# taz.de -- Mostar und das Erbe Ex-Jugoslawiens: Traurig, aber normal
       
       > In Mostar ist was los. Und ältere Intellektuelle beneiden die Jungen
       > manchmal um ihre Unbedarftheit. Denn in vielen Köpfen ist der Krieg nicht
       > vorbei.
       
 (IMG) Bild: Blick über Mostar mit der alten, wieder aufgebauten Brücke, die während des Krieges zerstört wurde
       
       Es ist [1][Bayram] in Mostar. Im alten Teil der Stadt rund um die alte
       Brücke drücken sich Touristen und Einheimische durch die engen Gassen. In
       einem der Aufgänge in die obere Stadt singt eine Band bosnische Schlager,
       die Stimmung ist ausgelassen.
       
       Auf der die Altstadt umlaufenden Straße, die immer noch „Marschall Tito“
       heißt, flanieren Frauen mit Kopftuch, Männer in kurzen Hosen, Frauen in eng
       anliegenden, viel Haut freilassenden Kleidern. In den Männercafés weiter
       unten sitzen alte Männer beim Bier und tratschen, der Muezzin singt ein
       Lied, noch schiefer als der Schlagersänger auf der Treppe.
       
       Zwischen dem Bekleidungsgeschäft „Bosnian Kingdom“ und der Botschaft
       Saudi-Arabiens sammeln sich im Laufe des Abends immer mehr junge Leute in
       einem Café, das einstmals die Gebetsschule der Moschee war. Die Kellner
       tragen Zahnspange und Bart, die weiblichen Besucher enge Jeans und T-Shirt.
       
       An einem Tisch sitzen zwei Schriftsteller und unterhalten sich über das
       anstehende Literaturfestival in Mostar. Ein Schriftsteller aus Banja Luka,
       den sie eingeladen hätten, habe in letzter Minute abgesagt. Traurig, aber
       normal. Selbst in der Kulturszene sei die Trennung zwischen den Entitäten
       verfestigt. Es gäbe ein Literaturfestival in Banja Luka, der Hauptstadt des
       serbischen Landesteils von Bosnien und Herzegowina, eines in Sarajevo, der
       Hauptstadt des bosniakischen Teils, und eben das in ihrer Stadt Mostar, der
       Hauptstadt des herzegowinischen, kroatischen Teils.
       
       ## Die beiden vergleichen Mostar mit einer Ampel
       
       Doch anders, als man meinen könnte, sei der Austausch zwischen den
       Literaten der drei Festivals sehr bescheiden. Keiner der beiden
       Schriftsteller aus Mostar war je auf einem der beiden anderen Festivals,
       dafür aber schon in halb Europa auf ähnlichen Veranstaltungen eingeladen
       worden. Beide Männer waren als Kinder vor dem Krieg in Mostar mit ihren
       Familien geflüchtet. Der eine wuchs in Deutschland, der andere in der
       Türkei auf.
       
       Dass der UN-Hauptkommissar [2][Christian Schmidt] seinen Rücktritt erklärt
       hat und das mit den politischen Spannungen im Land und den Einflüssen
       seitens der USA und Russlands begründet hat, kommentieren die beiden so
       lakonisch wie die Absage des Schriftstellers aus Banja Luka: traurig, aber
       normal. Die beiden vergleichen Mostar mit einer Ampel: die Neretva, der
       eiskalte, reißende grüne Fluss, der die Stadt teilt, sei die Kulturgrenze
       zwischen Ost und West und die Bewohner Mostars regulierten den Verkehr
       zwischen den Kulturen. Naturgemäß komme es zwar trotzdem hier und da zu
       Chaos, aber im Großen und Ganzen verstehe man sich hier darauf, das hohe
       Verkehrsaufkommen unfallfrei zu steuern.
       
       Es dauert nicht lange, dann kommt das Gespräch auf die aktuellen Kriege,
       die eigentlich nur eine Überleitung zu dem eigenen der 1990er-Jahre ist.
       Einer der beiden erzählt, dass er mit seiner Mitte 20-jährigen Freundin
       kürzlich den Film [3][„Quo Vadis, Aida]?“ geguckt habe, der das Massaker
       von Srebrenica zum Thema hat. Nach den ersten Minuten habe die Freundin
       ganz ohne Sarkasmus gesagt: „Ich fürchte, der Film geht nicht gut aus“.
       „Natürlich geht er nicht gut aus, was hast du denn gedacht?“
       
       Er beneidet sie um ihre Unbedarftheit. Natürlich wisse sie, was in
       Srebrenica passiert ist, aber schalte nicht sofort auf Panikmodus um. „Ich
       habe entschieden, mit ihr nicht mehr über unseren Krieg zu sprechen. Ich
       will sie nicht mit meinem Trauma vergiften“, sagt der Autor.
       
       Geht das? „Ja“, sagen beide Autoren. Sie seien es lange überdrüssig, über
       „ihren“ Krieg zu reden, auch als Schriftsteller. Würden sie aber nicht über
       „ihren“ Krieg schreiben, würden sie in Europa nicht ernst genommen.
       
       „Reden wir über Armut“, sagt einer der beiden. „Reden wir darüber, dass
       selbst in Mostar nur noch Wohnungen für die Elite gebaut werden, dass
       selbst hier der Massentourismus das normale Leben vernichtet. Wir haben die
       gleichen Probleme wie alle anderen.“ Traurig, aber normal.
       
       30 May 2026
       
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 (DIR) [2] /Ruecktritt-in-Bosnien-Herzegowina/!6178139
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