# taz.de -- Gesundheit und Behinderung: „Ich kann es mir nicht leisten, unpolitisch zu sein“
       
       > Ärztlich gut versorgt zu werden ist für Lisa Lebuser nicht
       > selbstverständlich. Sie nutzt einen Rollstuhl – und viele Arztpraxen sind
       > für sie unzugänglich.
       
 (IMG) Bild: Für Lisa Lebuser beginnt ein Arztbesuch oft lange vor dem Termin: Die Suche nach einer barrierefreien Praxis kostet Zeit
       
       Der Weg zum Arzt ist für Lisa Lebuser zunächst einmal eine große
       Rechercheaufgabe. Welche Arztpraxis barrierefrei erreichbar ist, welche
       nicht, das kann einige Zeit in Anspruch nehmen. „Du musst dich von A nach B
       durchtelefonieren, es ist quasi ein halber Job obendrauf“, sagt Lebuser.
       
       Nicht auf jeder Homepage sind Informationen dazu verfügbar. Oder die
       Angaben sind nicht zuverlässig: „Ich bin mal zu einer Praxis gefahren, bei
       der stand, dass es dort einen Aufzug gibt.“ Vor Ort musste sie dann leider
       feststellen, dass der Aufzug nur über Treppen erreichbar war. Für Lebuser,
       die im Rollstuhl sitzt, hieß das: Wieder nach Hause fahren.
       
       Lebuser kann viele dieser Geschichten erzählen. Denn was für Arztpraxen
       gilt, gilt ebenso für Cafés, Kinos, Busse, Bahnen und Behörden oder auch
       die Wohnungssuche. Deutschland hat in puncto Inklusion und Barrierefreiheit
       enormen Nachholbedarf. Mit dieser Realität muss die 38-Jährige schon ihr
       Leben lang umgehen. Nur zwei Prozent der Wohnungen in Deutschland sind
       barrierefrei. Für die Privatwirtschaft gelten nur wenig Regeln – und das
       betrifft insbesondere auch die Gesundheitsversorgung für Menschen mit
       Behinderung.
       
       Nach Angaben der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) weisen unter den
       aktuell aktiven Arztpraxen und ambulanten Einrichtungen (Stichtag: 30. Juni
       2025) 64 Prozent kein einziges Merkmal von Barrierefreiheit auf. Bei den
       psychologischen Praxen sind es 75 Prozent. Selbst bei den
       physiotherapeutischen Praxen, die darauf ausgerichtet sind,
       Bewegungseinschränkungen zu verbessern, sind laut Angaben des
       GKV-Spitzenverbands nur 39 Prozent barrierefrei oder rollstuhlgerecht.
       Diese Zahlen gehen aus einer [1][Antwort der Bundesregierung auf eine
       Anfrage der Grünen] hervor.
       
       ## Bloß nicht zu viel Aufwand
       
       Die aktuell von Schwarz-Rot geplante Reform des
       Behindertengleichstellungsgesetzes wäre eine gute Gelegenheit gewesen, die
       Privatwirtschaft zu mehr Inklusion zu verpflichten. Doch der von der
       Bundesregierung vorgelegte Kabinettsentwurf verzichtet genau darauf.
       Unternehmen werden formal zwar dazu verpflichtet, Barrieren abzubauen, aber
       nur wenn es „keine unverhältnismäßige und unbillige Belastung“ darstellt.
       Als solche zählen laut Entwurf „alle baulichen Veränderungen sowie
       Änderungen an Gütern und Dienstleistungen“. Am Montag findet zu dem
       geplanten Gesetz eine Anhörung von Expert:innen im Bundestag statt.
       
