# taz.de -- Kampf um Demokratie: In Osteuropa ist gerade Frühling, liebe Linke
> Osteuropäische Gesellschaften gehen in Massen auf die Straße gegen
> Korruption und Naturzerstörung. Sie haben mehr von uns verdient als
> Lobbyisten.
(IMG) Bild: Protest in Tirana Albanien gegen die Regierung, die ein Luxusresort in einem ökologisch sensiblen Küstenabschnitt bauen lassen möchte
Seit einigen Sommern rangiert Albanien ganz oben auf der Liste der
[1][ultrabekannten Geheimtipps] unter den Mittelmeeranrainern:
Easyjet-Anschluss, Matcha-to-go-Angebote, Ruinen von antik bis modern,
Appartements, Restaurants und Bars, die so aussehen wie in Nizza,
Barcelona, Cinqueterre, Dubrovnik, Antalya, Rhodos oder Mainz.
Seit einigen Wochen rangiert Albanien ganz oben auf der Liste der
osteuropäischen Gesellschaften, die gegen Korruption, Ausverkauf und
Naturzerstörung in Massen [2][auf die Straße gehen,] um ihre Regierung
unter Druck oder gleich ganz abzusetzen.
Seit etwa zwei Jahren tun dies die Gesellschaften in Serbien, in Georgien,
in Ungarn. Seit der Abwahl von Viktor Orbán haben sich die Proteste in
Freudenfeiern verwandelt.
Ob sich Ungarn in Bälde wieder auf die Straße begeben muss, weil sich am
politischen Klima nicht viel geändert hat, steht freilich in den Sternen.
So wie jede Hoffnung auf Veränderung durch neues politisches Personal nach
einer demokratischen Wahl sich nicht zwingend, eher sogar selten erfüllt.
## Etwas anderes als ohnmächtig vor dem Laptop zu sitzen
Die Protestierenden in Ungarn – so wie derzeit in vielen Teilen Osteuropas
– haben Repressalien wie Jobverlust, soziale Ächtung, ja sogar
Freiheitsberaubung durch Verhaftung in Kauf genommen. Das Gefühl, ein
System gestürzt zu haben, unter dem sie gelitten haben, kann ihnen niemand
mehr nehmen – egal, wohin sich das neue System entwickelt. Es ist die
Gewissheit, dass es etwas anderes gibt, als ohnmächtig und mit
Zukunftsangst vor dem Laptop sitzen zu müssen.
Auch wenn es abschreckende Beispiele wie die iranische Situation gibt, das
Beispiel Ungarn hat auch andere, aktuell die Menschen in Albanien ermutigt,
sich ihrer Autokraten zu entledigen.
Ich habe es [3][schon öfter an dieser Stelle] gesagt: wir erleben einen
(ost)europäischen Frühling. Aber Westeuropa guckt gönnerhaft drüber hinweg.
Gäbe es diese großen Demos in Frankreich, Spanien, Italien – es gäbe
mutmaßlich eine größere öffentliche Empathie. Mit den Frauen, der
Opposition, der Jugend in Iran, mit den Bewohner*innen des
Gazastreifens, ja selbst mit der Hamas gab es diese öffentlichen
Solidaritätskundgebungen von linker Seite. Mit denen in Osteuropa nicht
oder kaum wahrnehmbar.
Dass sich US-amerikanische Firmen, die der Trump-Familie nahestehen, in den
Balkan einkaufen und dort Luxusresorts oder Gasleitungen kaufen, dass sich
damit auch politische Allianzen mit dortigen Autokraten verbinden, sollte
den Westeuropäern mindestens eine Kundgebung wert sein. Orbán ist
abgewählt, aber seine politischen Gleichgesinnten auf dem Balkan werden
sich davon nur bedingt abschrecken lassen.
Es ist nicht nur das Stillschweigen der EU, es sind – so verschwörerisch
das klingt – auch Wirtschaftsinteressen im Spiel. Erst diese Woche zeigte
eine Recherche, die der [4][Spiegel] veröffentlichte, dass die deutsche
Regierung mit Serbien Standortvorteile verhandelte, um Zugang zu einem der
größten Lithiumvorkommen Europas zu bekommen. Um die Sache zu regeln,
bezahlte die deutsche Regierung einen deutschen Experten, der die serbische
Regierung dahingehend beraten sollte: Jörg Heeskens, der „wohl einzige
Präsidentenberater, den die Bundesregierung im Ausland finanziert“, wie es
der Spiegel schreibt.
Statt nach jedem Social-Media-Postpups von Trump und jedem Israel-Aufreger
eine Kundgebung zu organisieren – eine Social-Media-Empörung ist eine
solche Kundgebung –, wäre es für die europäische Linke vornehmer und
ergiebiger, sich mit den Protesten in Osteuropa zu solidarisieren. Es fehlt
eine europäische Linke, [5][die auf den (ost)europäischen Frühling setzt.]
Was für eine verpasste Chance. Noch ist es nicht zu spät.
28 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Urlaub-in-Albanien/!6116322
(DIR) [2] /Bauvorhaben-von-Ivanka-Trump/!6189830
(DIR) [3] /Aufbruchstimmung-in-Osteuropa/!6137279
(DIR) [4] https://www.spiegel.de/wirtschaft/serbien-wie-berlin-fuer-lithium-vucics-berater-finanziert-a-b9ad24a7-8292-420b-86c4-21561224f9cc
(DIR) [5] /Ein-Herz-fuer-Osteuropa/!6052976
## AUTOREN
(DIR) Doris Akrap
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