# taz.de -- Aussagekraft von Pkw-Zulassungszahlen: Viel zu schöne Zahlen
       
       > Die Zahl der Kfz-Zulassungen in Berlin ist leicht gesunken. Wie viele
       > Autos unterwegs sind, weiß trotzdem niemand so genau. Eine
       > Bestandsaufnahme.
       
 (IMG) Bild: Autos, Autos, keine Straße in Berlin, die nicht zugeparkt ist
       
       Marita Fabeck hat sich aus der Nachbarschaft verabschiedet. Wochenlang
       grüßte die CDU-Politikerin von Laternenmasten herab und warnte vor dem
       Volksbegehren „Berlin autofrei“ – mit einem bloßen Nein statt
       lösungsorientierter Alternativen. Die Plakate sind abgehängt, größere
       Anstrengung mussten Fabeck und ihre Parteifreunde nicht aufwenden, dem
       Volksbegehren fehlten letztlich mehr als 30.000 Unterschriften für den
       Schritt zum Volksentscheid.
       
       „Das ist schade, weil Potenzial verschenkt wurde“, sagt der
       Verkehrsforscher Andreas Knie vom Wissenschaftszentrum Berlin für
       Sozialforschung der taz. Selbst für diejenigen, die mit einer Reduzierung
       des Autoverkehrs durchaus sympathisieren würden, seien die Forderungen der
       Initiative – darunter Autofahrten nur an maximal zwölf Tagen pro Jahr und
       Person innerhalb des S-Bahn-Rings – zu radikal gewesen.
       
       Nicht mal den Verweis auf eine zarte Tendenz mussten die Gegner:innen
       des Volksbegehrens aus der Schublade ziehen: Nach 15 Jahren des steten
       Anstiegs ist die Zahl der in Berlin gemeldeten Pkw zum 1. Januar dieses
       Jahres zum zweiten Mal in Folge gesunken. Sind politische Maßnahmen also
       überflüssig, weil sich das Autoproblem langsam von selbst erledigt?
       
       Nicht ganz, denn die Veränderungen sind homöopathisch. Fast genau 10.000
       Autos weniger als ein Jahr zuvor waren hier zu Jahresbeginn 2026 gemeldet,
       1.222.641 Millionen sind es aber immer noch, gerade mal 0,8 Prozent weniger
       als zuvor. Unter 1,2 Millionen waren es zuletzt 2017. In den Vorjahren sind
       Zulassungszahlen vom Amt für Statistik Berlin-Brandenburg häufig
       kommuniziert und von der Politik gerne positiv interpretiert worden.
       Mehrfach wurde auf den gesunkenen Motorisierungsgrad hingewiesen, also das
       Verhältnis von Einwohner:innen zu Autos. Die absoluten Zahlen stiegen
       derweil munter weiter.
       
       ## „Diese Zahl kennt niemand“
       
       Tatsächlich geben auch die Zulassungszahlen nur eingeschränkt Aufschluss
       darüber, wie viele Fahrzeuge dauerhaft in Berlin unterwegs sind. Zu den
       hier zugelassenen Pkw kommen die in Berlin bewegten (oder geparkten) Autos
       mit auswärtigen Kennzeichen. „Diese Zahl kennt niemand“, sagt Andreas Knie.
       Der Rückgang der Zulassungszahlen bedeutet also nicht automatisch, dass der
       Verkehrsdruck sinkt. Trotz sinkender Zulassungen können sich heute
       theoretisch mehr Autos in Berlin befinden als vor einem Jahr.
       
