# taz.de -- Schwulenberatung Berlin feiert 45 Jahre: „Die demokratische Gesellschaft, das sind wir!“
       
       > Auf dem Jubiläumsempfang feiern 700 Gäste die Schwulenberatung Berlin.
       > Der Regierende Bürgermeister hat eine überraschende Ankündigung
       > mitgebracht.
       
 (IMG) Bild: Auf der großen Party zum Jubiläum der Schwulenberatung im Metropol
       
       Die regenbogenbunten Fächer mit der Werbebotschaft „45 Jahre
       Schwulenberatung Berlin“, die vor der Garderobe als Giveaway liegen, sind
       als Erstes weg. Die Fächer sind im Metropol am Nollendorfplatz, das stellt
       sich am Freitagabend schnell heraus, sehr hilfreich. Denn drinnen ist es
       heiß. Rund 700 Gäste sind zum Jubiläumsempfang der Schwulenberatung
       gekommen, es gibt Häppchen und Getränke, die Gastgeber geben sich
       spendabel, alles ist kostenfrei.
       
       „Wir feiern Vielfalt“ heißt es zum Start des Programms aus dem Off. Was
       1981 „ohne Strukturen und ohne Geld“ als Selbsthilfeprojekt einiger weniger
       schwuler Männer und lesbischer Frauen begann, ist heute laut eigenen
       Angaben mit über 290 Mitarbeitenden aus mehr als 36 Nationen die größte
       Hilfsorganisation für LSBTI* in Europa – wenn das kein Grund zu feiern ist.
       Der Jubiläumsempfang mit anschließender Party in Kooperation mit dem SchwuZ
       soll „ein Dankeschön an alle Beteiligten“ sein.
       
       Dabei sind Vertreter:innen aus dem Bundestag, Berliner Senat und
       Abgeordnetenhaus, Wegbegleiter:innen der vergangenen Jahrzehnte,
       Kooperationspartner:innen, Fördernde sowie zahlreiche Persönlichkeiten aus
       der queeren Community. Viele von ihnen posieren vor einer Fotowand,
       darunter Klaus Lederer, queerpolitischer Sprecher der Linksfraktion im
       Abgeordnetenhaus, in einer roten Trainingsjacke. Auch Klaus Wowereit,
       Regierender Bürgermeister a.D., ist unter den Gästen.
       
       Marcel de Groot, der Geschäftsführer der Schwulenberatung, spricht als
       Erster und duzt ganz passend alle im Saal, „weil wir unter uns sind“. Er
       erinnert in seiner von einer Gebärdendolmetscherin übersetzten Rede an die
       Zeit der Gründung, „als Homosexualität unter Männern noch unter Strafe
       stand“. Er macht deutlich, wie eng die Geschichte der Schwulenberatung mit
       der demokratischen Gesellschaft und den Wandel Berlins verbunden ist.
       
       ## „Unsere Arbeit war immer politisch“
       
       Themen wie Sichtbarkeit, Akzeptanz, Selbstbestimmung und der Kampf gegen
       Diskriminierung würden sich seit 45 Jahren durch die Arbeit der
       Organisation ziehen. „45 Jahre Berlin bedeuten 45 Jahre Haltung,
       Solidarität und Unterstützung für Menschen, die oft Ausgrenzung erfahren
       haben“, sagt de Groot. „Unsere Arbeit war immer politisch – weil queeres
       Leben auch in der Regenbogenhauptstadt Berlin sichtbar und geschützt sein
       muss.“ Am Ende ruft er: „Die demokratische Gesellschaft, das sind wir,
       lasst es uns feiern!“
       
       Aber vor dem Feiern folgen zwei weiteren Reden. Kai Wegner (CDU), der
       Regierende Bürgermeister, hält ein Grußwort. Was die einen als
       prestigeträchtig betrachten, sehen die anderen kritisch. „Warum muss man
       ihn überhaupt einladen?“, sagt ein Mann um die 50, der inkognito bleiben
       will, und meint damit die „erwartbaren Lippenbekenntnisse“ Wegners. „Dann
       lieber keinen aus der Politik oder jemanden anderen einladen.“
       
       Kai Wegner indes duzt in seiner Ansprache zurück, überbringt Glückwünsche
       zum Jubiläum und würdigt die Verdienste der Schwulenberatung und bedankt
       sich für deren Arbeit. Und er sagt: „Ja, es geht um etwas, es geht um
       unsere Demokratie, um die Art und Weise, wie wir zusammenleben, es geht um
       Vielfalt, Internationalität, Zusammenhalt.“ Und er wäre stolz, „der
       Regierende Bürgermeister der Regenbogenhauptstadt“ zu sein. So weit, so
       bekannt.
       
       ## Berlin mit eigenen Wagen beim CSD dabei
       
       Wegner aber hat eine Überraschung parat: „Ich bin stolz darauf, dass Berlin
       einen der größten CSDs Deutschlands und darüber hinaus hat“, sagt er und,
       dass es an der Zeit wäre, dass sich die Stadt Berlin „durch einen eigenen
       Wagen zum CSD bekennt“. Das soll in diesem Jahr erstmals der Fall sein.
       Dafür gibt es Applaus.
       
       Auch, als er davon spricht, „wie normal“ es für ihn sei, die
       Regenbogenfahne vor seinem Amtssitz zu hissen – das wäre eine „Frage der
       Haltung“. In Zeiten, in denen nicht mehr selbstverständlich
       Regenbogenfahnen vor Rathäusern oder dem Bundestag wehen, eine wichtige
       Botschaft für die queere Community: „Die Regenbogenfahne gehört vor das
       Rote Rathaus, die Regenbogenfahne gehört in die Mitte der Gesellschaft“,
       sagt Wegner.
       
       Carolin Emcke, Publizistin und Autorin, betont in ihrer kämpferischen Rede,
       dass queerpolitische Errungenschaften keine Selbstverständlichkeit sind und
       weiterhin Schutzräume und gesellschaftliches Engagement benötigt werden.
       „Es braucht ungewöhnliche Allianzen“, sagt sie mit Blick auf die
       zunehmenden Umfragewerte der AfD. Emcke beklagt auch die Absurdität, in
       Zeiten von „Polarisierung und antidemokratischer Spaltung“ genau an den
       Programmen zu sparen, die gegen diese Entwicklung angehen. Sie bekommt den
       meisten Beifall des Abends.
       
       Und dann gibt es endlich Musik. Erst spielt die famose Liveband Brooklyn
       Bridge, Sänger Keith Tynes und Sängerin Toshin Bankole sorgen mit
       Evergreens für ausgelassene Stimmung. Dann legen die DJs los: Einige
       Mieter:innen aus dem Lebensort Vielfalt legen zum Start der öffentlichen
       Party mit pinkfarbenen Perücken und Pompons zum Song „Finally“ von CeCe
       Peniston eine flotte Nummer aufs Parkett. Die Menge tanzt mit. Und jetzt
       zahlen alle ihre Getränke wieder selbst. Die Fächer leisten weiter gute
       Dienste.
       
       7 Jun 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Andreas Hergeth
       
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