# taz.de -- Die Wahrheit: Huch, ein Jaguar!
       
       > Wenn ganz unerwartet immer mehr teure Luxusgüter im eigenen Haushalt
       > auftauchen, könnte der Ehepartner in einen Korruptionskandal verwickelt
       > sein.
       
       Man kennt das ja: Morgens tritt man ahnungslos vor die Haustür, und dann
       steht in der Einfahrt ein nagelneuer Jaguar im Wert von 90.000 Euro. „Die
       Gattin!“, denkt man amüsiert. „Dabei wollte sie doch lediglich Hackfleisch
       für das Abendessen kaufen.“ Aber es sei ihr gegönnt. Schließlich hat sie
       lange für ihre Rente gearbeitet.
       
       Von den Anschaffungen profitiert man ja auch selbst. Die Salz- und
       Pfeffermühlen von Lalique Feuilles im Wert von 2.550 Euro, die auf dem
       Entwurf von René Lalique aus dem Jahr 1924 basieren, verfeinern den
       Insalata Caprese ungemein. Und den Zweitwagen, mit dem sie überraschend von
       einem Lunch mit ihren Freundinnen nach Hause gekommen war, kann man sich
       ausleihen, wenn sie mit dem Jaguar unterwegs ist.
       
       Als die Gattin verhaftet wird, weil sie in ihrer Firma im Laufe von zehn
       Jahren rund 450.000 Euro unterschlagen hat, ist man doch etwas peinlich
       berührt. Davon habe man gar nichts mitbekommen, Euer Ehren, und man habe
       angenommen, dass sich die Ehefrau die goldene Uhr, die sie einem geschenkt
       hat, vom Munde abgespart habe. Warum glaubt die Geschichte denn keiner?
       
       Nicola Sturgeon ist damit doch auch durchgekommen. Die ehemalige
       schottische Premierministerin von der Scottish National Party (SNP) hat vor
       acht Tagen zum ersten Mal ein Interview gegeben, seit ihr Ex-Ehemann Peter
       Murrell sich schuldig bekannt hatte, als SNP-Geschäftsführer über einen
       Zeitraum von zwölf Jahren Parteispenden von mehr als 400.000 Pfund
       veruntreut zu haben.
       
       ## Haartrockner für den Glatzkopf
       
       Wie hätte sie das denn merken sollen, wollte Sturgeon von der
       BBC-Moderatorin Laura Kuenssberg wissen. Der Jaguar, der VW Golf, die
       Luxus-Gewürzmühlen, die Montblanc-Füllfederhalter – das Haus war zwar wie
       eine Millionärsvilla vollgestopft mit den erlesensten Schätzen, aber
       Murrell verdiente ja gut, meinte Sturgeon. Der Guardian-Kolumnist John
       Crace wunderte sich, dass sie sich nie gefragt hatte, warum ein
       glatzköpfiger Mann ein paar teure Haartrockner gekauft hatte.
       
       Von dem Luxus-Wohnmobil habe sie aber nichts mitbekommen, beteuerte sie.
       Das stand bei den Schwiegereltern. „Deren Haus hat vorne eine Einfahrt, wo
       wir immer unser Auto parkten“, sagte sie, „und das Wohnmobil stand an der
       Seite des Hauses. Hätte ich es gesehen, hätte ich wahrscheinlich
       angenommen, es gehöre den Nachbarn.“
       
       Wo sollen die Nachbarn auch sonst parken? Ich verstehe das nur zu gut.
       Unsere Tochter hat ihr 30 Jahre altes VW-Wohnmobil bei uns vor der Tür
       geparkt, weil bei ihr kein Platz sei. Muss ich mir Sorgen machen?
       
       Drei Leute waren lange vor Murrells Entlarvung aus dem SNP-Vorstand
       ausgetreten, weil sie das Gefühl hatten, mit den Konten stimme etwas nicht,
       aber Sturgeon war sich sicher, dass alles mit rechten Dingen zuging. Es
       gebe eben immer etwas, das niemand so ganz verstehe, meinte sie damals, und
       man müsse es einfach auf sich beruhen lassen.
       
       8 Jun 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ralf Sotscheck
       
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