# taz.de -- Nationaler Bildungsbericht: Einmal benachteiligt, immer benachteiligt
> Trotz vieler Reformen kommt Deutschland bei der Chancengerechtigkeit
> nicht voran. Bund und Länder setzen auf mehr Investitionen in Kitas.
(IMG) Bild: Frühe Benachteiligungen können Grundschulen nicht mehr ausgleichen
Das deutsche Bildungssystem bleibt höchst ungerecht. Das zeigt der
„Nationale Bildungsbericht 2026“, den Bundesbildungsministerin Karin Prien
und Berlins Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (beide CDU) am
Montag in Berlin vorgestellt haben. Demnach hängt der Bildungserfolg nach
wie vor maßgeblich vom Einkommen und Bildungsgrad der Eltern ab.
Beispielsweise liegt die Wahrscheinlichkeit für 15-Jährige aus sozial
benachteiligten Familien, im Lesen die Mindeststandards zu verfehlen, fast
fünfmal so hoch wie für besonders privilegierte Schüler:innen. Beim Rechnen
ist das Risiko für diese Gruppe sogar noch höher.
Wirklich neu seien die Ergebnisse leider nicht, sagte der Frankfurter
Bildungsforscher Kai Maaz, der die Ergebnisse im Namen der insgesamt 23
Autor:innen zusammenfasste. „Wir konnten aber nachzeichnen, dass wir von
der frühen Bildung bis zur Weiterbildung durchgehende und ausgeprägte
soziale Ungleichheiten haben.“ So haben benachteiligte Kinder im Alter von
zwei Jahren einen geringeren Wortschatz und eine halb so große Chance auf
einen Kitaplatz, schaffen es seltener aufs Gymnasium, erreichen niedrigere
Schulabschlüsse, brechen häufiger ihre Ausbildung ab und entscheiden sich –
wenn sie das Abi machen – öfter gegen ein Studium.
Maaz riet der Politik, im Kampf gegen die Chancenungleichheit früher zu
beginnen und stärker auf besser gelingende Übergänge zwischen Kita, Schule
und Ausbildung zu achten. Das sei auch wichtig, um weiteren bedenklichen
Trends entgegenzuwirken. Beispielhaft verwies Maaz auf den zuletzt sehr
stark auf rund ein Viertel gestiegen Anteil an Schüler:innen, die die
Mindeststandards in Mathe verfehlen. Auch habe sich die Zahl der
Jugendlichen, die die Schule ohne Abschluss verlassen, auf knapp acht
Prozent erhöht.
Grundsätzlich legten die Autor:innen in dem Bericht den
Bildungsverantwortlichen nahe, Ressourcen stärker zu bündeln. So hätten
Bund und Länder allein in den vergangenen zwei Jahren mehr als 350
verschiedene Maßnahmen zur Reduzierung der Bildungsungleichheit
durchgeführt. Die vielleicht bekannteste ist das „Startchancen-Programm“,
über das Bund und Länder für zehn Jahre 4.000 Brennpunktschulen bundesweit
fördern.
## Prien nimmt Eltern in die Pflicht
Dringenden Handlungsbedarf erkennt Bundesbildungsministerin Prien in der
frühen Bildung: „Die Bildungsschere öffnet sich mit der Geburt“, sagte
Prien. Um zu verhindern, dass Kinder teils mit „dramatischen
Lernausgangslagen in der Schule ankommen“, müssten Bund, Länder und
Kommunen im Vorschulbereich konsequent testen und fördern. Prien kündigte
an, noch vor der Sommerpause das sogenannte Kitaqualitätsentwicklungsgesetz
ins Parlament einzubringen, mit dem der Bund den Ländern wie bisher mit
mehreren Milliarden Euro unter die Arme greifen möchte.
Über das neue Gesetz sollten erstmals bundesweit geltende Standards für die
Kitaqualität definiert werden. Zudem könnte laut Prien auch vereinbart
werden, wie Kitas ihr Personal auch trotz sinkender Kinderzahlen im System
halten können oder dass Städte auch in Brennpunktvierteln ausreichend
Kitaplätze zur Verfügung stellen. Prien nahm aber auch die Familien in die
Pflicht, ihre Kinder bestmöglich zu fördern: Wenn Eltern zu Hause immer
weniger vorläsen und schon Kleinkinder vor den Bildschirm setzten, müsse
der Staat darauf hinweisen.
Ähnlich äußerte sich Katharina Günther-Wünsch, die die
Bildungsministerkonferenz in Abwesenheit der turnusmäßigen Präsidentin Anna
Scholz aus Bayern (Freie Wähler) vertrat. „Uns treibt sehr um, warum es uns
nicht gelingt, den Bildungserfolg von der Herkunft zu entkoppeln“, sagte
die Berliner Bildungssenatorin. Günther-Wünsch betonte aber, dass sich die
Länder gerade auf den Weg machten, Kinder nach dem Vorbild Hamburgs im
Kita-Alter auf ihre Sprachkenntnisse zu testen und zu fördern.
## 16 Länder, 16 Konzepte
Tatsächlich haben [1][viele Länder zuletzt entsprechende Pläne beschlossen
oder angekündigt]. Von einem einheitlichen Weg sind sie aber noch weit
entfernt. So testen manche Länder aktuell nur die Kinder, die nicht in die
Kita gehen. Eine verpflichtende Förderung schreiben derzeit nur 8 der 16
Länder vor.
Anja Bensinger-Stolze, Vorstandsmitglied des Organisationsbereichs Schule
der Bildungsgewerkschaft GEW, sieht die Gründe der anhaltenden
Chancenungleichheit woanders: Die Ergebnisse des Nationalen
Bildungsberichts bestätigten, dass die frühe Aufteilung der Kinder in
Gymnasien und andere Schulformen nicht mehr zeitgemäß sei. „Wir brauchen
ein längeres gemeinsames Lernen“, sagte Bensinger-Stolze der taz.
Mehr Investitionen in frühe Bildung oder in Programme für Brennpunktschulen
begrüße sie. Wenn Bund und Länder dann gleichzeitig aber [2][an anderer
Stelle die Sozialprogramme zusammenkürzten], könne sich nicht wirklich
etwas verbessern: „Das geht schließlich zulasten der Familien, deren Kinder
man eigentlich fördern möchte.“
15 Jun 2026
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## AUTOREN
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