# taz.de -- Diagnose ME/CFS: Vom Gesundheitssystem ignoriert
> Die 30-jährige Kathi konnte mit ME/CFS nicht länger leben. Ihre
> Freundinnen fordern Hilfe für die, die noch da sind. Karl Lauterbach
> sieht Hoffnung.
(IMG) Bild: ME/CFS-Erkrankte und Angehörige protestieren auf einer Liegenddemo in Berlin
„Sie hat sich verabschiedet mit den Worten, dass sie doch so gerne leben
würde, aber gehen muss, weil sie einfach nicht mehr kann.“ So erinnern sich
Joana Welsing und Johanna Wolff an ihre beste Freundin Kathi, die am 3.
März 2026 durch assistierten Suizid starb. Sie wurde 30 Jahre alt. Die
Diagnose: ME/CFS, etwa die schwerste Version von Long Covid.
„Sie ist gestorben an Ignoranz, Bürokratie und einem kaputten
Gesundheitssystem, weil ME/CFS immer noch nicht die Beachtung geschenkt
wird, die es benötigt.“ Das schreiben die Freundinnen auf dem
Instagram-Account freudichnichtzuspaet_, den sie nach Kathis Erkrankung und
Tod gegründet haben, um ME/CFS sichtbarer zu machen.
Kathi ist nicht die Einzige: Im vergangenen Jahr verzeichnete die Deutsche
Gesellschaft für Humanes Sterben rund 19 Anträge auf Freitodbegleitung, die
mit ME/CFS begründet wurden – zehn davon wurden vermittelt. 2026 entwickeln
sich die Zahlen bislang ähnlich.
Die Voraussetzungen für eine Freitodbegleitung aufgrund von ME/CFS sind
dieselben wie bei jeder anderen Erkrankung: Freiverantwortlichkeit – also
Urteils- und Entscheidungsfähigkeit, ein dauerhafter, wohlerwogener
Sterbewunsch ohne Beeinflussung von außen und die eigenständige
Durchführung. Einfach ist der Weg trotzdem nicht: Wer einen Antrag stellen
möchte, muss zunächst sechs Monate Mitglied der DGHS sein, zwei persönliche
Gespräche durchlaufen und in allen Stufen die Freiverantwortlichkeit
nachweisen. Möglich ist das seit 2020, als das Bundesverfassungsgericht §
217 StGB, das generelle Verbot der Suizidhilfe, für verfassungswidrig
erklärte.
## Weltweit 40 Millionen Betroffene
„Es gibt sehr viele schwerste Erkrankte, die keine ausreichende Versorgung
bekommen – und ein flächendeckendes Netzwerk, das das ändern könnte, fehlt
in Deutschland bis heute“, sagt Karl Lauterbach im Gespräch mit der taz.
Der SPD-Politiker hat seit April 2026 die Schirmherrschaft für die
[1][Liegenddemo] übernommen – eine jährliche Protestaktion, die sichtbar
macht, was ME/CFS bedeutet: Viele Betroffene sind bettlägerig und können
das Haus nicht mehr verlassen. Aus Solidarität legen sich Angehörige,
Freunde und Unterstützer*innen für einige Minuten still auf den Boden,
stellvertretend für all jene, die selbst zu krank sind, um teilzunehmen.
ME/CFS – Myalgische Enzephalomyelitis, auch Chronisches Fatigue-Syndrom –
ist eine schwere neuroimmunologische Erkrankung, d[2][ie Menschen nahezu
vollständig aus dem Leben reißen kann]. Das Hauptsymptom ist die sogenannte
Post-Exertional Malaise (auch Crash genannt): eine extreme Verschlimmerung
aller Beschwerden nach minimaler Anstrengung. Ein kurzes Gespräch, das
Zähneputzen – all das kann reichen, um tagelang flachzuliegen. Im
schlimmsten Fall: jahrelange Bettlägerigkeit ohne Aussicht auf Besserung.
Eine Heilung gibt es bislang nicht. Häufig beginnt die Erkrankung nach
viralen oder bakteriellen Infektionen, auch nach Covid-19. Expert*innen
gehen davon aus, dass die Zahl der Erkrankten durch Sars-CoV-2 Infektionen
stark gestiegen ist.
In Deutschland leben laut dem gemeinnützigen Verein Deutsche Gesellschaft
für ME/CFS rund 650.000 Menschen mit ME/CFS, weltweit sind es über 40
Millionen. Ein Viertel der Erkrankten ist so schwer betroffen, dass sie das
Haus kaum noch verlassen können. Über 60 Prozent der Erkrankten sind
arbeitsunfähig. Besonders häufig tritt ME/CFS im Jugendalter sowie in den
Dreißigern auf. Auch rund 40.000 Kinder sind betroffen. Laut
[3][Kassenärztlicher Bundesvereinigung] erkranken etwa dreimal so viele
Frauen wie Männer.
