# taz.de -- Europäische Zentralbank: EZB erhöht Zinsen das erste Mal seit fast 3 Jahren
       
       > Die Europäische Zentralbank hebt den Leitzins auf 2,25 Prozent. Das mögen
       > weder Wirtschaftsverbände noch Gewerkschaften.
       
 (IMG) Bild: EZB-Chefin zu sein, ist derzeit kein Vergnügen: Christine Lagarde arbeitet am Durchblick
       
       Die Mitglieder des EZB-Rats hatten den Schritt wenig subtil längst
       angekündigt. Schon Ende Mai hatte etwa EZB-Direktorin Isabel Schnabel
       erklärt: „Aus heutiger Sicht halte ich eine Zinserhöhung im Juni für
       nötig.“ Und Peter Kažimír, Chef der slowakischen Notenbank, sagte sogar,
       eine solche sei „so gut wie unvermeidlich“. Am Donnerstag hieß es dann auch
       tatsächlich: Die EZB hebt den Einlagensatz von 2 auf 2,25 Prozent an. Es
       war die erste Erhöhung des Leitzinses [1][seit September 2023].
       
       Als Grund dafür nannte EZB-Chefin Christine Lagarde die stark gestiegenen
       Energiepreise, die auf die [2][Sperrung der Straße von Hormus] infolge des
       Kriegs zwischen den USA und Iran zurückzuführen sind. Diese treiben die
       Inflation an, die im Mai im Euroraum bei 3,2 Prozent lag. Die EZB erwartet
       für das Gesamtjahr nun im Schnitt eine Teuerung von 3 Prozent – sie strebt
       aber eine Rate von um die 2 Prozent an. Die könnten nach ihrer Prognose
       erst 2028 wieder erreicht werden.
       
       Das Problem: Höhere Zinsen bremsen zwar die Aufnahme von Krediten und so
       auch Preissteigerungen, die nachfragegetrieben sind – die also entstehen,
       wenn zu viel Geld auf zu wenig Güter trifft. Die aktuelle Teuerung hat
       damit aber wenig zu tun, sondern hat den externen Anlass, dass [3][fossile
       Energie zu teuer ist]. Öl und Gas werden jedoch derzeit noch überall in der
       Wirtschaft und im Alltag gebraucht. Hier kann Geldpolitik also faktisch
       nichts ausrichten. Sie käme erst wieder ins Spiel, wenn auch die Preise von
       Unternehmen und vor allem die Löhne entsprechend steigen und über die
       Geldmenge reguliert werden müssten.
       
       Zugleich bremsen die mit den steigenden Zinsen teurer werdenden Kredite das
       Wirtschaftswachstum, weil Unternehmen und Verbraucher:innen
       Investitionen und Ausgaben zurückstellen.
       
       ## Rezession droht
       
       Und die [4][Wirtschaft kriselt schon längst]. Im ersten Quartal schrumpfte
       das Bruttoinlandsprodukt der Eurozone um 0,2 Prozent. In ihrer jüngsten
       Prognose geht die EZB davon aus, dass die Wirtschaftsleistung der Länder
       2026 im Schnitt nur um 0,9 Prozent wächst. Besonders langsam geht es in
       Deutschland voran, wo die Bundesregierung ihre Prognose für das Gesamtjahr
       jüngst von 0,9 auf 0,5 Prozent abschwächte. Im Vorfeld der EZB-Entscheidung
       hatten deshalb Wirtschaftsverbände und Gewerkschaften argumentiert, die
       Leitzinsen müssten auf dem aktuellen Stand bleiben oder sogar gesenkt
       werden.
       
       Die Notenbänker:innen sind in einem Dilemma: [5][Stagflation], also
       die Kombination aus stagnierender Wirtschaft und steigenden Preisen, ist
       mit geldpolitischen Mitteln nicht zu lösen – was bei dem einen hilft, ist
       kontraproduktiv beim anderen. In der Vergangenheit haben zu hohe Zinsen in
       ähnlichen Fällen sogar in die Rezession geführt. Allerdings hängt der EZB
       noch Kritik vom letzten Inflationsschub nach, bei dem sie zu spät gehandelt
       haben soll: Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 betrug die
       Teuerungsrate zeitweise mehr als 10 Prozent. Damals hob die EZB ihre Zinsen
       erst nach fünf Monaten, dafür dann umso sprunghafter an. Manche Waren, vor
       allem Nahrungsmittel, [6][sind bis heute überproportional teuer].
       
       Der Chefvolkswirt der deutschen Förderbank KfW, Dirk Schumacher, erklärt
       die Motivation der Zentralbänker:innen deshalb so: Sie wollten zeigen,
       dass sie überhaupt etwas tun. „Dieser Schritt soll ein Signal an die
       Finanzmärkte, aber auch an die Unternehmen und Haushalte sein, dass die EZB
       die Inflationsdynamik sehr genau im Auge hat“, sagte er. Einige
       Ökonom:innen glauben, dass sich die Notenbänker:innen mit Lagardes
       Aussagen nun selbst unter Druck gesetzt haben, bei ihren nächsten Sitzungen
       nachzulegen.
       
       Vertreter von Gewerkschaften und Wirtschaftsverbänden zeigten sich
       allerdings schon von der aktuellen Anhebung wenig begeistert. Stefan
       Körzell, stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes,
       sprach von einem „schweren Fehler“, der die „wirtschaftliche Erholung
       mutwillig noch weiter abwürgen“ würde. Auch der Präsident des
       Bundesverbands Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen, Dirk Jandura,
       wies darauf hin, dass die Unternehmen ohnehin mit „einer schwachen
       Nachfrage, zurückhaltenden Investitionen und hohen Kostenbelastungen“
       kämpften. Modernisierungen, Lagerhaltung, Digitalisierung und auch
       Transformation würden nun noch teurer oder komplett ausgebremst.
       
       11 Jun 2026
       
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