       Eine [2][Studie der Universität Bielefeld aus dem Jahr 2020], die explizit
       die gynäkologische und geburtshilfliche Versorgung von Frauen mit
       Behinderung untersuchte, kam zu dem Ergebnis, dass die Versorgungslage
       bundesweit unzureichend ist. Nur selten geben Praxen alle relevanten
       Informationen an. Denn barrierefrei bedeutet für eine Frau im Rollstuhl
       etwas anderes als für eine Frau mit einer Seh- oder Hörbehinderung oder
       kognitiver Beeinträchtigung.
       
       Es geht nicht nur um den Zugang zur Praxis, sondern zum Beispiel auch
       darum, ob die Untersuchungsstühle für mobilitätseingeschränkte Personen
       geeignet sind. Ob Umkleidekabinen und Toiletten groß genug, ob
       Lichtsignale, akustische Signale oder Informationen in leichter Sprache
       vorhanden sind.
       
       Dass Lebuser mühsam Informationen zusammentelefonieren muss, ist teils von
       den Praxen selbst so gewollt. Manche Inhaber:innen von barrierearmen
       Praxen, die in der Studie befragt wurden, wollten Informationen zur
       Barrierefreiheit bewusst nicht den Arztauskunftsdiensten mitteilen, weil
       sie eine zu hohe Inanspruchnahme fürchteten. Die Behandlung von Frauen mit
       Behinderung sei häufig mit einem zeitlichen und personellen Mehraufwand
       verbunden, der nicht speziell vergütet werde, argumentierten sie.
       
       ## Stufen, Türen, Stühle
       
       Dass Lisa Lebuser, die gerade schwanger ist, eine gynäkologische Praxis in
       der Nähe ihres Wohnortes gefunden hat, ist deshalb nicht
       selbstverständlich. „Das war ein Glückstreffer“, sagt sie. Die Praxis wurde
       ihr vom Querschnittszentrum Hamburg empfohlen. Der Untersuchungsstuhl dort
       lasse sich weit herunterfahren und man müsse „die Beine nicht kompliziert
       in diese Schalen legen.“ Lebuser braucht keinen Lifter, um in den
       Untersuchungsstuhl zu kommen.
       
       „Hätte ich eine stärkere Behinderung, wäre die Praxis auch nicht geeignet“,
       sagt sie. Außerdem kann sie die Toilette dort nicht nutzen. Diese sei zwar
       stufenlos, aber für sie zu klein: „Da kriege ich die Tür hinter mir nicht
       zu.“ Die bei Schwangeren regelmäßig nötigen Urinproben bringt Lebuser
       deshalb von zu Hause mit.
       
       Mittlerweile hat Lebuser die wichtigsten Ärzt:innen für sich gefunden.
       Dennoch begegnen ihr immer wieder Hindernisse. In der Kinderwunschklinik,
       in der sie war, war zwar der Untersuchungsstuhl für sie gut nutzbar, aber
       der OP-Tisch für die Eizellentnahme nicht ausreichend höhenverstellbar.
       „Die waren nicht darauf eingestellt, dass Menschen im Rollstuhl vielleicht
       auch ein Kind wollen“, sagt sie. Da sehe sie aber eher die Hersteller von
       Praxisausstattungen in der Pflicht.
       
       Auch defekte Fahrstühle seien für sie ein wiederkehrendes Problem. Erst
       neulich sei bei ihrem Hausarzt der Fahrstuhl kaputt gewesen, als sie sich
       eine Überweisung abholen wollte. Das habe dann ihre Schwiegermutter für sie
       erledigt. Wäre Lebuser akut krank gewesen, hätte sie ins Krankenhaus fahren
       müssen.
       
       ## Mehrfach von der UN gerügt
       
       Lange hat Lebuser in Wohnungen gewohnt, die zwar stufenlos, aber nicht
       rollstuhlgerecht waren. „Ich bin relativ fit und habe einen kleinen
       Rollstuhl. Deswegen ging das.“ Heute lebt sie gemeinsam mit ihrem Mann in
       einer barrierefreien Wohnung im Erdgeschoss. Gerade jetzt in der
       Schwangerschaft merke sie, „dass Stützgriffe am Klo schon was wert sind“.
       