Für Joana Welsing hängt diese Verteilung mit den fehlenden Reaktionen
zusammen: Sie beschreibt die Krankheit gegenüber der taz auch als „eine
patriarchale Krankheit – eine, bei der Frauen mit diffusen Symptomen seit
jeher nicht ernst genommen werden, bei der dem Körper von Frauen
systematisch weniger geglaubt wird“. So stellt sich die Frage, wie sich die
Forschung entwickelt hätte, wenn nicht überwiegend Frauen betroffen wären,
sondern Männer.
## Die Diagnose kam zu spät
Kathi habe genau das erlebt: monatelang nicht ernst genommen, erst die
Einordnung als psychosomatisch, später Long Covid, schließlich die Diagnose
ME/CFS – zu einem Zeitpunkt, an dem kaum noch Behandlungsmöglichkeiten
blieben.
Kathi war 27, als sie erkrankte, kurz vor dem Masterabschluss in Köln.
Tischtennis am Rathenauplatz, tanzen in der Barracuda Bar, Kioskbier am
Brüsseler: „Kathi hat das Leben wirklich in vollen Zügen genossen“,
erinnert sich Joana Welsing. „Sie war eigentlich nie allein – immer umgeben
von Menschen, hat alle zusammengebracht, motiviert, nochmal rauszugehen,
was zu unternehmen. Sie hat gepusht, sie hat mitgerissen. Ich nenne es
immer ihr kunterbuntes Leben – weil das war es wirklich. In allen Arten und
Weisen. Bis es plötzlich nicht mehr so war.“ Im Sommer 2022 kommt sie aus
Portugal zurück und plötzlich geht es ihr schlecht, ihr Zustand
verschlechtert sich immer weiter, bis sie 2023 die Diagnose ME/CFS bekommt
und nie wieder gesund wird.
Am Ende liegt sie zwei Jahre im Bett. 24 Stunden am Tag mit doppeltem
Gehörschutz und doppelter Augenmaske gegen jegliche Reize. Irgendwann kann
sie nicht mehr sprechen und andere nicht mehr hören. Ihre Familie
kommuniziert mit ihr, indem sie ihr Worte in die Hand schreibt. „Im eigenen
Körper gefangen, praktisch lebendig begraben“ – so beschreibt Joana Welsing
den Zustand ihrer besten Freundin.
Schon 2023 schreibt Kathi ihren engsten Freundinnen eine
Abschiedsnachricht. „Sie weiß nicht, ob sie das überlebt. Das war für mich
der ultimative Stoß – das sieht echt nicht gut aus“, erinnert sich Wesling.
Die Entscheidung für eine Freitodbegleitung fällt im Juni 2025 und am 3.
März 2026 stirbt Kathi im Alter von 30 Jahren.
Das systematische Versagen
ME/CFS ist ein weltweites Phänomen. #MillionsMissing heißt die
internationale Bewegung der ME/CFS-Betroffenen. Millionen Fehlende.
Menschen, die aus ihrem Leben herausgerissen wurden, die nicht mehr
arbeiten können, nicht mehr das Haus verlassen, nicht mehr sprechen.
Menschen, die in ihren Körpern gefangen sind, während die Welt draußen
weiterläuft.
Dabei ist ME/CFS keine neue Krankheit. Die WHO hat sie bereits 1969
anerkannt – und trotzdem gehört sie bis heute zu den am wenigsten
erforschten schweren Erkrankungen der Welt. In Deutschland gab es bis 2020
keinerlei explizite staatliche Forschungsförderung für ME/CFS. Das Ergebnis
dieser jahrzehntelangen Vernachlässigung: Es gibt bis heute weder einen
einfach anwendbaren diagnostischen Marker noch ein einziges zugelassenes
Medikament. Dabei verursacht ME/CFS laut einer Studie [4][der ME/CFS
Research Foundation] (2026) einen gesamtgesellschaftlichen Schaden von rund
33 Milliarden Euro jährlich – allein in Deutschland. Eine Erkrankung, die
so viele Menschen dauerhaft aus dem Arbeitsleben zieht, wäre eigentlich
längst ein politisches Handlungsfeld ersten Ranges.
