# taz.de -- US-Giftmüll in Mexiko: Tödliches Geschäft für den Nachbarn
> In der mexikanischen WM-Stadt Monterrey wird viel Giftmüll aus den USA
> entsorgt und verarbeitet. Die Umweltstandards sind lax, die Sterberate
> hoch.
(IMG) Bild: So diesig ist es in der qualmenden Industriestadt Monterrey eigentlich fast immer
Eines der ersten Dinge, die man in der WM-Gastgeberstadt Monterrey
wahrnimmt, ist der Dunst. Monterrey ist von Bergen umgeben, darunter der
1.800 Meter hohe Cierro de la Silla, der auch dem Stadion seine markante
Kulisse verleiht. Doch oft kann man diese Berge nur erahnen. Sie sind
verschleiert von Smog. Das nächste, was auffällt, sind die Fabriken. Selbst
im Zentrum der Millionenstadt stehen Industrieanlagen oder Werkstätten,
rauchende Schlote und Förderbänder. Nachts wirken viele Straßen wie
ausgestorben. Und irgendwann ist da der Körper. Kurzatmigkeit,
Halsschmerzen, juckende Augen, ist es die Luft?
Wie ungesund es wirklich ist, in Monterrey zu leben, [1][das haben 2025
Recherchen des mexikanischen Investigativmediums Quinto Elemento Lab in
Zusammenarbeit mit dem britischen Guardian] aufgedröselt. Monterrey ist die
Stadt mit der schmutzigsten Luft in Nordamerika – und an schlechten Tagen
eine der verschmutztesten der Welt. Etwa 60 Prozent dieser Emissionen
kommen von der Industrie. Denn Monterrey ist eine klassische
Nearshoring-Stadt, ein Beispiel dafür, wie der globale Norden ausgelagerte
Industrien wieder näher heranholt, aber weiter von niedrigen Löhnen, laxen
Umweltstandards und womöglich Steuervorteilen profitiert.
Ein Großteil der Unternehmen hier produziert für den US-Markt – oder
verarbeitet giftige Abfälle aus den USA. Laut der Recherche brachten die
USA 2022 fast die Hälfte ihrer weltweit exportierten gefährlichen Abfälle
nach Monterrey. Monterrey ist die Werkbank und die Jauchegrube des großen
Nachbarn. Dieses System sei mutmaßlich für Tausende Tode jährlich im Gebiet
verantwortlich.
Für Cristóbal Palacios setzten sich, als er all das las, viele Puzzlestücke
zusammen. Palacios ist Anwohner in Monterrey – und im Hauptberuf ist er
Arzt. Ein Treffen mit ihm ist erst spätabends möglich, zu viele Notfälle.
Cristóbal Palacios hat nicht so viel Zeit, wie er gern hätte, um sich um
diese andere Sache zu kümmern. Denn er ist seit 2025 Sprecher eines
Nachbarschaftskollektivs, das sich gegen die schleichende Vergiftung wehrt.
## Gut 4 Millionen Euro Strafe
Drei Gebäude vom Haus des Arztes entfernt verarbeitet die Firma Zinc
Nacional, ein mexikanisch geführtes Unternehmen, Staubreste aus
US-amerikanischem Metallschrott zu Zink. Und dabei werden, wie Quinto
Elemento Lab und Guardian ermittelten, hohe Mengen von giftigem Blei,
Cadmium und Arsen in die Nachbarschaft abgegeben. 83 Millionen Pesos Strafe
(rund 4,17 Millionen Euro) musste Zinc Nacional 2025 dafür zahlen, ein
großer Erfolg der Investigativarbeit. Aber Palacios fragt sich: Und jetzt?
„Als Arzt“, sagt er, „ist das Erste, was ich bei einer Vergiftung mit
Schwermetallen machen muss, die Quelle zu entfernen. Und die Quelle ist die
Fabrik.“ Die aber emittiere weiter ihre Dämpfe. Im anderen Licht sieht er
nun die auffällig vielen gesundheitlichen Beschwerden in der Nachbarschaft.
Die Fruchtbarkeitsprobleme seiner Schwester. Die Entwicklungsverzögerung
seiner Nichte. Bei ihr seien erhöhte Bleiwerte im Blut gefunden worden. Die
hohen Krebsraten.
