# taz.de -- Häusliche-Gewalt-Vorwürfe gegen Zverev: Nicht „unser Sascha“
       
       > Die deutsche Presse feiert den French-Open-Sieg des Tennisspielers
       > Alexander Zverev. Haben die nicht ein Detail vergessen?
       
 (IMG) Bild: Wessen Sascha jetzt genau? Zverev am 7. Juni nach dem Gewinn der French Open
       
       Endlich hat „unser Sascha“ es geschafft. Alexander Zverev – Sascha ist die
       russische Koseform seines Namens – ist es nach drei verlorenen
       Grand-Slam-Finals beim vierten Versuch geglückt: Bei den diesjährigen
       French Open konnte er sich den einzigen Titel, der ihm in seiner Karriere
       noch fehlte und um den er so lange kämpfte, sichern.
       
       Und alle freuen sich mit: „Der Durchbruch für Zverev: ‚Wir sind Champion‘“,
       titelte das ZDF, „Jetzt muss er es keinem mehr beweisen“, die Zeit. „Zverev
       in Paris am Ziel seiner Grand-Slam-Träume“, schreibt [1][Eurosport]. Wie
       toll!
       
       Aber mit wem identifizieren sich die deutsche Presse und alle, die seinen
       Sieg feiern, da eigentlich? Haben sie vergessen, dass Zverevs Ex-Freundin
       Olga Sharypova, ebenfalls Tennisspielerin, 2020 schwere Vorwürfe der
       physischen und psychischen Gewalt gegen ihn erhob? Haben sie auch
       vergessen, dass eine zweite Ex-Freundin, Brenda Patea, ihm ebenfalls
       Körperverletzung anlastete?
       
       Sharypovas Vorwurf, dass Zverev sie während der Shanghai Masters 2019
       gewürgt und ins Gesicht geschlagen habe, wies Zverev damals kategorisch
       zurück. Eine Untersuchung der ATP, der Vereinigung der professionellen
       männlichen Tennisspieler, kam im Januar 2023 zu dem Schluss, dass es dafür
       „keine ausreichenden Beweise“ gebe und dass er deswegen keine Maßnahmen zu
       fürchten habe. Zu einem gerichtlichen Prozess kam es nie.
       
       ## Juristisch gilt Zverev als unschuldig
       
       Anders als in Pateas Fall. [2][Im Juni 2024 begann der Prozess in Berlin],
       der gleichzeitig mit den French Open stattfand, weshalb Zverev nicht
       anwesend war. Patea warf Zverev vor, sie im Mai 2020 im Flur einer
       Airbnb-Wohnung in Berlin gewürgt zu haben.
       
       Nach drei Prozesstagen, während der Zverevs Anwälte das Bild bemühten, dass
       Patea nur aufs Geld aus sei und ihre Vorwürfe von Sharypova kopiert habe,
       wurde der Prozess eingestellt. Patea und Zverev haben sich „im Namen ihres
       gemeinsamen Kindes“ außergerichtlich geeinigt. Was diese Einigung
       beinhaltete, wurde nicht bekannt gegeben.
       
       Juristisch gilt Zverev als unschuldig. Ein richterliches Urteil gab es in
       beiden Fällen jedoch nicht – einmal, weil ein Prozess nie stattfand,
       einmal, weil der Prozess eingestellt wurde. Dass sich gerade Frauen über
       diesen Grand-Slam-Sieg deshalb nicht freuen können, ist verständlich. Dass
       die Presse dagegen mitjubelt, ist es nicht.
       
       ## Euer Sascha
       
       Auch deutsche Sportkommentatoren leisten dabei ihren Beitrag, wenn sie ihn
       liebevoll „unseren Sascha“ nennen. Weil er halt für die Bundesrepublik
       spielt, mit der sich Zuschauer_innen wohl identifizieren sollen.
       
       „Unser Sascha“ ist es aber nicht nur deshalb sicher nicht; außer mit
       „unser“ sind nur Männer gemeint, die Frauen nicht glauben. Dann ist es euer
       Sascha.
       
       Auch bei Eurosport blieb 2024 eine falsche oder jedenfalls irreführende
       Darstellung des Berliner Verfahrens stehen. Im Vorgespräch zum
       French-Open-Spiel gegen Casper Ruud am 7. Juni 2024 sagte Boris Becker als
       Experte sinngemäß, Zverev habe den Prozess gegen Patea „gewonnen“ und Patea
       habe ihre Anschuldigung zurückgezogen. Beides war falsch: Das Verfahren
       wurde nicht gewonnen, sondern ohne Urteil eingestellt; eine Rücknahme der
       Anschuldigung ist öffentlich nicht belegt. Eine Richtigstellung seitens
       Eurosport blieb aus.
       
       Erinnerungsarbeit, dass es die Vorwürfe gab, leisten weibliche Tennisfans
       in den Social-Media-Kommentarspalten jener Zeitungen, Grand-Slam-Accounts
       und Sport-Sender, die Zverevs Sieg bedingungslos feiern. „Ich glaube seinen
       Ex-Freundinnen“, „Ein dunkler Tag für das Tennis“, „Schlimm, heute als Frau
       Tennisfan zu sein“, „Ich denke an Olga und Brenda“.
       
       Wenigstens sie haben nicht vergessen, dass Zverev kein Held ist.
       
       8 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.eurosport.de/tennis/french-open/2026/alexander-zverev-besiegt-flavio-cobolli-im-finale-und-kroent-sich-in-paris-zum-grand-slam-sieger_sto23307363/story.shtml
 (DIR) [2] /Prozess-gegen-Tennis-Profi-eingestellt/!6015774
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Valérie Catil
       
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