# taz.de -- DFB-Elf zur WM: Wie ich zum linken Miesepeter wurde
> Ich will die Nationalelf gut finden, wenn sie gut ist. Aber ich will sie
> nicht gut finden müssen, weil Deutschland jetzt unbedingt gute Laune
> braucht.
(IMG) Bild: Thomas Müller, Jürgen Klopp und Mats Hummels (von links) bei Magenta TV: Unterhaltung, Fachlichkeit – Team Deutschland?
Seit ich in einer [1][WM-Doku] in der ARD was sagen durfte, wollen Leute
plötzlich beim Fußballschauen wissen, was denn meine „Expertenmeinung“ sei.
Zu Gast bei Freunden sagte ich also zur Halbzeit des [2][Curaçao]-Spiels
(beim Stand von 3:1) forsch: „Curaçao ist der erwartet schwache Gegner. Und
Deutschland auch.“ Sie schauten mich sehr irritiert an.
Nach Spielende wies ich auf die Schwächen der Doppelsechs in der
Rückwärtsbewegung hin, die man sich gegen einen richtigen Gegner aus meiner
Expertensicht nicht erlauben kann. Damit war ich vollends unten durch. 7:1
gewonnen und dann so ein „Miesepeter“ (Originalzitat)? Ich solle mal
schleunigst eine „Rückwärtsbewegung“ nach Hause antreten.
Auf X wurde mir dann vorgeworfen, ich sei ein „Linker“, der „linke Sachen“
poste. Andere schrieben, ich sei ein „Sackgesicht“, aber man kenne mich,
ich sei gewiss „kein Linker“. Das half nichts. Das Linke an mir sei
einwandfrei bewiesen, erstens durch „die miese Laune“ und zweitens durch
die „falsche Beschreibung der Realität“.
Nun kann man vermuten, das sei ein eigenverschuldeter Einzelfall eines
unsensiblen Haudraufs, aber ich fürchte, dahinter kommt Grundsätzliches zum
Vorschein. Das eine ist, ähnlich wie in der Politikrezeption, die fehlende
fachliche Basis, die mit Moral kompensiert wird. Curaçao kein ernsthafter
Gegner? Respektlos! Rückwärtsbewegung ohne Ball? Elitäres Geschwätz am Volk
vorbei!
## „Wir alle sind Team Deutschland“
Das andere ist die menschliche Sehnsucht nach einer schönen Geschichte und
großen Gefühlen. Sehr verständlich angesichts der zunehmend unschönen
sonstigen Geschichten und dem ständigen Genöle, wie schlimm alles sei. Und
auch positiv: Jenseits der Nationalismus- und Fahnenschwenk-Sorgen der
[3][Ströbele-Zeiten] ist Deutschland einfach ein Fußballteam, dessen Fan
man während der WM ist. Mit Ausnahme von [4][Leroy Sané], auf den alle
negativen Emotionen ausgelagert werden, will man das Gute sehen!
Das betrifft nicht nur die Leute, das betrifft auch die Inhaber
unterschiedlichster Rechte, Produkte und Interessen. Ich habe überhaupt
kein Problem damit, die Nationalmannschaft gut zu finden, wenn sie gut ist.
Ich habe ein Problem, wenn ich sie gut finden soll, ohne zu wissen, ob sie
gut ist, weil „wir“ jetzt positive Vibrationen brauchen, um Umfragewerte,
Einschaltquoten, Moral und CO₂-Emissionen zu steigern.
Aus meiner Erfahrung als WM- und EM-Reporter weiß ich, wie gering der
Bedarf an „kritischem“ Fußballjournalismus ist und wie groß der Bedarf an
Fußballunterhaltung. Ich finde, dass Jürgen Klopp und Thomas Müller beim
Telekom-Sender [5][Magenta-TV] das Genre Unterhaltung plus Fachlichkeit im
Moment klar anführen, besonders offensichtlich im direkten Vergleich mit
Esther Sedlaczek und Bastian Schnarchsteiger (ARD).
Gleichzeitig ist es mir too much, wenn Müller und Klopp ihren Auftrag darin
sehen, „gute Laune“ zu verbreiten und „die Mannschaft zu unterstützen“.
Seit der zugeschaltete DFB-Funktionär [6][Rudi Völler] sagte, die beiden
seien ja „mehr für die Komik“ zuständig, ahnt man, dass Müllers Ansatz beim
DFB zwar vorausgesetzt wird, in diesem Fall aber als nicht eingelöst gilt,
weshalb der komplett kritikresistente Magenta-Conférencier Johannes B.
Kerner die beschwörenden Worte sprach: „Wir alle sind Team Deutschland.“
Leider bezieht sich das nicht auf eine republikanisch agierende
Gesellschaft, die zum Wohle einer gemeinsamen Zukunft bereit ist, sich
einzubringen und auch Abstriche zu machen. Sondern auf einen Rechteinhaber,
der sein Produkt Fußball auf dem deutschen Markt maximal verkaufen will.
Wie gesagt, ich verstehe die Interessen der Kapital- und
Emotionen-Stakeholder, mir ist das nur zu viel, auf keinen Fall Musiala
kritisieren zu sollen, weil der Junge jetzt Zuspruch braucht und auf keinen
Fall Undav zu fordern, weil Havertz doch kurz vor dem Durchbruch zum
WM-Star ist und letztlich die liberale Demokratie sonst vor dem Ende.
Wenn wir dann doch im Achtelfinale ausgeschieden sind, wird sich
selbstverständlich alles umdrehen. Dann ist Generalkritik die oberste
Bürger- und Medienpflicht. Dann haben alle versagt, was aber ja von
vorneherein klar war. Dann sind wir in jeder Beziehung am Ende.
18 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.ardmediathek.de/serie/wm-1994-elf-helden-ein-albtraum/staffel-1/Y3JpZDovL25kci5kZS81MTg0/1
(DIR) [2] /Deutschlands-erster-Gruppengegner/!6186364
(DIR) [3] https://www.deutschlandfunk.de/stroebele-die-grosse-liebe-zur-nation-kann-ich-bei-mir-100.html
(DIR) [4] /WM-Perspektive-von-Leroy-Sane-Das-ewige-Reizthema/!6163353
(DIR) [5] /Magenta-TV/!t5629804
(DIR) [6] /Rudi-Voeller/!t5044882
## AUTOREN
(DIR) Peter Unfried
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