       Schätzungen oder systematische Zählungen über die Zahl der in Berlin
       dauerhaft geführten, aber nicht hier gemeldeten Fahrzeuge gibt es nicht.
       „Eine Erhebung wird für nicht umsetzbar gehalten“, sagt Petra Nelken,
       Sprecherin der Senatsverwaltung für Verkehr, auf Anfrage. „Da seit einiger
       Zeit auswärtige Kennzeichen bei der Ummeldung des Fahrzeuges behalten
       werden können, kann allein aus dem Kennzeichen nicht darauf geschlossen
       werden, ob es sich um ein in Berlin zugelassenes oder ein auswärtiges
       Fahrzeug handelt.“
       
       2015 wurde die Residenzpflicht bei der Anmeldung von Fahrzeugen aufgehoben.
       Seitdem können Fahrzeughalter:innen bei einem Umzug weiterhin mit dem
       Kennzeichen des Ortes oder der Gemeinde fahren, wo das Auto bislang
       gemeldet war. Hinzu kommen Autos, die in anderen Orten auf andere
       Familienmitglieder zugelassen sind, was den Versicherungsbeitrag im
       Vergleich zur Großstadt senken kann. Andere sind im Umland gemeldet. In
       einer internationalen Stadt wie Berlin sind zudem viele Autos mit
       ausländischen Kennzeichen unterwegs. Dazu kommen Carsharing-Fahrzeuge,
       Langzeitmieten und privat genutzte Firmenwagen.
       
       Stichprobe an einem Wochentag am frühen Nachmittag: In einer Seitenstraße
       in Friedrichshain parken 76 Fahrzeuge, 31 haben kein Berliner Kennzeichen.
       Sie kommen aus Frankfurt (Oder), Barnim, Lübeck, Stuttgart, eines hat ein
       italienisches Kennzeichen, drei haben polnische, ein Carsharing-Wagen ist
       in Wiesbaden gemeldet. Von ihrem Alter und äußeren Zustand nach zu
       urteilen, handelt es sich fast ausschließlich um Privatfahrzeuge.
       
       ## Wo der Platzmangel am größten ist
       
       Die Zählung hat eine begrenzte Aussagekraft, zeigt aber dort eine Häufung,
       wo der Platzmangel am größten ist: in der Innenstadt. Lassen sich
       Infrastruktur, Stadt und Verkehr vernünftig planen, wenn konkrete Zahlen
       unbekannt bleiben?
       
       Die „Schattenflotte“ mit auswärtigen Kennzeichen könne bei der Anstrengung,
       die Zahl der Autos insgesamt zu reduzieren, zum Problem werden, sagt
       Verkehrsforscher Knie. „Ich kann nicht planen, was ich nicht weiß.“
       
       Die Senatsverwaltung verweist darauf, dass der Bedarf für Planungen mittels
       Verkehrszählungen, Verkehrsflussdaten oder Simulationen erhoben werde.
       Allerdings ist der Fließverkehr nur ein Indiz in einer Stadt, in der die
       meisten Fahrzeuge nicht bewegt werden, sondern den ohnehin knappen Platz
       belegen.
       
       In der bislang aktuellsten Ausgabe des Forschungsprojekts „Mobilität in
       Städten“ der TU Dresden von 2024 nutzten nur 14,5 Prozent der
       Autofahrer:innen in Berlin ihr Fahrzeug täglich oder fast täglich.
       Mehr als doppelt so viele der Befragten nutzten das eigene Auto dagegen
       höchstens zwei Mal im Quartal. Im Schnitt wird ein Auto nur eine Stunde pro
       Tag bewegt.
       
       ## Hoffnung auf Parkraumbewirtschaftung
       
       „An flächendeckender Parkraumbewirtschaftung führt kein Weg vorbei“, sagt
       Andreas Knie. Nur so könne jedes dauerhaft hier genutzte Auto erfasst
       werden. Aktuell seien aber weniger als zwei Drittel des Innenstadtbereichs
       mit Parkautomaten und Anwohnerparken ausgestattet.
       
       „Wir haben einen extremen Nachholbedarf für eine reflektierte Autopolitik“,
       sagt der Verkehrsforscher, der Folgen über die Stadtgrenzen hinaus
       beobachtet. Während die Tourismuszahlen in Berlin zuletzt deutlich gesunken
       seien, würden sie in Metropolen wie Paris, Kopenhagen oder Barcelona
       steigen – in Städten also, die Autoverkehr deutlich eingedämmt haben.
       „Berlin verschwindet langsam, weil hier die Innovationen fehlen.“
       
       15 Jun 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Torsten Landsberg
       
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