# taz.de -- Sperrung von KI-Sprachmodellen: Im Biergarten mit der Superintelligenz
> KI ist ein mächtiges Werkzeug – und wird zum Sicherheitsrisiko werden.
> Doch warum warnt die US-Firma Anthropic vor ihrem eigenen Chatbot?
(IMG) Bild: In den „falschen Händen“ könnte Anthropic großen Schaden anrichten
Vor einem Jahr sitze ich mit R. und T. in einem Biergarten in
Berlin-Schöneberg. Die beiden kennen sich mit Computern aus, können coden,
manchmal verstehe ich nur die Hälfte, wenn sie reden. T. erzählt mit
leuchtenden Augen vom neuen KI-Sprachmodell von Anthropic, von dem ich
damals noch nie gehört hatte.
Kurz zuvor war die US-Firma mit einer gruseligen Sensation an die
Öffentlichkeit gegangen. Die neue Version ihres Chatbots Claude hatte in
einem Testlauf versucht, Mitarbeiter zu erpressen, um zu verhindern,
[1][selbst abgeschaltet zu werden]. Anthropic warnte vor den Gefahren, die
von KI ausgehen, forderte Entwickler:innen auf, mehr auf Sicherheit zu
achten und empfahl Regierungen, KI-Unternehmen stärker zu regulieren – also
auch sich selbst. Damals hat mich das ziemlich beeindruckt. Und ich habe
mich gefragt, warum sie das tun.
Heute, ein Jahr später, hat mich die KI-Revolution eingeholt. Am 12. Juni
2026 nahm Anthropic die beiden neusten Claude-Versionen, Mythos 5 und Fable
5, vom Netz. Die US-Regierung hatte angeordnet, die Modelle für
Nichtamerikaner:innen abzuschalten. Da das laut dem Konzern nicht
möglich war, [2][sperrten sie die neuen Bots gleich für alle.]
Das US-Handelsministerium begründete den Schritt mit Sicherheitsbedenken,
führte die aber nicht genauer aus. Dahinter dürfte Folgendes stehen:
Mythos, die „ungesicherte“ Version von Fable, soll extrem gut darin sein,
Sicherheitslücken in Software zu erkennen. In den „falschen Händen“ könnte
das großen Schaden anrichten, man denke an Regierungsdatenbanken, Medizin-
oder Militärtechnik. Davor hatte Anthropic selbst zuvor gewarnt – und sogar
die Veröffentlichung verzögert.
## Besonnener Tech-Riese
Solches Verhalten ist typisch für den Tech-Riesen: Anthropic tritt als der
besonnene, auf Ethik und Sicherheit bedachte Player im KI-Game auf – anders
als Erzrivale OpenAI von CEO Sam Altman, den Schöpfer:innen von ChatGPT.
Während Altman immer wieder fordert, KI müsse allen zugänglich sein, und
sich um Fehler später kümmern will, spricht Anthropics CEO Dario Amodei von
Kontrolle und setzt etwa dem US-Kriegsministerium klare Grenzen.
Im KI-Sektor, aber [3][vor allem bei Anthropic], ist der sogenannte
effektive Altruismus verbreitet, der zum Ziel hat, möglichst effizient
vielen Menschen zu helfen. Auch wenn die Philosophie ihre Tücken hat,
spricht manches dafür, dass es den Kolleg:innen wirklich um das Wohl der
Menschheit geht.
Doch ein anderer Aspekt darf in der KI-Welt nie vergessen werden: Mit Angst
lässt sich auch Geschäft machen. In etwa: Gebt uns das Geld, wir sind die
Guten, sonst entwickeln die Bösen zuerst die Super-KI. Oder einfach: Wenn
Claude sich durch die Firewall des Pentagons hacken könnte, kann es mir
bestimmt auch meine Steuern machen. Anthropic plant, genau wie OpenAI,
gerade den Börsengang.
Nun sitze ich, diesmal allein, wieder in einem Biergarten auf dem
stürmischen Tempelhofer Feld und telefoniere mit meinem Freund R. Wir
sprechen über die neusten Entwicklungen bei Anthropic. R. meint, die
Erfindung von KI werde wohl eines der einschneidendsten Ereignisse unseres
bisherigen Lebens sein. So was wie die Entwicklung des iPhones. Oder der
11. September.
Am Ende ist es egal, ob Anthropic aus Altruismus oder Profitgier handelt.
Fakt ist: KI-Modelle, egal von welcher Firma, werden in Kürze besser
Sicherheitslücken in Software erkennen können als jeder Mensch – und das
wird zu einem Risiko werden. „Das hat auch was Gutes“, sagt R. Denn am Ende
macht es Software durch Trial-and-Error sicherer. Ich frage mich, was bis
dahin passiert. [4][Und wer darüber entscheidet.]
16 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.bbc.com/news/articles/cpqeng9d20go
(DIR) [2] https://www.anthropic.com/news/fable-mythos-access
(DIR) [3] https://www.nzz.ch/wirtschaft/anthropic-boersengang-eine-basler-gruppe-gehoert-zu-den-fruehesten-investoren-des-wertvollsten-ki-startups-der-welt-ld.10010965
(DIR) [4] /Sperrung-der-KI-Modelle-von-Anthropic/!6187188
## AUTOREN
(DIR) Fabian Schroer
## TAGS
(DIR) Kolumne Freidrehen
(DIR) ChatGPT
(DIR) Schwerpunkt Künstliche Intelligenz
(DIR) Pentagon
(DIR) Social-Auswahl
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Schwerpunkt Künstliche Intelligenz
(DIR) Digitalisierung
(DIR) Schwerpunkt Künstliche Intelligenz
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Sperrung der KI-Modelle von Anthropic: Eine Warnung mit gutem Timing
Die US-Regierung will Ausländer:innen von leistungsfähiger KI
aussperren. In Europa sollte man das sehr ernst nehmen.
(DIR) Künstliche Intelligenz: Kaufen, scannen, füttern
Eine Online-Plattform bestellt seit einiger Zeit größere Mengen alter
Bücher. Händler:innen spekulieren über Betrug, doch vieles spricht für
KI-Training.
(DIR) Entwickler von Chatbot Claude: KI-Unternehmen Anthropic will an die Börse
2026 nimmt als Jahr der Mega-Börsengänge Gestalt an. Nach Elon Musks SpaceX
macht jetzt der OpenAI-Konkurrent den Schritt zur Aktienplatzierung.