# taz.de -- Die Wahrheit: Die Fauna im Zeitraffer der Städte
> Die Tiere passen sich verstärkt an das Anthropozän an, zeigt ein Rundgang
> durch einen Kölner Park.
(IMG) Bild: Auch Kölns berühmte Stadtfauna hat es nicht immer leicht
„Sehen Sie das?“, fragt uns Willy Neumann auf einen Obdachlosen zeigend,
der ein paar Meter weiter vor einer U-Bahn-Station schläft. Neumann
strahlt. „Was Sie da sehen, ist der neueste Trick des Birkenspanners!“ Und
tatsächlich, als wir uns dem vermeintlichen Obdachlosen nähern, löst dieser
sich in einen bunten Schwarm Schmetterlinge auf. „Der beste Weg für das
Insekt, in der Großstadt in Ruhe gelassen zu werden“, weiß Neumann.
Die Birkenspanner sind hier im Inneren Grüngürtel, Kölns größtem Park, nur
die erste Station einer Parkbegehung, mit der der Urban-Zoologe uns die
rasante Evolution von Tieren in einer mehr und mehr menschengemachten
Umwelt vorführt. Normalerweise gilt die Evolution als aufreibend
langwieriger Prozess, der in Zeiträumen von Jahrmillionen Tiere immer
komischer aussehen lässt. Doch im herrschenden Anthropozän geht, fliegt,
kriecht und schwimmt die Veränderung der Fauna deutlich schneller voran.
Insbesondere in der Großstadt laufe dieser Prozess dann nochmal wie auf
Steroiden ab, erklärt uns Neumann beim Schlendern durch den sonnigen
Spätnachmittag. Diese Wachstumsbeschleuniger habe die Evolution vermutlich
vor den immer zahlreicheren Fitnessstudios gefunden und gleich für sich zu
nutzen gewusst. Fitnessstudios seien jedoch bei Weitem nicht die einzigen
Evolutionsgewinner, fährt der Kräuselbarthaarträger fort: „Die Amsel zum
Beispiel ist als Kulturfolger mittlerweile in allen Städten mit eigenem
Tatort-Ermittlerteam heimisch.“
## Paarung in Skinny Jeans
Mit diesem Erfolg sei sie allerdings die Ausnahme. Die meisten Tierarten
litten unter dem hohen Anpassungsdruck einer sich außerhalb von
Infrastrukturprojekten rasch verändernden Umwelt. „Schauen Sie sich etwa
die Stadttaube an“: In einem Versuch sei festgestellt worden, dass
städtische Tauben ganze 26 Tage vor ihren Artgenossen auf dem Land
geschlechtsreif würden. „Gleichzeitig halten Modetrends in der
schnelllebigen Großstadt rund zwei Jahre kürzer als auf dem Land.“ Ein
häufigerer Feder- und Kleiderwechsel koste aber zusätzliche Zeit vor dem
Spiegel, der bei der Partnersuche dann fehle. Und tatsächlich trägt die
Taube auf der Mauer vor uns bereits trendige Low Waiste Jeans, während den
Tauben, die wir aus dem Zug gesehen haben, noch Skinny Jeans zur
erfolgreichen Paarung reichten.
Zusätzlich zum Balzverhalten verändere sich auch das Fressverhalten der
Tiere, neue ökologische Nischen seien entstanden, erklärt Neumann weiter,
während wir uns vom Spaziergang bei einem Kranz Kölsch in einem schattigen
Biergarten erholen. „Tatsächlich beobachten wir gerade, wie sich die
Taubenpopulation entlang von Futtervorlieben spaltet. Wir nennen das
kulinarische Artbildung.“
Das Gros der Tauben bevorzuge weiterhin normale Burger, ein kleiner, aber
wachsender Teil habe sich an die trendigen Smash Burger angepasst.
„Erstaunlich, wenn man bedenkt, dass der Unterschied lediglich darin
besteht, dass auf den einen Burger draufgehauen wurde und auf den anderen
nicht!“, zeigt sich Neumann begeistert. Forscher vermuten als Ursache ein
Bakterium im Magen der Tauben, das knusprige Lebensmittel besonders gut
verwerten kann.
## Glühender QR-Code am Rheinufer
Während wir Neumann zuhören, neigen sich Tag und Spaziergang dem Ende zu
wie die unerfahrenen Slackliner dem Boden zwischen den alten Pappeln am
Wegesrand. Den Urban-Zoologen stimmt der friedliche Anblick des noch immer
belebten Parks nachdenklich. Die Veränderung der Tiere habe schließlich
auch Rückwirkungen auf den Menschen: Imbisse an der See mussten schließen,
weil spezialisierte Möwen allen Gästen die Fritten klauten, die Steinlaus
verhindere das Aufkommen guten Fernsehhumors. Und andernorts zögen zu
saubere Flüsse Lachse an, die wiederum Bären anlockten. „Ich rechne für die
nächsten Jahre mit dreistelligen Bärenangriffszahlen allein entlang der
renaturierten Ruhr“, schüttelt Neumann besorgt den Kopf.
Trotz all der Negativbeispiele zweifle er jedoch keine Sekunde an der
Überlebensfähigkeit der Tiere. Die Glühwürmchen, die gerade überall um uns
herum aus der Dunkelheit auftauchen, seien das beste Beispiel. „Da, da!
Schauen Sie!“ zeigt er auf einige blinkende Punkte am Rheinufer. Nach
einigen Minuten geschieht Magisches: Die Glühwürmchen formen einen QR-Code,
der zu einer Seite im Netz mit Rabattcodes führt.
Die Tiere hätten, so Neumann, kollektiv verstanden, dass Menschen eher
bereit sind, ihren eigenen Vorteil zu schützen als die Schönheit der Natur.
„Das Anpassen des Blinkens ist also eine wirklich erstaunliche
Überlebensstrategie in Zeiten des globalen Insektensterbens“, beendet der
Kölner Experte seinen Satz. Dann löst sich Willy Neumann in einen Schwarm
Nachtfalter auf.
9 Jun 2026
## AUTOREN
(DIR) Ernst Jordan
## TAGS
(DIR) Tiere
(DIR) Köln
(DIR) Anthropozän
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