# taz.de -- Pride Parade in Marzahn: Queer am Stadtrand
       
       > Rund 1.000 Menschen kamen zur Marzahn-Pride. Rechte Gegenproteste wie im
       > Vorjahr blieben aus. Doch die Bedrohung von rechts ist dort weiterhin
       > Alltag.
       
 (IMG) Bild: Zwischen grauen Plattenbauten nicht zu übersehen: die Pride-Parade zieht wieder durch Marzahn
       
       Rund um den bunt geschmückten Lautsprecherwagen beginnen viele zu tanzen,
       als der schnelle Beat aus den Boxen ertönt. Ein russischsprachiger Song.
       „Darin geht’s um den Regenbogen – a very gay one“, übersetzt die Person auf
       dem Wagen für diejenigen auf der Parade, die kein Russisch verstehen.
       
       Mit bunten Fahnen, Musik und Seifenblasen ziehen die Pride-Teilnehmer:innen
       dann über die Allee der Kosmonauten. Laut Polizei fanden sich rund 1.000
       Menschen zusammen, um in Marzahn für queere Sichtbarkeit zu demonstrieren:
       „Here & Queer. Loud & Proud“, ist auf einem Plakat zu lesen. „Wenn wir hier
       sind, wo alles bunt ist, fühlen wir uns total repräsentiert. Aber 500 Meter
       entfernt merkt man dann: Man ist irgendwie alleine“, sagt ein Marzahner auf
       der Demo. „Ich kenne einige Leute, die sich nicht getraut haben, heute hier
       zu sein“, sagt er. Und dass er sich mehr Anstrengungen dafür wünsche, auch
       von der Politik, dass Menschen sich sicher genug fühlen, um hinzugehen.
       „Dass alle, die heute Angst hatten zu kommen, in Zukunft keine Angst mehr
       haben müssen.“
       
       Zum siebten Mal jährt sich die Marzahn-Pride, organisiert von Quarteera
       e.V., einem Verein, der sich für russischsprachige Queers einsetzt. [1][Im
       vergangenen Jahr hatte die rechtsextreme Jugendorganisation „Deutsche
       Jugend Voran“ (DJV) gegen die Pride mobilisiert.] Zwar hat es in diesem
       Jahr keine nennenswerte Mobilisierung aus der rechten Szene gegeben, doch
       eine Bedrohung sei trotzdem spürbar: „Ich habe in den letzten Wochen weit
       mehr Sticker abgerissen und überklebt, als in den Monaten davor“, sagt eine
       weitere Demoteilnehmerin aus dem Bezirk: Sie fühle sich nicht immer sicher.
       „Heute hab ich auf meine große Pride-Flagge verzichtet, weil ich ja auch
       erstmal hier herfahren musste und mir dachte, das ist nur eine kleine
       Pride, vielleicht besser ohne.“
       
       Unsicher fühle er sich im Kiez meistens nicht, sagt ein anderer Marzahner
       auf der Demo. „Das liegt aber wahrscheinlich daran, dass man mir nicht
       ansieht, dass ich queer bin“, meint er. Das Regenbogenarmband, was er heute
       trägt – manchmal lasse er es weg, wenn er kurzärmlig unterwegs sei, „wegen
       komischer Blicke“. Eine Teilnehmerin der Demo, ebenfalls aus Marzahn, weist
       auf die [2][starke Präsenz des III. Wegs im Bezirk] hin: „Die sind sehr gut
       organisiert mittlerweile.“ Laut Berliner Register steigt die Zahl
       rechtsextremer Übergriffe generell an. „Ich wohne da, wo die rechten Demos
       meistens starten, wenn sie durch Marzahn ziehen“, sagt eine Teilnehmer:in,
       „und ich höre immer, wie laut diese Leute sind, obwohl es ja angeblich
       ‚nur‘ so wenige sind.“
       
       ## Solidarität aus der Innenstadt
       
       Viele kommen auch aus innerstädtischen Bezirken und sind aus Solidarität
       dabei: „Ich find es so wichtig, dass man zur Pride kommt und die Leute
       supported, die das hier jeden Tag durchmachen“, sagt eine Person. Im
       Vorfeld hatte eine antifaschistische Gruppe aufgerufen, die Veranstaltung
       vor rechten Akteuren zu schützen.
       
       Am Rande der Demo filmt ein bekanntes Gesicht der Neonazi-Szene: Sebastian
       Schmidtke, ehemals stellvertretender Parteivorsitzender der NPD, die sich
       heute „die Heimat“ nennt. „Unsere größten Fans“, sagt eine Demoteilnehmerin
       ironisch – bezogen auf Neonazis, welche die Pride Jahr für Jahr
       „begleiten“. „Von Anfang an sind sie dabei. Filmen uns, stellen das ins
       Internet. Aber die sind weniger als wir“, sagt sie. Schon die erste
       Marzahn-Pride von Quarteera habe sie mitorganisiert. Eine Gruppe empfängt
       Schmidtke mit lauten „Nazis raus“-Rufen, sie schirmen die Demo mit
       Regenschirmen ab.
       
       „Es gibt Leute, die uns hassen, die wollen, dass wir verschwinden“, meint
       eine junge Frau. Nicht zu verschwinden, sondern „zu zeigen: Wir sind hier“
       – das sei wichtig. In dem Sinne lautete das Motto der diesjährigen Pride:
       „Sichtbarkeit ist Widerstand“. Es bedeute auch, „Mut zu haben, sich nicht
       anzupassen“.
       
       Am frühen Nachmittag, die Wolken verdichten sich, findet die Demonstration
       ihren Endpunkt am Victor-Klemperer-Platz. Der Platz ist gesäumt von Ständen
       verschiedener Initiativen: Das Antigewalt-Projekt der Schwulenberatung ist
       da, aber [3][auch der Bundesverband russischsprachiger Eltern e.V. (BVRE),
       die größte migrantische Selbstorganisation der Post-Ost-Community].
       
       Dass diese mit einem Stand dabei sind, das sei ein großer Erfolg, sagt eine
       Frau von Quarteera. Sie hatte die erste Marzahn-Pride mitorganisiert und
       ist dieses Jahr als Teilnehmerin dabei. „Das ist das beste, was ich mir zu
       Beginn meiner Arbeit hätte wünschen können, dass wir inzwischen jedes Jahr
       Stände von russischsprachigen Organisationen haben“, freut sie sich. Denn
       bei der konstanten Bedrohung von rechts geht etwas unter, warum Quarteera
       [4][ursprünglich mit der Marzahn-Pride auf die Straße ging. Sie wollten
       damals gegen Anfeindungen und mangelnde Akzeptanz in der eigenen
       russischsprachigen Community ein Zeichen setzen] und die Queers in Marzahn
       ermutigen, sich auch dort offen zu zeigen.
       
       21 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Luzie Fuhrmann
       
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