       Die [3][UN hat Deutschland mehrfach dafür gerügt], die
       UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK), die hier seit 2009 in Kraft ist,
       nicht ausreichend umzusetzen. Bislang hatte das aber keine Folgen. Die
       UN-BRK soll eigentlich sicherstellen, dass Menschenrechte auch für Menschen
       mit Behinderungen eingehalten werden. Immer wieder wird der unzureichende
       Status Quo in Deutschland mit angeblich zu hohen Kosten begründet.
       
       Lisa Lebuser kann diese Argumente aus der Privatwirtschaft und den
       wirtschaftsnahen Parteien nicht nachzuvollziehen. Andere Länder würden es
       ja auch besser hinkriegen. „Vor Trump sind wir einmal im Jahr in die USA
       geflogen – als Urlaub von Barrieren“, sagt sie. Denn dort ist
       Barrierefreiheit schon seit vielen Jahren verpflichtend. Sie sei einmal in
       den Universal Studios gewesen, da habe jede Achterbahn einen Aufzug und
       einen Spezialeingang für Rollstuhlfahrer:nnen.
       
       Lebuser kämpft deshalb hierzulande als Aktivistin für Verbesserungen. „Als
       Frau im Rollstuhl kann ich es mir nicht leisten, unpolitisch zu sein“, sagt
       sie. Gemeinsam mit ihrem Mann David Lebuser hat sie die [4][gemeinnützige
       Organisation Sit'n'Skate in Hamburg gegründet], die
       Rollstuhl-Skate-Workshops für Kinder und Jugendliche anbietet. Lebuser geht
       es dabei nicht nur um Bewegung und Selbstermächtigung, sondern auch darum,
       die Sicht auf Menschen, die im Rollstuhl sitzen, zu verändern. „Ich will
       auch Vorbild sein“, sagt sie – trotz aller Barrieren, die ihr in den Weg
       gelegt werden.
       
       21 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://dip.bundestag.de/vorgang/gestaltung-barrierefreier-und-inklusiver-gesundheitsversorgung-umsetzung-konkreter-ma%C3%9Fnahmen/326919?f.deskriptor=Medizinische%20Einrichtung&rows=25&pos=16&ctx=d
 (DIR) [2] https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/5_Publikationen/Praevention/Berichte/Abschlussbericht_E-GYN-FMB.pdf
 (DIR) [3] /Teilhabe-behinderter-Menschen/!5956876
 (DIR) [4] https://www.sitnskate.de/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jasmin Kalarickal
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Leben mit Behinderung
 (DIR) Rollstuhl
 (DIR) Behindertengleichstellungsgesetz
 (DIR) Barrierefreiheit
 (DIR) Reproduktive Rechte
 (DIR) Social-Auswahl
 (DIR) Leben mit Behinderung
 (DIR) Leben mit Behinderung
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Behindertengleichstellungsgesetz: Ein Gesetz, das Barrieren schützt
       
       Die vorgeschlagene Reform des Behindertengleichstellungsgesetzes reicht
       Betroffenen nicht aus. Barrierefreiheit bleibt am guten Willen privater
       Unternehmen hängen.
       
 (DIR) Gleichstellung von Behinderten: Bloß nicht die Unternehmen behindern
       
       Der Bundestag berät am Donnerstag einen Gesetzentwurf für mehr
       Barrierefreiheit. Die Opposition sieht diesen als „Schlag ins Gesicht“ für
       Menschen mit Behinderung.
       
 (DIR) Behindertengleichstellungsgesetz: Kniefall vor der Wirtschaft
       
       Der Gesetzentwurf zur Änderung des BGG schützt Diskriminierer und nicht
       Diskriminierte. Dazu werden Unternehmen auch noch aus der Pflicht zur
       Barrierefreiheit entlassen.