# taz.de -- Tunesiens Grenzregion: Gedeiht hier die Zukunft der Landwirtschaft?
> Yasmina Halimi kommt aus der kargen tunesischen Bergregion Kasserine.
> Dort zeigt sie, wie eine wassersparende Landwirtschaft Nordafrikas
> Zukunft sichern könnte.
(IMG) Bild: Der Olivenhain in Tunesien muss wegen Wasserknappheit bewässert werden
Für Yasmina Halimi ist das Jahr 2050 kein fernes Zukunftsdatum, sondern ein
Prüfstein: Werden Regionen wie Kasserine im tunesischen Grenzland zu
Algerien an Klimakrise, Ressourcenknappheit und sozialer Ausgrenzung
zerbrechen – oder zu Vorbildern einer widerstandsfähigen Landwirtschaft
werden?
Halimi entwirft für 2050 das Bild einer intelligenten, sparsamen und lokal
verankerten Landwirtschaft, die Wasser recycelt, heimisches Saatgut
bewahrt, Heil- und Aromapflanzen nachhaltig produziert und Einkommen
schafft, ohne das ökologische Gleichgewicht zu zerstören. Ihr Leitgedanke:
Gewinn im Einklang mit der Natur, nicht gegen sie.
Die Grundlage ihrer Vision ist ihre eigene Lebensgeschichte. Aufgewachsen
in der marginalisierten Bergregion Kasserine lernte Halimi früh, Härte,
Mangel und die Gesetze der Natur zu lesen. Bildung wurde für sie zum Ausweg
aus Armut und ländlicher Benachteiligung. Aus einem kleinen Hausgarten
entwickelte sich Schritt für Schritt ein landwirtschaftliches Projekt in
einer Gegend, die zugleich von Klimastress, wirtschaftlicher Schwäche und
Terrorismus geprägt ist.
Im Zentrum ihres Modells steht eine Landwirtschaft, die sich an den
Bedingungen vor Ort orientiert. Halimi setzt in ihrer Baumschule auf Heil-
und Aromapflanzen wie Rosmarin, nutzt warmes Grundwasser zum Schutz
empfindlicher Pflanzen vor Frost und betreibt ein Kreislaufsystem, in dem
überschüssiges Wasser gefiltert und nahezu vollständig wiederverwendet
wird. Für sie sind solche kleinen anpassungsfähigen Lösungen
zukunftsfähiger als industrielle Standardmodelle – besonders in fragilen
Berg- und Grenzregionen Nordafrikas, die bis 2050 stärker denn je unter
Wasserknappheit und Temperaturstress leiden werden.
## Landwirtschaft gegen Gewalt und Marginalisierung
Ihre Idee geht dabei weit über den eigenen Betrieb hinaus. Halimi versteht
Landwirtschaft als Werkzeug gegen Marginalisierung, Unwissenheit und
Gewalt. Sie berät junge Landwirte, arbeitet an der Wiederansiedlung von
Wildpflanzen, wirbt für den Schutz der Biodiversität und will lokale
Gemeinschaften zu Mitgestaltern einer nachhaltigen Landnutzung machen. Ihr
Gegenentwurf zum Terrorismus ist nicht Abschottung, sondern Entwicklung:
Wer Armut und Perspektivlosigkeit bekämpft, entzieht Extremismus den
Nährboden.
Konkret denkt Halimi in Etappen auf 2050 hin. In den kommenden Jahren will
sie ihren Hof zu einem ökologisch geführten Spezialbetrieb für Heil- und
Aromapflanzen ausbauen, der mit modernen, ressourcenschonenden Verfahren
arbeitet und zugleich als Ausbildungs- und Versuchszentrum dient.
Mittelfristig sollen zehn Hektar durch intelligente Anbaumethoden die
Produktivität von hundert Hektar konventioneller Landwirtschaft erreichen.
Langfristig strebt sie ein Netzwerk von Produzenten an, das bedrohte
tunesische Saatgutsorten zurückbringt und ländliche Räume nicht länger als
Krisenzonen, sondern als Innovationslabore begreift.
So wird Yasmina Halimis Geschichte im Kern zu mehr als einer Biografie des
Durchhaltens. Sie ist ein Vorschlag für die Landwirtschaft von 2050: lokal,
wassersparend, biodivers, sozial gerecht – und stark genug, selbst dort
Zukunft zu schaffen, wo lange nur von Mangel, Gewalt und Vergessen die Rede
war.
Lobna Najjar, Journalistin aus Tunis und Chefredakteurin des Zentrums für
Ausbildung und Forschung arabischer Frauen (CAWTAR)
16 Jun 2026
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