Ein Grund für die Vernachlässigung: Noch immer gilt ME/CFS in Teilen der
Versorgung als psychosomatisch, obwohl es sich um eine schwere
neuroimmunologische Erkrankung handelt. Diese Fehleinschätzung prägt
Diagnosen, verzögert Behandlung und verschärft das Leid der Betroffenen.
„Es ist keine Krankheit, bei der eine psychische Störung zu einer
organischen führt, sondern es ist umgekehrt. Die schwere organische Störung
führt zu psychischen Begleiterscheinungen“, sagt Lauterbach.
Laut einer [5][Studie von Habermann-Horstmeier & Horstmeier] (2024)
berichten knapp 90 Prozent der befragten ME/CFS-Erkrankten überwiegend oder
ausschließlich von negativen Erfahrungen im deutschen Gesundheitssystem.
Spezialisierte Versorgungsstrukturen oder flächendeckende Schwerpunktpraxen
fehlen weitgehend. Wer schwer erkrankt, ist meist auf die Familie
angewiesen – mit gravierenden finanziellen Folgen für die Angehörigen.
Lauterbach weist darauf hin, dass das deutsche Sozialsystem auf die
besonderen Bedarfe dieser Menschen schlicht nicht vorbereitet ist: „Eltern
können rasch verarmen, wenn das Kind schwer an ME/CFS erkrankt ist“, sagt
Lauterbach.
## Erst nach Jahrzehnten bewegt sich wirklich etwas
Im November 2025 rief die Bundesregierung die „Nationale Dekade gegen
Postinfektiöse Erkrankungen“ aus. Über zehn Jahre sollen 500 Millionen Euro
in die Forschung zu ME/CFS, Long Covid und verwandten Erkrankungen fließen.
Geplant sind jährlich 50 Millionen Euro, die Bündelung der bislang
fragmentierten Forschungslandschaft und eine stärkere Einbindung von
Betroffenenvertretungen wie der [6][DG.ME/CFS]. Gefördert werden unter
anderem Forschung zu Pathomechanismen, Diagnostik, Biomarkern und
therapeutischen Interventionen.
Lauterbach, der als Bundesgesundheitsminister bereits 150 Millionen Euro
für Versorgungsforschung durchgesetzt hatte und ursprünglich eine Milliarde
gefordert hatte, bewertet das Programm vorsichtig optimistisch: „Es hat
eine ordentliche Wahrscheinlichkeit, dass wir Ansätze für die Behandlung
finden werden.“
Trotzdem drängt die Zeit: „Die große Gruppe derer, die jetzt erkrankt ist,
braucht relativ schnell bessere Therapien, damit sich die Manifestationen
dieser Erkrankung nicht verselbstständigen, nicht irreversibel sind. Da
läuft die Zeit davon“, so Lauterbach.
Joana Welsing sieht das ähnlich. Sie spüre, dass das Thema mehr Raum
einnehme, dass sich in der Medizin etwas bewege. Und gleichzeitig: „Es
passiert nicht schnell genug. Es sind 650.000 Leben, die einfach pausiert
sind und wo jeder Tag fast zu viel ist.“ Die 500 Millionen auf zehn Jahre –
das sei gefühlt nichts, gemessen an den Milliarden, welche die Erkrankung
den Staat jährlich koste. Und gemessen daran, wie lange sie ignoriert
wurde.
Für Kathi kam diese Hoffnung zu spät. Ihre letzten Worte waren, dass sie
ihre Freund*innen liebt und dass sie sich wünscht, dass sie ihr Leben in
vollen Zügen genießen. Joana Welsings große Schwester – die ebenfalls an
ME/CFS erkrankt und bettlägerig ist – könnte diese Hilfe aber vielleicht
noch erleben.
Haben Sie suizidale Gedanken? Dann sollten Sie sich unverzüglich ärztliche
und psychotherapeutische Hilfe holen. Bitte wenden Sie sich an die nächste
psychiatrische Klinik oder rufen Sie in aktuen Fällen den Notruf an unter
112. Eine Liste mit weiteren Angeboten finden Sie unter
taz.de/suizidgedanken.
4 Jul 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Selbsthilfe-bei-Long-Covid/!6085469
(DIR) [2] /Long-Covid/!6061866
(DIR) [3] https://www.kbv.de/documents/praxis/tools-und-services/qz/long-covid/qualitaetszirkel-long-covid.pdf
(DIR) [4] https://mecfs-research.org/wp-content/uploads/2026/04/The-rising-cost-of-Long-COVID-and-MECFS-in-Germany-2026-update.pdf
(DIR) [5] https://doi.org/10.1007/s11553-024-01170-8
(DIR) [6] http://dg.me/CFS
## AUTOREN
(DIR) Lilli Messer
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