Schon seit den 1990ern gab es eine Gegenwehr von Anwohner:innen. Nun aber
hatten sie Messwerte. Cristóbal Palacios ging zu Behörden, organisierte
Demos, sprach mit lokalen Medien. „Ich wollte den Autoritäten vertrauen.“
Doch schnell habe er gemerkt, wie er gegen Wände lief.
Gesprächspartner:innen hätten den Konzern verteidigt. Auf Versprechen
der Behörden, neue Umweltstandards zu schaffen, warte er weiter. Mails
seien nicht mehr beantwortet worden. Und die Strafauflage, dass ein Teil
der Prozesse verlegt würde, sei bisher nicht erfüllt.
„Wir sind besorgt, dass man uns vergessen hat“, sagt Palacios. „Wie geht es
jetzt weiter?“ Es habe zur WM Proteste in Monterrey gegen die Industrie
gegeben. [2][Doch anders als die großen Bewegungen in Mexiko-Stadt] drangen
sie medial nicht durch. „Die Regierung behauptet, dass hier alles
ökologisch sei. Aber sobald die WM vorbei ist“, fürchtet er, „werden sie
mit der Zerstörung weitermachen.“ Er mutmaßt, man wolle die Industrie
schützen. „Monterrey wird gemanagt wie eine Firma.“
## Tote für die Profite auf dem US-Markt
Durchaus viel war zum Turnier von Menschenrechtsverbrechen zumindest der
USA die Rede. Große Aufmerksamkeit bekam [3][etwa der Angriffskrieg auf
Iran.] Aber der Fall Monterrey zeigt, wie überholt im globalen Kapitalismus
der reine Blick auf Nationalstaaten und ihr direktes Töten ist. Denn wenn
in Monterrey jedes Jahr Tausende maßgeblich an den Folgen der Produktion
für den US-Markt und der US-Müllexporte sterben, muss man nicht ebenso
drängend davon sprechen? Und so verführerisch es ist, es lässt sich nicht
bloß als US-Thema erzählen in dieser Stadt, wo auch mexikanische,
europäische und asiatische Überreiche sowie der Staat Mexiko von den
Konzernen profitieren.
Die taz hat für diesen Text einen Fragenkatalog sowohl an Zinc Nacional als
auch an zwei Verantwortliche des mexikanischen Umweltministeriums Semarnat
geschickt, mit denen Cristóbal Palacios in Kontakt stand. Es ging etwa um
aktuelle Emissionswerte von Zinc Nacional, die teilweise Verlegung der
Produktion und mögliche neue Umweltrichtlinien. Zinc Nacional meldete sich
nicht zurück. Sergio Zirath Hernández von Semarnat schrieb, dass die
genannte Richtlinie zur Luftverschmutzung und einige weitere derzeit
gemeinsam mit dem „regulierten Sektor, Umweltbehörden auf Bundes- und
lokaler Ebene, Forscher:innen und zivilgesellschaftlichen
Organisationen“ überarbeitet würden. Die interdisziplinäre Gruppe treffe
sich dazu regelmäßig.
Ivette González und Julieta Lamberti von der NGO Poder Latam, die sich für
Rechenschaft von Konzernen in Lateinamerika einsetzt, befassen sich seit
vielen Jahren mit vergleichbaren Menschenrechtsverletzungen. „Mit giftigen
Abfällen wird in Mexiko zu lax umgegangen“, sagt Lamberti. „Oft erleben die
Konzerne keine Konsequenzen.“ Und wie wurde eine Stadt wie Monterrey
Gastgeberstadt, wenn erstmals vorgeblich Menschenrechte bei der Vergabe
eine Rolle spielten? „Das war reine Simulation“, sagt Ivette González. „Es
gab keinen Wettbewerb mit anderen Städten. Die Gastgeberstädte waren längst
ausgewählt, weil sie die beste Infrastruktur hatten. Es gab auch keine
Transparenz, inwiefern Zivilgesellschaft, Gewerkschaften oder
Arbeiter:innen beteiligt waren. Der Staat hat die Verantwortung an die
Privatwirtschaft ausgelagert.“
González und Lamberti wünschen sich, dass der Staat seine Aufgabe
wahrnehme, Konzerne tatsächlich zu regulieren. [4][Mit der aktuellen
linksliberalen Regierung haben sie etwas Hoffnung]: Seit etwas über einem
Monat gebe es ein neues Menschenrechtsprogramm für Konzerne, das eine
juristische Grundlage legen könne. Zudem bräuchten die mexikanischen
Umweltbehörden dringend mehr Personal. Sie sind überzeugt, dass eine
wirksame Kontrolle auch im aktuellen Wirtschaftssystem gelingen könne.
