# taz.de -- Berlin setzt Gewalthilfegesetz um: Die Stimme der Betroffenen
       
       > Das Gewalthilfegesetz soll Beratung und Schutz für Frauen sichern.
       > Betroffene sehen jedoch Lücken und fordern strukturelle Veränderungen.
       
 (IMG) Bild: Anspruch auf Beratung und Schutz: Das Gesetz ist da, Frauenhausplätze fehlen
       
       Jede dritte Frau in Deutschland ist mindestens einmal in ihrem Leben
       betroffen von sexualisierter und/oder häuslicher Gewalt. Die Kampagne
       #ichbinjededritteFrau, initiiert von Alice Westphal, soll Betroffenen Mut
       machen, ihr Schweigen zu brechen – so, wie sie selbst es nach vielen Jahren
       getan hat.
       
       Sexualisierte Gewalt müsse endlich als gesellschaftliches Problem ernst
       genommen werden, sagt sie: „Ich finde, das macht Spanien zum Beispiel sehr
       gut. Wird ein Femizid öffentlich, werden die Nachrichten für eine
       Schweigeminute unterbrochen.“
       
       Aber auch schon eine Aufschrift auf der Brötchentüte kann ein Zeichen
       setzen: Westphal erzählt von einer Aktion, bei der Bäckereien am
       internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen und Mädchen Brötchentüten mit
       allen Notrufnummern ausgeben würden. [1][„Gewalt kommt nicht in die Tüte“]
       war auf ihnen zu lesen. Darüber zu sprechen, könne viel verändern, ist sich
       Alice Westphal sicher: „Ich merk's ja bei mir, ich halte jetzt nicht mehr
       meine Klappe.“
       
       Sie sei selbst Betroffene sexualisierter Gewalt, habe vor einigen Jahren
       das erste Mal öffentlich darüber gesprochen. Seit vier Jahren ist sie daher
       Teil des [2][Betroffenenrats] von S.I.G.N.A.L. e. V., einem politischen
       Gremium aus gewaltbetroffenen Frauen, das sich für mehr Sichtbarkeit der
       Perspektiven Betroffener einsetzt. „Wir sind keine Selbsthilfegruppe“,
       betont Westphal. Stattdessen gehe es darum, politische Strukturen zu
       verändern, sich beispielsweise für die Finanzierung von Projekten oder
       Beratungsstellen einzusetzen. „Wir arbeiten an Visionen, die eigentlich
       Standard sein sollten“, sagt Westphal.
       
       Sie hätte sich einen anderen Umgang mit ihren Traumaerfahrungen gewünscht:
       „Ich wurde im öffentlichen Raum vergewaltigt. Ich hatte einen männlichen
       Arzt, der mich damals untersucht hat, und ich kann mich an gewisse Sprüche
       und Fotografien noch erinnern“, meint Westphal. „Jetzt im Nachhinein denke
       ich: Natürlich wäre das ganz anders gewesen, hätte ich dort einen
       wertschätzenden, professionellen Menschen gehabt.“ In dieser Hinsicht sei
       Deutschland „verschlafen“. [3][In anderen Ländern hingegen gebe es bereits
       geschulte Pflegefachpersonen] – Forensic Nurses – die für professionelle
       Fotodokumentation und Spurensicherung zuständig sind.
       
       ## Oft nicht ernst genommen
       
       Ein traumasensibler Umgang mit Betroffenen bedeute außerdem, Betroffenen zu
       glauben, so Westphal. Sie schildert, in Befragungen oftmals nicht ernst
       genommen worden zu sein: „Frauen sind in Todesangst“, sagt sie. „Ich kann
       mich nicht an Details erinnern, weil ich in einem Überlebensmodus bin. Aber
       wenn ich das nicht kann, dann bin ich nicht mehr glaubwürdig.“
       
       Im Betroffenenrat setzt Westphal sich unter anderem für Schulungen zu einem
       traumasensiblen Umgang mit Betroffenen sexualisierter Gewalt ein: „Es muss
       verpflichtend Teil der Ausbildung der Polizei, der Jurist:innen, der
       Jugendamtsmitarbeitenden, im Gesundheitsbereich werden“, so Westphal.
       
       Nun soll das Gewalthilfegesetz erstmals einen bundesweiten Rechtsanspruch
       auf Beratung und Schutz für gewaltbetroffene Frauen bieten. In Berlin wird
       das jetzt umgesetzt. In dem Gesetz sieht Westphal zwar eine Chance: „Wenn
       es so umgesetzt wird, wie es angedacht ist, dann wäre das ein erster
       Schritt“, sagt sie. Doch an einer Umsetzung des gesetzlichen Anspruchs auf
       Schutz und Beratung, so wie er auf dem Papier angedacht ist, hat sie
       Zweifel: „Ich frage mich, wie das funktionieren soll, weil es gar nicht
       genügend Frauenhausplätze gibt.“
       
       Mit [4][2,6 Milliarden Euro will sich der Bund bis 2036] beteiligen, um den
       Ausbau der notwendigen Strukturen für die Länder möglich zu machen. Doch
       angesichts aktueller Kürzungen sei man froh, wenn mit den Geldern der
       Status quo erhalten werden könne, so Westphal: „Es ist meine Sorge, dass
       damit nur Löcher gestopft werden.“ Hier eine gestrichene Beratungsstelle,
       dort eine Stelle im Frauenhaus, die nicht neu besetzt wird. „Jetzt sind es
       kleine Dinge, wo die Leute nicht aufstehen. Aber die werden in ein paar
       Jahren eine riesige Wirkung haben. Wir müssen jetzt dagegensteuern“, betont
       Westphal.
       
       18 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.berlin.de/ba-neukoelln/politik-und-verwaltung/beauftragte/gleichstellung/artikel.150153.php
 (DIR) [2] https://traumanetz.signal-intervention.de/betroffenenrat
 (DIR) [3] /Opferschutz-in-Deutschland/!5619385
 (DIR) [4] /Gewalthilfegesetz-wird-kommen/!6062269
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Luzie Fuhrmann
       
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