# taz.de -- 11 Highlights dieser Fußball-WM: Fifa-Chef für fünf Minuten, Ruderer und seltsame Zeichen
       
       > Die größte Fußball-WM aller Zeiten bietet schon nach gut einer Woche ein
       > Übermaß an Geschichten. Die taz präsentiert elf ganz besondere
       > Begebenheiten.
       
 (IMG) Bild: Das schönste WM-Motiv: rudernde norwegische Fans im Stadion von Boston
       
       ## Norwegische Ruderer
       
       Was für ein tolles Bild! Diese rudernden norwegischen Fans auf den
       WM-Tribünen. Gerudert wird im Fußball eher selten. Trainer und Funktionäre,
       so kann man es in der Sportpresse nachlesen, rudern zuweilen zurück. Bei
       den norwegischen Fans geht es gewiss nur nach vorne! Das Team hat beim
       offiziellen Mannschaftsfoto mit einer Hommage auf die Wikingerkultur
       angefangen. Die Fans machen sich nun ihren Spaß daraus. Nicht nur im
       Stadion, gerudert wird auch auf dem Weg dahin, auf der Rolltreppe etwa.
       Weiter so! Weil das eine animierende Wirkung hat, haben die Abgeordneten im
       norwegischen Parlament während einer Sitzung gleich mal eine kurze
       Rudereinheit eingelegt.
       
       ## Die Glaubensfrage
       
       Es war etwas anders bei der Zeremonie vor dem Spiel von Saudi-Arabien gegen
       Uruguay. Die riesigen Flaggen, die sonst auf das Spielfeld gelegt werden,
       bevor die Hymnen gespielt werden, wurden von Volunteers in die Höhe
       gehalten. Verantwortlich dafür sind religiöse Regeln des Islam. Auf der
       Fahne Saudi-Arabiens ist die Schahada, das muslimische Glaubensbekenntnis,
       aufgebracht. Das darf auf keinen Fall den Boden berühren. So will es die
       Regel. Was wohl geschähe, wenn man das grüne Tuch einfach auf das Feld
       legen würde? Beantwortet man diese Frage mit gesundem Menschenverstand und
       ohne Gottesfurcht, kann es nur eine Antwort geben: nichts.
       
       ## Nervöses Fingerzucken
       
       Die WM bietet reichlich Raum [1][für große Gesten] – und das schon vor dem
       Anpfiff. Nicht mehr 11, sondern gleich alle 26 Akteure laufen pompös ein.
       Überdimensionale Flaggen werden ausgerollt. Amerika halt. Vor dem deutschen
       Spiel sorgte indes nicht die Inszenierung, sondern der Blick in den
       Videokeller für Gesprächsstoff. Der australische Schiedsrichter Shaun Evans
       formte mit dem Daumen und Zeigefinger einen Kreis und streckte die übrigen
       Finger aus – für manche der berüchtigte „White-Power“-Gruß. Evans
       widersprach: ein unbewusstes, nervöses Fingerzucken. Er habe die Bewegung
       im Laufe der Partie mehrfach wiederholt, während er einen Stift zwischen
       den Fingern hielt. Bleibt nur eine Frage: Wozu braucht man im Videokeller
       eigentlich einen Stift?
       
       ## Der Außerirdische
       
       Einem Lionel Messi gibt man keine rote Karte. Schon gar nicht in der 31.
       Minute des Auftaktspiels von Argentinien bei einem WM-Turnier. Und wenn er
       seinem Gegenspieler mit offener Sohle in die Achillessehne tritt, ohne die
       Chance zu haben, an den Ball zu kommen? Auch dann nicht. Aber gibt es dafür
       nicht eigentlich zwingend eine Rote Karte? [2][Ja, aber eben nicht für
       Messi.] Und müsste das nicht der VAR sehen, wenn es der Feldschiedsrichter
       schon nicht ahndet? Noch einmal: Es geht um Lionel Messi. Der Superstar ist
       längst zu groß für einen Platzverweis. Wer soll darüber entscheiden? Ein
       gemeiner Feldschiedsrichter? Ein schlichter Videoreferee? Nein, das geht
       nun wirklich nicht.
       
       ## Behandlung im Flugzeug
       
       „So behandelt man keine Sportler, wenn man von einem fairen Wettbewerb
       sprechen will“, sagt der Portugiese Paulo Alexandre Araujo. Der
       Physiotherapeut gehört der iranischen WM-Delegation an. „Wenn Spieler zwei
       oder drei Stunden am Flughafen warten müssen und bei ihrer Ankunft von
       Männern mit Maschinengewehren und Ähnlichem umgeben sind, dann sind sie das
       nicht gewohnt“, erklärt Araujo der New York Times bemerkenswert lakonisch.
       Das iranische Team musste sofort nach dem Auftakt gegen Neuseeland (2:2)
       nach Mexiko zurückreisen, weil ein längerer Aufenthalt von der USA verwehrt
       wurde. Araujo berichtet, er habe Spieler erst im Flugzeug behandeln können,
       nicht in der Kabine.
       