## Mächtige Industrie-Lobby
Verónica García de León indes ist zwiegespalten. Die mexikanische
Investigativreporterin ist mit der Journalistin Erin McCormick für die
Recherche verantwortlich. Sie habe zu mehr Selbstorganisation in der
Nachbarschaft geführt, berichtet sie. Außerdem solle es ab 2027 ein
ambitioniertes Netzwerk geben, das auch Schwermetallbelastung in Monterrey
misst. Aber die Journalistin sagt zugleich: „Vieles, was der Staat macht,
ist Effekthascherei. Es wurde oft versprochen, Konzerne in Monterrey zu
schließen oder zu bestrafen, aber wenig getan.“ US-Konzerne würden die
mangelnde Umsetzung nutzen. Monterrey identifiziere sich seit vielen Jahren
als Industriestandort für die USA. „Aber die Stadt ist so stark gewachsen,
dass die Industrie jetzt nahe an den Anwohner:innen ist.“
Und die Lobby sei stark. „Quellen haben mir erzählt, viele Konzerne in
Monterrey bildeten eine informelle Gruppe. Und wenn man als Arbeiter ein
Problem mit einem davon habe, habe man ein Problem mit allen.“ Und
natürlich bleibt ein grundsätzliches Problem: Wenn Mexiko Standards
umsetzt, geht man eben in ein anderes prekäres Land.
Der Arzt Cristóbal Palacios bestätigt die Sache mit dem historisch
gewachsenen industriellen Stolz. Aber vieles davon sei eine Kampagne der
Industrie. Er selbst habe erlebt, wie Konzerne Arbeiter:innen etwa für
Krankentage bestraften oder es ihnen unmöglich machten, zum Arzt zu gehen.
„Die Bevölkerung wird stark ausgebeutet. Aber sie verkaufen es ihnen
positiv: dass die Leute in Monterrey so fleißig seien und stolz sein
sollen, weil sie von fünf Uhr morgens bis elf Uhr abends ihre Familie nicht
sehen. Und viele glauben das.“ Gleichzeitig seien die Menschen stark
beunruhigt. In Monterrey gebe es eine erhöhte Rate von Krebs, Allergien und
Atemproblemen. „Alle Bürger:innen, mit denen ich gesprochen habe, sind sich
einig, dass die Industrie ein Problem für unsere Gesundheit ist und wir was
tun müssen.“
Eigentlich. Und doch – die Arbeiter:innen in den Unternehmen von
Monterrey schweigen. Er habe mit Angestellten gesprochen, die selbst in der
Nähe von Zinc Nacional lebten und sich Sorgen machten, sagt Palacios. Die
hätten offen gesagt: Ich teile eure Meinung, aber ich kann nichts sagen. Er
habe auch von der medizinischen Abteilung des Konzerns gehört, dass man
sich Sorgen um eine mögliche Haftung mache. Aber letztlich hingen hier
viele Menschen von der Industrie ab. Es sei schwierig, Gegendemos zu
organisieren.
Konzerne würden Informant:innen einschleusen. Er selbst habe Drohungen
erhalten. „Es ist ein einsamer Kampf.“ So bleibt Monterrey doch eine
kapitalistische Systemfrage: Solange Macht so ungleich verteilt ist und
sich unmoralisch viel Geld verdienen lässt, bleibt zu viel Last an
Einzelnen hängen. Wie an Verónica García de León, die derzeit an
Folgegeschichten recherchiert. Und Cristóbal Palacios, der weitermachen
will. „Vielleicht liegt es am Blei in meinem Blut“, sagt er schmunzelnd,
„aber ich fürchte die Gefahr nicht. Ich fühle mich dem Gemeinwohl
verpflichtet.“
26 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.theguardian.com/us-news/ng-interactive/2025/jan/14/monterrey-mexico-steel-us-toxic-waste
(DIR) [2] /WM-Demonstrationen-in-Mexiko/!6186941
(DIR) [3] /Iran-bei-der-Fussball-WM-2026/!6186274
(DIR) [4] /Linke-in-Lateinamerika/!6123131
## AUTOREN
(DIR) Alina Schwermer
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