# taz.de -- Buch über die Umweltbewegung: Alles egal ist auch keine Haltung
       
       > Die „Bekenntnisse eines genesenden Umweltschützers“ von Paul Kingsnorth
       > sind Wutreden eines Gescheiterten, der es sich gedanklich zu leicht
       > macht.
       
 (IMG) Bild: Es gibt noch Widerstand: Klimaaktivist:innen protestieren vor dem Trump Tower in New York
       
       Mit der Essaysammlung „Bekenntnisse eines genesenden Umweltschützers“ von
       Paul Kingsnorth stellt der Berliner Verlag Matthes&Seitz mit dem falschen
       Buch die richtige Frage: Wie geht’s weiter, da weltweit [1][Umwelt- und
       Klimabewegungen] politisch marginalisiert werden und sich gesellschaftlich
       in Deutschland, um es mit Stephan Grünewald zu sagen, in einer Phase der
       „Nachspielzeit“ befinden?
       
       Die Antwort von Kingsnorth, der in Großbritannien vor einigen Jahren ein
       bekannter Umweltaktivist war, mit Essays im Guardian und Interviews in der
       BBC, ist: Rückzug. „Wie leben wir und wie sollen wir leben?“, heißt es im
       Klappentext, „[2][Paul Kingsnorth], die dunkle Stimme der
       Ökologie-Bewegung, findet unbequeme Antworten.“
       
       Unbequem wäre okay. Es sieht derzeit nicht so aus, als ob wir Biodiversität
       und stabiles Klima auf die bequeme Art erhalten könnten. Aber Kingsnorths
       Antworten sind nicht unbequem, sondern von vorgestern. Kein Wunder, sind
       die versammelten Essays doch überwiegend zehn Jahre alt oder noch älter.
       2016 – vor der Coronapandemie, vor dem Ukrainekrieg, vor den heißen Sommern
       und vor den trockenen Wintern in Europa, vor der zweiten Amtszeit Trumps
       und vor der Rückkehr des Rechtspopulismus oder -extremismus vielerorts.
       
       Man kann dem Autor nicht vorwerfen, dass er all das in seinen Texten nicht
       bedenkt, und man könnte es einem engagierten Verlag auch durchgehen lassen,
       mit Essays eines leidlich bekannten Autors auf leichte Art Geld zu
       verdienen. Kann man an dieser Stelle aber doch nicht.
       
       Der Journalist Cord Riechelmann befindet in seinem Vorwort, dass man zwar
       „2017, als die Bekenntnisse im Original erschienen“, noch nicht wissen
       konnte, „wie hemmungslos die Ausbeutung der letzten Naturreserven unter
       Politikern wie Donald Trump im Verein mit Techgiganten vorangetrieben und
       wie rücksichtslos sie durchgesetzt werden würden“, das aber natürlich
       nichts an der Brauchbarkeit von Kingsnorths Erzählungen ändere. Problem:
       Das kann man nur schreiben, wenn man der Überzeugung ist, inzwischen sei
       alles verloren und darum egal.
       
       Der Verlag selbst wirft ein, Kingsnorth sei „schon früher als andere
       Bewegungen (Letzte Generation zum Beispiel) zu dem Schluss gekommen, dass
       es für Aktivismus keine erreichbaren Ziele mehr geben kann“. Also brauche
       es neue Narrationen über den Klimawandel, die Gesellschaft, die Natur.
       
       Doch wie sollen [3][neue Narrative] über Gesellschaft, Klimawandel und
       Natur entstehen, wenn nicht aus der präzisen Beobachtung des Gegenwärtigen?
       Dem Autor ist es ein „dringliches Anliegen“, dass neue Geschichten erzählt
       werden müssen, in einer neuen Sprache. Schließlich hielten die Erzählungen
       „unserer“ – also der postaufklärerischen, industriellen, westlichen –
       Kultur die Welt für eine Maschine, leblos und ohne Bewusstsein. „Die Folgen
       all dessen – Klimawandel, Massenaussterben, Massentierhaltung, die übliche
       Litanei von Schrecken – sollten eigentlich ausreichen, dass wir uns fragen,
       ob diese Geschichte nichts weiter als nur schlecht aufgebaut und schlecht
       erzählt ist – oder ob sie ganz einfach völlig falsch ist.“
       
       ## Die uralte Geschichte vom Natur gestaltenden Menschen
       
       Nur um ein paar Seiten später etwas verdruckst davon zu schwärmen, wie er
       ein „Wirrwarr“ aus „Schwarzdornbüschen und Dornengestrüpp“ mit einem Bagger
       von seinem Rückzugsort, dem Grundstück auf dem Lande, entfernen musste, um
       einen Birkenhain zu errichten: „… diesen Ort eines Tages besser
       zurücklassen, als wir ihn vorgefunden haben“. Doch diese uralte Geschichte
       vom tätigen, die Natur zum Besseren gestaltenden Menschen ist gerade eine
       solche, die Kingsnorth überwinden wollte.
       
       Hier wie dort – in all seinen Texten macht es sich der Autor gedanklich
       stets so leicht wie möglich. Die Welt teilt er gern in zwei Dimensionen: Es
       gibt die Zahlenmenschen und die Dichter, die Naturliebhaber und die
       Klimaschützer. Er denkt, das wird von Essay zu Essay immer klarer, eben in
       harten Konfliktlinien, wie ein Aktivist. Doch über die wütende Enttäuschung
       eines vorerst Gescheiterten sind die Zeiten längst hinweggegangen. Das
       Publikum, das sich noch für die Überlebensfragen interessiert, verdient
       klügere Antworten.
       
       6 Jul 2026
       
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