       ## Die Abseitspanne
       
       Die Fifa hat alles richtig gemacht. Natürlich. Die Fifa macht nichts
       falsch. Sie hat keine Abseitsstellung übersehen im Spiel der Schweiz gegen
       Katar. Da können sich alle, die das Spiel gesehen haben, noch so sicher
       sein, dass Remo Freuler im Abseits war, als sein Kollege ihm den Ball
       zugeköpft hat. Es habe also alles seine Richtigkeit mit dem Elfmeter, den
       es gab, nachdem der katarische Keeper den Schweizer unmittelbar danach
       gefoult hatte. Sagt die Fifa. Nur belegen kann sie es nicht. Es habe
       technische Probleme bei der 3D-Bildgebung gegeben. Aber nur in diesem einen
       Moment. Davor und danach sei alles in Ordnung gewesen. Wer’s glaubt.
       
       ## Der Kurzzeitpräsident
       
       So richtig will sich einem klassischen Boomerfan nicht erschließen, was ein
       junger Mann namens Darren Watkins Jr., der sich IShowSpeed nennt, beruflich
       macht. Er ist Streamer und hat [3][über 55 Millionen Abonnenten auf
       Youtube.] Irgendwas mit Gaming, oder so. Zurzeit ist er in den WM-Stadien
       unterwegs und lässt sich dabei filmen, wie er von der Tribüne aus irgendwas
       sagt. Bilder vom Spiel sind dabei nicht zu sehen. Das schauen sich dann 9
       Millionen Leute an. Gianni Infantino hat das auch mitbekommen und dem
       Streamer sogar angeboten, mal fünf Minuten als Fifa-Präsident zu amtieren.
       Was IShowSpeed wohl daraus machen wird? Egal. Schlimmer kann es ja nicht
       werden.
       
       ## Eine WM-Drohne
       
       Es sollte ein Training unter Ausschluss der Öffentlichkeit werden. Südkorea
       bereitete sich auf das zweite Testspiel gegen Gastgeber Mexiko vor.
       Standards einstudieren, letzte taktische Feinheiten abstimmen. All die
       Dinge eben, die bei einem Geheimtraining niemanden außerhalb des Teams
       etwas angehen. Doch dann bekam die Einheit unerwarteten Besuch. Während die
       Mannschaft um Superstar Heung-min Son ihre Übungen absolvierte, tauchte
       plötzlich eine Drohne über dem Trainingsgelände auf. Der Verdacht: Spionage
       aus der Luft. Ein mexikanischer Militärangehöriger, der im Basiscamp für
       die Drohnenabwehr zuständig ist, intervenierte mit einem präzisen
       Distanzschuss. Zu spät vielleicht? Zwei Tage später gewann Mexiko mit 1:0
       gegen Südkorea.
       
       ## Der abgelaufene Reisepass
       
       Auch die schönsten Geschichten haben einen Haken. Und diese hier war
       besonders schön: Außenseiter Kap Verde trotzt Europameister Spanien ein 0:0
       ab. Die „La Roja“ rannten an, doch Torhüter Vozinha war nicht zu bezwingen.
       Der Haken: Seine Mutter konnte das Spiel nicht sehen, ihr Reisepass war
       abgelaufen. Nun soll sie doch ein Visum für die USA erhalten. Für die
       meisten Menschen aus Kap Verde bleibt eine Reise dorthin ein Traum. Das
       Land gehört zu den Staaten, deren Bürger*innen für ein US-Visum eine
       Kaution von bis zu 15.000 Dollar hinterlegen müssen. Wer das Geld nicht
       hat, bleibt draußen – ganz gleich, wie schön die Geschichte ist.
       
       ## Auf dem Kriegsfuß
       
       Diese Weltmeisterschaft hat denkbar schlecht für die Türkei begonnen.
       Gemeint ist nicht die unerwartete Auftaktniederlage gegen Australien (0:2).
       Kurz davor schon hatte das Team die Kontrolle verloren. Als
       Propagandawerkzeug wurde das Team vom türkischen Fußballverband (TFF) an
       den Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan verkauft. Denn ein vom TFF
       veröffentlichtes Werbevideo zeigt neben Szenen aus dem Fußballstadion
       Aufnahmen von Kampfflugzeugen, Marineschiffen und einer Drohnenfirma.
       Erdoğan selbst wird auch ins Bild gerückt auf einer Militärparade. Die
       Türkei steht scheinbar mit dem Fußball auf dem Kriegsfuß.
       
       ## Medienboykott
       
       Kein Spieler wird in Südkorea so verehrt wie der Kapitän Heung-min Son.
       Dass sich zwei südkoreanische TV-Journalisten darüber belustigten, dass der
       Ausnahmespieler vom Militärdienst dank einer Ausnahmeregelung weitestgehend
       befreit wurde, konnte deshalb nur mit einem Medienboykott des Teams für
       alle Journalisten beantwortet werden. Heung-min-Son-Lästerung geht gar
       nicht. Eigentlich müsste das mit zwei Jahren Militärdienst bestraft werden
       – mindestens!
       
       20 Jun 2026
       
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