# taz.de -- Die Wahrheit: Passt durch oder passt nicht durch?​
       
       > Weil die Preise steigen, empfehlen die Verbraucherzentralen ab sofort und
       > bis auf Weiteres den Einkauf mit Schablone​.
       
 (IMG) Bild: Auch für den Erwerb von Kloschüsseln ein Muss: die Schablone
       
       Frisches Obst, Gemüse, Reis und auch Nudeln gehören zu den Dingen, die im
       Supermarkt angeboten werden. Aber auch andere Lebensmittel wie
       Freilandeier, abgefüllte Suppen und Birnen stehen in den Regalen. Wenn es
       nach dem Bundesverband der Verbraucherzentralen geht, sollen diese Produkte
       künftig nur noch dann im Einkaufswagen landen, wenn sie durch die Schablone
       passen. Angesichts steigender Verbraucherpreise sei das technische
       Hilfsmittel im Supermarkt unentbehrlich, heißt es in einer neuen
       Einkaufsempfehlung.
       
       Ein Ortsbesuch in einem Discounter in der Bremer Neustadt. Ist die
       Schablone als Einkaufshilfe schon im Alltag der Verbraucherinnen und
       Verbraucher angekommen? Mareike Schnittelbeck steht gerade beim frischen
       Spinat, der in Plastikbeuteln, groß wie Kopfkissen, im Gemüseregal
       angeboten wird. „Schon wieder gammelig“, schimpft sie. Ob sie sich freuen
       würde, die Kaufentscheidung mithilfe einer Schablone zu treffen, fragt der
       Reporter. „Ja, und wiederum auch nein“, antwortet die Frau. „Helfen würde
       eine Schablone schon, aber ich habe beim Einkaufen immer die Hände voll und
       könnte die Schablone daher nicht benutzen, daher würde sie mir überhaupt
       nicht helfen.“
       
       Was durch die Schablone passt, darf gekauft und gegessen werden; was nicht
       hindurchpasst, davon kann man nicht sagen, dass es gegessen werden sollte.
       So einfach lautet die neue Regel, mit der die Verbraucherzentrale neue
       Standards beim Verbraucherschutz setzen will. Doch es existiert nicht eine
       Schablone, es gibt viele verschiedene.
       
       „Für jede Form und Größe gibt es die passende Schablone“, erklärt Astrid
       Johansson, Chefin des Bundesverbands der Verbraucherzentralen. Auf ihrer
       Internetseite bieten die Verbraucherschützer alle geeigneten Schablonen zum
       Herunterladen an. Sie können zu Hause ausgedruckt und bei Bedarf laminiert
       werden.
       
       Zurück im Discounter. Ein hochgewachsener Mann betritt den Laden. Er heiße
       Anton Rachmaninow, sei aber „mit dem berühmten Musikanten weder verwandt
       noch verschwägert“. Unter seinem Mantel zieht der Mann die Schablone D6
       hervor. Es handelt sich um die Standardschablone der Ausführung D6, eine
       Breitbandschablone, die den Einkauf im gesamten Supermarkt und auch im
       Getränkemarkt abdeckt.
       
       ## Alles für den Wohlfühlabend einkaufen
       
       „Es ist herrlich“, sagt Rachmaninow. „Ich gehe heute für einen
       Wohlfühlabend einkaufen: Schweineschnitzel Cordon-bleu-Art, Käse,
       Radieschen und einen großen Topf Rote Grütze. Voraussichtlich wird alles
       durch die Schablone passen, sodass ich ein Abendessen haben werde, das
       meinen Vorstellungen entspricht.“
       
       Doch die gute Laune verfliegt schnell, als Herr Rachmaninow
       kurzentschlossen eine Gurke kaufen will und sie nicht durch die Schablone
       passt. „Nicht quer! Der Länge nach!“, ruft eine Frau mit Brille von der
       anderen Seite des Gemüseregals. Ob sie auch mit Schablone einkaufen gehe,
       will man noch wissen, doch die Frau ist bereits in Richtung Kühltheke
       verschwunden.
       
       Dass sich der Einkauf mit Schablone am Monatsende auszahlt, ist das
       Ergebnis einer Studie der Universität Düsseldorf, die die
       Verbraucherschützer in Auftrag gegeben haben. Demnach sanken die Kosten pro
       Einkauf, je mehr Schablonen dabei zum Einsatz kamen. Am meisten sparten
       Verbraucher, die vor dem Einkauf 30 bis 40 Schablonen erhielten und den
       Auftrag bekamen, jedes Produkt vor dem Kauf anhand der jeweils vorgesehenen
       Schablone zu prüfen. „Teilweise kamen diese Testpersonen nach einer halben
       Stunde mit nur zwei oder drei Produkten aus dem Laden“, berichtet
       Verbraucherschutzchefin Johansson.
       
       Sie und ihr Team arbeiten beständig daran, das Schablonenangebot
       auszuweiten, um missliche Situationen wie die mit der Gurke zu verhindern.
       Bisher gibt es die Ausdruck-Schablonen in den Varianten A bis E, jeweils in
       den Ausführungen 1 bis 12. Doch neue Modelle sollen ergänzt werden, um die
       Bedürfnisse der Verbraucher bestmöglich abzubilden. „Wenn ein Produkt durch
       keine Schablone passt, können Verbraucher uns dies per Kontaktformular
       melden“, sagt Johansson. „Auf dieser Grundlage entwickeln wir die
       Schablonen der Zukunft.“ Erklärtes Ziel sei es, dass bis spätestens 2030
       alles durch die Schablone passt.
       
       Die Industrie reagiert auf all dies gespalten. Während manche Unternehmen
       einen Umsatzeinbruch befürchten, antwortet der Verpackungshersteller Tetra
       Pak etwa mit Innovation. Er kündigte diese Woche eine neue Milchverpackung
       an, die durch jede Schablone passen soll: Sie sei drei mal drei Zentimeter
       breit, dafür aber eineinhalb Meter hoch. Der Länge nach könne der neue
       reißfeste „Milchschlauch“ problemlos durch die allerschmalsten Schablonen
       gezogen werden. Eine famose Geschäftsidee, die durch keine Schablone passt.
       
       19 May 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Paul Amsel
       
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