# taz.de -- Buchhandlungen im Kulturkampf: Ein Schaufenster für Fürst Weimer
       
       > Der Bremer „Golden Shop“ wurde aufgrund seiner Fassade vom
       > Buchhandlungspreis ausgeschlossen. Nun gestaltet er sie für den
       > Kultursstaatsminister neu.
       
 (IMG) Bild: Überhaupt nicht als Kulturkampf gedacht: Fassade der Buchhandlung Golden Shop in Bremen
       
       Die Bremer Buchhandlung [1][Golden Shop] gestaltet ihre Fassade neu. Sechs
       Menschen hängen am Samstagmittag an Seilen vom Dachgiebel des Hauses und
       befestigten eine riesige Stoffplane an Haken, die sie zuvor in die Wand
       gebohrt hatten.
       
       Zur Erinnerung: Der Laden wurde als eine von [2][drei Buchhandlungen von
       Kulturstaatsminister Wolfram Weimer persönlich vom Deutschen
       Buchhandlungspreis 2026 ausgeschlossen] – unter anderem, weil an der
       Fassade des Hauses [3][„Deutschland verrecke bitte“] steht. Diese als
       höfliche Bitte formulierte Forderung, ein einem Song der Punkgruppe Slime
       angelehntes Zitat, soll einer der Gründe gewesen sein, weshalb der
       Kulturstaatsminister den Verfassungsschutz nach der Buchhandlung gefragt
       hatte.
       
       Das Ganze ist nun eine ironische Reaktion, die den Spieß umdreht, indem sie
       auch die Person des parteilosen Kulturstaatsministers und sein frühes
       Wirken thematisiert. So sollte nicht nur die Fassade verhüllt werden, auch
       das Schaufenster wurde neu dekoriert. Dort steht ein riesiges goldgerahmtes
       Portrait des Kulturstaatsministers, umringt von einer Auswahl seiner Werke:
       sein Gedichtband „Kopfpilz“, sein Buch „Sehnsucht nach Gott“ und natürlich
       „Das konservative Manifest“ mit seinen Thesen.
       
       Und sogar eine Flasche Sekt mit einem handgemachten Etikett: ein goldener
       Schriftzug [4][„Fürst von Weimer“] und das ebenfalls goldgerahmte Antlitz
       des fürstlichen Kulturstaatsministers zieren die Flasche.
       
       ## Weimers Kopfpilz
       
       Ob man Weimers Werke ab sofort auch im Golden Shop kaufen kann? „Auf gar
       keinen Fall!“, sagt Inhaberin Ausma Zvidrina. „So eine Scheiße verkaufen
       wir nicht.“ Für all jene, die sich noch nicht mit den [5][literarischen
       Ergüssen unseres Kulturstaatsministers] auseinandergesetzt haben, folgt
       hier das viel zitierte Gedicht „Unglück“ aus seinem ersten Werk Kopfpilz
       von 1986.
       
       Leider benötigt es eine Triggerwarnung: „Überwuchert mit Eiterbeulen /
       nötigt er die Schwangere / zum Fleischreiben. / Sein Pech, / daß sein
       Schwanz platzt. / Ihr Pech, / daß warmer Eiter ihren Unterleib überflutet /
       und das Kind ersäuft“.
       
       Ob das diese deutsche Leitkultur ist, von der Konservative gerne sprechen?
       Weimer zumindest scheint nicht allzu glücklich darüber zu sein, dass dieses
       in seiner Jugend im Selbstverlag veröffentlichte Gedicht in letzter Zeit
       immer wieder herausgekramt wird.
       
       [6][Hackerin und Aktivistin Martha Root bezeichnete es beispielsweise als
       Teil einer frauenfeindlichen Kultur und fordert, dass sich mehr mit den
       Werken des Kulturstaatsministers auseinandergesetzt wird.] Dies ist ab
       jetzt einfach möglich: Root hat den bislang vergriffenen Band Kopfpilz
       nicht nur der Deutschen Nationalbibliothek übergeben, sondern auch
       digitalisiert und auf der Website Archive.org zum [7][kostenlosen Download]
       angeboten.
       
       ## Endlich verfassungskonform
       
       Am Nachmittag sind Verschönerungsarbeiten am Golden Shop beendet, der Stoff
       wird ausgerollt. Die Fassade ist nun vollständig bedeckt mit zu 100 Prozent
       verfassungskonformen Zitaten – sie stammen sämtlich vom
       Kulturstaatsminister persönlich. „Das ist überhaupt nicht als Kulturkampf
       gedacht“, steht dort, „Das Konventionelle ist die neue Avantgarde“ und
       „Europa vermehrt sich nicht mehr biologisch“.
       
       Immer wieder bleiben Menschen irritiert vor der Buchhandlung stehen. Hat er
       das wirklich alles gesagt? Und auch das Gedicht „Vorfreude“ aus Kopfpilz
       wird zitiert: „Morgen, Rentner, wird’s was geben / Morgen, kommt der
       Sensenmann / Morgen, Rentner, stirbt das Leben / Morgen, Alter, bist du
       dran“.
       
       Gestaltet wurde die Fassade von dem Bremer Künstler Sönke Lühring, welcher
       sich dabei an dem vorherigen Fassadendesign mit schwarzer Schrift auf
       goldenem Hintergrund orientierte. Ob sich der Golden Shop mit dieser
       Umgestaltung offiziell vom Linksextremismus distanziert? Inhaberin Ausma
       Zvidrina lacht über die Frage. „Vielleicht bekommen wir damit ja nächstes
       Jahr den Preis.“
       
       Die Jury des Deutschen Buchhandelspreises wollte den Golden Shop, sowie die
       zwei weiteren vom Buchhandlungspreis ausgeschlossenen Läden „Zur
       schwankenden Weltkugel“ und „Rote Straße“ auszeichnen. [8][Der Golden Shop
       hätte sogar als „besonders herausragende Buchhandlung“ einen Preis von
       15.000 Euro erhalten sollen]. Auf Instagram postet Zvidrina Fotos der
       Fassade und vom Schaufenster: „Hallo Weimi, gefällt dir unsere neue Fassade
       besser? Wir lieben dich und deine intellektuellen Ergüsse. Bitte gib
       Preis.“
       
       Dabei hat die Buchhandlung schon längst einen anderen Preis gewonnen: im
       Laden hängt eine gerahmte Urkunde „für die beste vom Verfassungsschutz
       beobachtete Buchhandlung“. Und auch Tassen kann man dort seit neustem
       kaufen: „The Golden Shop: vom Verfassungsschutz empfohlen“.
       
       14 Jun 2026
       
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