: Grenze zwischen Deutschland und Polen: Bald wieder ohne Kontrollen?
Szymon Kacprzak wuchs in der Nähe von Zgorzelec auf, mehrmals pro Jahr
pendelt der Klimaaktivist per Zug von Polen nach Deutschland. Gerade fühlt
er sich wie auf einer Zeitreise. „Ich kenne noch die Zeit, als Polen nicht
Mitglied der EU war, und gerade fühlt es sich wieder so an: Der Zug hält
ewig an der Grenze wegen der Grenzkontrollen.“ Wann hören diese endlich
auf, will er wissen.
Es ist eine der Fragen, die die Harmonie beim deutsch-polnischen Forum in
Berlin beeinträchtigen. Nach acht Jahren fand es am Mittwoch erstmals
wieder im deutschen Außenministerium statt, anlässlich des 35. Jubiläum des
deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrages und mit dem Ziel, die
beiderseitigen Beziehungen zu vertiefen.
Doch in den vergangenen Jahren lief es zwischen den Nachbarn nicht
besonders rund – [1][die PiS-Regierung schürte antideutsche Ressentiments]
und erst am Dienstag kam es zu einer [2][Demonstration vor der deutschen
Botschaft in Warschau], bei der die Demonstranten die Berliner Polizei mit
der Gestapo verglichen. Diese hatte zuvor den Versuch polnischer
Rechtsextremer gestoppt, neben dem Gedenkstein für polnische Opfer der
Nazi-Herrschaft ein Holzkreuz aufzupflanzen.
Der polnische Außenminister Radosław Sikorski, der aus Warschau angereist
war, verurteilte die Aktion. Die Aktivisten seien nach Berlin gekommen, um
für Aufruhr zu sorgen, sie störten den politischen Prozess und handelten
nicht im polnischen Interesse.
## Ein Manuskript, ein Ring und Züge reichen nicht
In Berlin unterzeichnete Sikorski und sein deutscher Kollege Johann
Wadephul (CDU) eine gemeinsame Erklärung, in welcher sich beide Seiten dazu
bekennen, ihre Zusammenarbeit weiter zu vertiefen und Schienen und Straßen
von West nach Ost auszubauen.
Im Beisein beider Minister übergaben die Deutschen den Polen zudem ein
mittelalterliches Manuskript, einen Ring und Eisenbahnminiaturen, die die
Wehrmacht während des Zweiten Weltkriegs aus Polen geraubt hatte. Die
letzten 80 Jahre lagen sie in deutschen Museen und Archiven. Beide
Außenminister lobten den „hervorragenden“ Stand der gegenseitigen
Beziehungen.
In Warschau verpflichteten sich die die Verteidigungsminister Deutschlands
und Polen am gleichen Tag nur wenige Stunden später, dass sich die beiden
Länder im Falle eines Angriffs gegenseitig Beistand leisten werden. Alles
bestens also?
Nicht ganz. Sikorski betonte in Berlin auch, dass Polen nach wie vor von
Deutschland erwarte, [3][noch lebende polnische Zwangsarbeiter zu
entschädigen]. „Die letzten Zeitzeugen des Zweiten Weltkrieges sterben
gerade“, drängte er. „Wenn wir ihnen helfen wollen, dann schnell.“ Polen
würde eine humanitäre Geste der deutschen Seite wirklich sehr begrüßen.
## Unklar, ob Deutschland noch zahlt
Der deutsche Außenminister Johann Wadephul bekannte zwar ebenfalls, er
persönlich sei der Meinung, „wir sollten ein Zeichen der Wiedergutmachung
senden“. Doch auf Nachfrage verwies er auf laufende Haushaltsgespräche.
Konkret geht es um eine Summe zwischen 250 und 300 Millionen Euro. Diese
zumindest hatte Deutschland schon vor zwei Jahren in Aussicht gestellt –
der polnischen Regierung war das damals jedoch zu wenig. Ein ehemaliger
Bundestagsabgeordneter sagte, er habe große Sorge, ob Deutschland überhaupt
noch zahle.
Dass Polen sich mit einem Denkmal für die polnischen Opfer des Zweiten
Weltkriegs zufriedengibt, welches in Berlin-Mitte errichtet werden soll,
ist indes kaum zu erwarten.
## Je schneller weg, desto besser
Was die Grenzkontrollen anbelangt, drängte der polnische Außenminister
darauf, sie möglichst rasch zu beenden. Polen haben die EU-Außengrenze für
1 Milliarde Euro befestigt, damit entfiele der Grund für Binnenkontrollen.
Zudem führten diese zu unnötigen Problemen. Sikorski verwies auf Barrieren
für zigtausende Pendler und den Warenverkehr zwischen Polen und Deutschland
im Wert von 500 Millionen Euro täglich.
Die Vorsitzende des Beirats für die deutsch-polnische Zusammenarbeit,
Henryka Mościcka-Dendys, berichtet von Investoren, die angesichts des
stockenden Verkehrs Vorhaben annullieren würden. „Es gibt viele Argumente
dafür, die Grenzkontrollen aufzuheben“, appellierte sie an die deutsche
Seite.
Wadephul stellte das in Aussicht: „Ich denke, die Umsetzung des Gemeinsamen
europäischen Asylsystems wird bald dazu führen, dass wir sie nicht mehr
benötigen.“ Hinsichtlich konkreter Schritte verwies er aber an seinen
Kollegen vom Innenministerium Alexander Dobrindt, „wenn der zu dem Ergebnis
kommt, dass ein neuer Status möglich ist. Mein Rat ist, das so schnell wie
möglich zu machen.“
Der gleichen Meinung ist auch Szymon Kacprzak, der findet: „Die
Grenzkontrollen hätten eigentlich nie eingeführt werden dürfen.“
18 Jun 2026
## LINKS
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