# taz.de -- Die Wahrheit: Kleine Taschenlampe, brenn …
> In genau drei Monaten, am 16. September, wird die Taschenlampe 959 Jahre
> alt. Anlass, schon mal auf die Geschichte der Lichtbringerin
> zurückzublicken.
(IMG) Bild: Äh, wo kommt dieser Strahl denn jetzt her?
Wer die Geschichte der Taschenlampe von Anfang an erzählen will, muss weit
zurückreisen in die dunklen Stunden des Mittelalters. Am 16. September 1067
geschah es, dass ein Mönch in einem Pyrenäenkloster eine Kerze in eine
große Tasche aus Leinen steckte, man könnte auch sagen, in einen Sack, um
darin seine Bibel zu suchen. Der Sack brannte ab, aber die Idee blieb.
Fortan leuchteten Menschen auf der ganzen Welt begeistert in ihre Taschen.
Talglampen, Pechfackeln, Altarkerzen, alle Arten von Lampen wurden jetzt in
Taschen gesteckt. Hosentaschen, Westentaschen, Zahnfleischtaschen, alle
Arten von Taschen erstrahlten nun von innen.
Diverse Quellen zeugen von der raschen Verbreitung der Taschenlampe in den
folgenden Jahrzehnten. Ein griechisches Handbuch für die Landwirtschaft aus
dem 11. Jahrhundert zeigt die Zeichnung eines Jungbauern, der mit einem
brennenden Kienspan seine Rocktasche ausleuchtet. Für das Jahr 1123
vermerken die Chroniken der Stadt Worms: „ein lêhen-hërre beliuhtete sîn
tasche mit einer wahs-kerze“. Die Fundstelle belegt, dass spätestens ab dem
frühen 12. Jahrhundert auch Lehnsherren und Adlige zur Taschenlampe
griffen.
Während die einfache Bevölkerung Fackeln oder Trankerzen verwendete,
beleuchtete die Oberschicht ihre Taschen mit edlen Kerzen aus Bienenwachs,
das in den weiten Wäldern Kareliens gesammelt und von Kaufleuten der Hanse
nach Europa verschifft wurde. Im Barock waren die Taschenlampen prächtiger
denn je. An den Höfen steckten die Menschen üppige Kronleuchter in
zierliche Beutel aus feinster Seide.
## Walrat
Erstmals wurden in dieser Zeit weiße Kerzen aus Walrat hergestellt, die
besonders sauber verbrannten und in den beleuchteten Taschen keinen Geruch
hinterließen. Was aber fanden die Menschen in ihren beleuchteten Taschen?
Brotkrumen und Frühstücksfleisch, vor den Schulferien vergessene
Pausenbrote, manchmal auch Beweisstücke.
Die Industrialisierung veränderte Lampen und Taschen gleichermaßen. In der
zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beleuchteten die Menschen ihre Flachs-
und Kattuntaschen zuvorderst mit Gaslampen. Das anfängliche Problem der
hohen Brandgefahr blieb bestehen. Immer wieder erfasste das offene Feuer
einer Lampe den Taschenstoff. Erst die Erfindung des elektrischen Lichts
machte den Einsatz von Taschenlampen sicher und ermöglichte diverse neue
Formen der Taschen-Lampen-Kombination.
Koffer mit eingebauter Glühlampe und Rucksäcke mit eingehängter
Lichterkette gehörten lange zu den gebräuchlichsten Varianten. Erwähnt sei
auch die Lavalampe in der Clutch, die für die 1990er Jahre stilprägend war.
Etwa seit der Jahrtausendwende nutzen nur noch wenige Menschen ihre
Taschenlampe, um ihre Taschen zu beleuchten. Stattdessen leuchten heute
meist andere Dinge in ihrem Lichtkegel, zum Beispiel Böden, Böschungen und
Gesichter.
Während die Welt durch Straßenlaternen und Leuchtreklamen in immer hellerem
Licht erstrahlte, verdunkelten sich die Taschen während der vergangenen
Jahrzehnte. Heute gehören Taschen neben Dunkelkammern und Geisterbahnen zu
den am schlechtesten beleuchteten Orten.
Hat sich das Anwendungsgebiet der Taschenlampe also verändert, ist ihre
gesellschaftliche Bedeutung nicht geschrumpft. Die Taschenlampe überwindet
auch heute gesellschaftliche Gräben, vielleicht mehr denn je. Den Ganoven
kommt sie ebenso zur Hilfe wie den Kriminalern. Ökologisch gesinnte
Campingliebhaber greifen zur Taschenlampe genau wie der Kfz-Mechatroniker,
der unter seiner Hebebühne sonst im Dunkeln stünde.
## Gar das Universum
Nicht wegzudenken ist die Taschenlampe von der Packliste für das Zeltlager.
Nach dem Zähneputzen leuchten die jungen Sommerreisenden vor ihren Zelten
um die Wette. Welcher Lichtstrahl ist länger, erreicht die Wolkendecke, gar
das Universum?
Einen vorübergehenden Höhepunkt erreichte die Geschichte der Taschenlampe
mit der Kurbeltaschenlampe. Vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und
Katastrophenhilfe wird sie in einer Reihe mit dem Westfälischen
Linseneintopf von Erasco genannt, als Must-have für dunkle Stunden. Immer
im Kreis muss man kurbeln, damit die Kurbeltaschenlampe leuchtet. Wenn man
falsch herum dreht, entsteht ein schwarzes Loch.
16 Jun 2026
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(DIR) Paul Amsel
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