# taz.de -- Gleichstellung von Behinderten: Bloß nicht die Unternehmen behindern
> Der Bundestag berät am Donnerstag einen Gesetzentwurf für mehr
> Barrierefreiheit. Die Opposition sieht diesen als „Schlag ins Gesicht“
> für Menschen mit Behinderung.
(IMG) Bild: Demonstration „Gemeinsam für mehr Inklusion“ in Berlin, 5. Mai 2026
Bevor dieses Gesetz wirken kann, müssen noch einige Barrieren überwunden
werden: Da sind sich die demokratischen Parteien am Donnerstagmorgen im
Bundestag einig. Die Abgeordneten beraten einen [1][Entwurf zur Änderung
des Behindertengleichstellungsgesetzes (BGG)], der durch „umfassende
Barrierefreiheit“ den Weg zu echter Teilhabe für Menschen mit Behinderung
ebnen soll. Das Ziel ist also klar formuliert – an den geeigneten Maßnahmen
dafür hapert es aber noch gewaltig. Denn dass der Gesetzentwurf in der
jetzigen Fassung seinem Anspruch gerecht werden kann, daran zweifeln viele.
Selbst SPD-Sozialministerin Bärbel Bas gibt in ihrer Eröffnungsrede zu:
„Persönlich hätte ich mir mehr gewünscht.“ Der Entwurf kommt aus ihrem
Ministerium und beinhaltet einige neue Regelungen, allen voran
verpflichtende Barrierefreiheit für Bestandsbauten des Bundes bis 2045. In
zwei Jahrzehnten wären Unis, Krankenhäuser und Ämter dann also garantiert
für alle zugänglich – andere Bereiche des Lebens aber noch längst nicht.
Denn private Unternehmen werden im Gesetzentwurf zwar erstmals überhaupt
erwähnt – für sie gelten die Regelungen zum Abbau von Barrieren aber nur im
Rahmen dessen, was die Regierung als „zumutbar“ erachtet. Bauliche
Veränderungen sowie Veränderungen an Waren und Dienstleistungen fallen laut
Gesetzentwurf in die Kategorie der „unverhältnismäßigen und unbilligen
Belastungen“ und sind für die Privatwirtschaft nicht verpflichtend.
Die Kritik der Opposition daran fällt harsch aus. Grüne und Linke fordern,
das Schlupfloch für private Unternehmen zu schließen und eine schnellere
Umsetzung von Barrierefreiheit in öffentlichen Gebäuden als bis 2045. Der
Entwurf sei einzig und allein ein Geschenk für die Wirtschaftslobby und ein
„Schlag ins Gesicht“ für Menschen mit Behinderung, sagt Grünenpolitikerin
Corinna Rüffer. In der jetzigen Verfassung wollen weder Grüne noch Linke
dem Gesetz zustimmen.
## 13 Millionen Menschen mit Behinderung
Auch bei den Sozialdemokraten stößt der BGG-Entwurf auf Widerstand. „Wenn
es um Barrierefreiheit im privaten Sektor geht, stehen wirtschaftliche
Interessen allzu oft über gesellschaftlicher Verantwortung“, kritisiert die
SPD-Abgeordnete Heike Heubach. Die Politikerin ist gehörlos und adressiert
das Publikum in Gebärdensprache, während eine Simultandolmetscherin
übersetzt. Barrierefreiheit sei keine Nischenpolitik, so Heubach. Es gehe
um 13 Millionen Menschen mit Behinderung in Deutschland, um Eltern mit
Kinderwagen, Verletzte auf Krücken und um alle, die im Alter auf leichten
Zugang angewiesen sind.
Nach der Beratung im Bundestag beginnen nun die Verhandlungen in der
Koalition. Die CDU zeigte sich am Donnerstag durchaus offen, die Frist von
2045 zu überdenken. „Denn 2035 haben wir uns als Ziel im Koalitionsvertrag
gesetzt“, bemerkt Unionspolitiker Marc Biadacz. Was die Regelungen für die
Privatwirtschaft angeht, steht bei der Union jedoch deutlich mehr
Zurückhaltung auf der Agenda: Die CDU-Abgeordneten verweisen auf
wirtschaftliche Umsetzbarkeit. „Nicht jedes Problem lässt sich mit Geld
lösen“, sagt Biadacz. „Aber vieles mit Haltung, mit Einsatz und mit
gemeinschaftlichen Handeln.“
Für René Schaar ist das „kompletter Bullshit“. Der taz sagt der Aktivist:
„Da krieg’ ich Puls!“ Schaar beobachtete die Debatte von der
Zuschauertribüne im Bundestag aus und weiß: Barrieren existieren nicht nur
in den Köpfen, sie sind gelebte Realität für Millionen von Menschen. Die
Regierung habe schon 2002 echte Teilhabe versprochen, als die erste Fassung
des BGG in Kraft trat. Und dann nochmal im Jahr 2009, als Deutschland sich
der UN-Behindertenrechtskonvention verpflichtete. „Jahre später gibt es in
Deutschland immer noch keine Barrierefreiheit und ohne Vorschriften für
Unternehmen wird es sie auch nicht geben“, so Schaar.
## Einklagbare Barrierefreiheit gefordert
Der Aktivist ist Initiator einer Petition, die Anfang der Woche anlässlich
des „Europäischen Protesttages zur Gleichstellung von Menschen mit
Behinderung“ an die Regierung übergeben wurde. Über 100.000 Unterschriften
sind zusammengekommen: Für eine Anpassung des BGG-Entwurfs, die einklagbare
Barrierefreiheit in allen Bereichen des Lebens garantiert. „Ich fordere
doch gar nicht viel“, hatte Schaar auf der Bühne vor dem Brandenburger Tor
gesagt. „Ich will nur mit meinen Freunden in die Bar und ins Kino gehen
oder mit meiner Oma zum Arzttermin.“ [2][Beifall kam von Tausenden
Menschen, die sich zum Protest in der Berliner Innenstadt versammelt
hatten.]
Ob das Parlament noch vor Start der Sommerpause Anfang Juli über den
BGG-Entwurf abstimmen wird, ist unklar. Ob die Koalition sich auf eine
mehrheitsfähige Version einigen kann, auch. Heubach möchte sich in den
kommenden Verhandlungen auf klare Regeln für Unternehmen und verbesserte
Klagemöglichkeiten konzentrieren. „In der aktuellen Fassung könnte ich dem
Entwurf nicht zustimmen“, sagt die SPD-Abgeordnete der taz.
7 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://dserver.bundestag.de/btd/21/051/2105140.pdf
(DIR) [2] /Demonstrierende-fordern-mehr-Inklusion-fuer-Menschen-mit-Behinderungen/!6176688
## AUTOREN
(DIR) Jule Frank
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