# taz.de -- Neue Oberstufe in Hamburg: Hamburg will Kunstunterricht halbieren
> In Hamburgs Schulbehörde gibt es Planspiele, die Fächer Kunst, Musik und
> Theater in der Oberstufe auszudünnen. Fachverbände laufen Sturm.
(IMG) Bild: Kulturelle Bildung ist mehr als „Nice to have“: Und darf nicht auf einzelne Schulen oder gar auf die Elternhäuser abgewälzt werden
Wegen neuer [1][Vorgaben der Kultusminister] plant Hamburg eine Reform
seiner gymnasialen Oberstufen. Dabei könnte es ausgerechnet den Fächern
Kunst, Musik und Theater an den Kragen gehen. Hier könnte man „bestehende
Belegverpflichtungen“ künftig „verringern“, hieß es bereits im Januar bei
einer Fachtagung des Amtes für Bildung. Nun berichtet der Fachverband für
Kunstpädagogik BDK Hamburg von einer Halbierung der Belegpflicht – von vier
auf zwei Semester in der Oberstufe. Das, so sagt die [2][Vorsitzende Nina
Rippel], sei ihnen in einem Gespräch von der Schulbehörde mitgeteilt
worden.
„Damit würden diese Fächer ihren verbindlichen Stellenwert in der Oberstufe
und im Abitur verlieren und zu einem ‚Nice-to-have‘“, schreiben der BDK
Hamburg, der Hamburger Landesverband des Bundesverbands Musikunterricht und
der Fachverband Theater in Schulen in einer [3][gemeinsamen Stellungnahme].
Die Sicherstellung einer kulturellen Bildung für alle Schüler dürfe nicht
auf einzelne Schulen oder gar auf die Elternhäuser abgewälzt werden, denn
das „würde dem Grundsatz der Bildungsgerechtigkeit widersprechen“, so die
drei Verbände weiter, die zugleich eine [4][Onlinepetition] starteten.
Die Belegverpflichtung ist eine Errungenschaft aus dem Jahr 2008. Als unter
der grünen Schulsenatorin Christa Goetsch die sogenannte „Profiloberstufe“
mit festen Fächerkombinationen auf den Weg gebracht wurde, wurde zugleich
festgelegt, dass jeder Schüler eines der drei ästhetischen Fächer Kunst,
Musik und Theater über die ganzen vier Semester seiner Oberstufenzeit
hindurch belegt. So ist es bisher auch möglich, in diesen Fächern das
Abitur abzulegen.
## Hamburg ändert, was nicht geändert werden muss
Um den neuen [5][Vorgaben der Kultusministerkonferenz] (KMK) zu genügen,
müsste Hamburg ganz [6][andere Punkte] ändern. So ist es bisher in Hamburg
möglich, dass Schüler zwischen 32 und 40 Kursnoten ins Abitur einbringen.
Künftig sollen es bundeseinheitlich 36 Kurse sein. Und Naturwissenschaften
sollen mindestens mit drei Stunden die Woche im Stundenplan stehen.
Doch laut einer Präsentation des Amtes für Bildung, die Anfang Januar auf
jener Fachtagung gezeigt wurde, empfahl eine behördliche Beratungsgruppe
stattdessen weitergehende Schritte wie eine „Verringerung von
Belegpflichten für Künste und Religion/ Philosophie“. Die neue
Prüfungsordnung soll noch vor den Hamburger Sommerferien beschlossen werden
und ab Schuljahr 2027/28 gültig sein.
„Wir sind über diese Änderungen sehr besorgt“, sagt Nina Rippel. Die
Kürzung der Belegpflicht könne auch zu einem Rückgang von Stellen und
Studienplätzen an den Hochschulen führen.
An sich ist es nicht üblich, dass sich Hochschulen zur Schulpolitik äußern.
Aber weil es sie auch betrifft, meldeten sich drei ProfessorInnen der
„Sozietät Bildende Kunst“, Andrea Sabisch, Nora Sternfeld und Franz Wanner,
mit einer Stellungnahme an die Schulsenatorin zu Wort. Auch sie sehen
keinen Anlass, die momentan gültige Belegpflicht zu ändern, da sie in ihrer
bestehenden Form den Vorgaben der Kultusministerkonferenz entspreche.
„Das Fach Bildende Kunst gilt als sehr beliebtes, dezentrales Abiturfach in
Hamburg mit über eintausend Prüfungen im Jahr“, schreiben die drei. Es sei
das einzige Fach, das eine grundständige Expertise für eine visuelle
Dimension der Bildung anbiete, was in der digitalen Welt des 21.
Jahrhundert zunehmend wichtiger werde. „Das Fach Bildende Kunst, wie auch
die Fächer Musik und Theater dürfen nicht zum Luxus für wenige Kinder
werden.“
Auch Hamburgs Elternkammer ist besorgt. Zwar habe die Kammer in einer
früheren Stellungnahme zur Oberstufenreform auf die [7][Gesamtbelastung der
Schüler] hingewiesen. „Daraus erfolgt jedoch keine Kürzungsnotwendigkeit
gerade im Bereich der ästhetischen Bildung“, schreiben die Vorsitzende
Simone Kohl und der übrige Vorstand. Im Gegenteil hätten diese Fächer diese
gerade angesichts zunehmender psychischer Belastung und hoher
Leistungsverdichtung eine „wichtige stabilisierende Funktion im schulischen
Alltag“.
Bereits heute machten diese Fächer nur einen kleinen Anteil der Oberstufe
aus. Eine weitere Kürzung ginge zu Lasten „kreativer und
persönlichkeitsbildender Bildungsanteile“, schreibt die Kammer, und warnt
ebenfalls davor, kulturelle Bildung vom Elternhaus abhängig zu machen.
Wenn es denn so kommt. Kammervertretern wurde inzwischen von Behördenseite
signalisiert, diese Halbierung der Kunstfächer sei gar nicht mehr geplant.
Doch eine Anfrage der taz dazu von Montag konnte die Schulbehörde nach zwei
Tagen nicht beantworten.
Beleg-Reduzierung vom Tisch?
Am späten Donnerstagnachmittag reichte die Schulbehörde die Antworten nach.
Auf die Frage, ob die Belegverpflichtung für Kunst, Musik und Theater in
der Oberstufe auf zwei Semester reduziert wird, erklärt eine Sprecherin
nun: „Nein, der aktuelle Beratungsstand sieht das nicht vor.“ Der Entwurf
für die neue Prüfungsordnung gehe jetzt in die Gremienabstimmung und liege
„voraussichtlich erst kommende Woche vor“. Unabhängig von der endgültigen
Entscheidung über „letzte Details“, schränkt sie ein, werde die
durchgängige Belegung dieser Fächer in der Oberstufe „weiterhin möglich
sein“.
Dass das „möglich“ sein wird, hatten die Kritiker allerdings auch nicht
bezweifelt. Es geht den Fachverbänden mit der Belegpflicht darum, dass die
vier Semester kultureller Bildung – vergleichbar mit Sport – weiter die
Regel sind. Auf die Frage, ob sich jene aus dem Jahr 2008 stammende
Festlegung aus Sicht der Behörde bewährt hat, antwortet die Sprecherin
ausweichend: „Diese Frage lässt sich nicht pauschal beantworten.“ Hier
gelte es Interessenlagen zum Ausgleich zu bringen. Jede über die
KMK-Vorgaben hinausgehende Belegverpflichtung schränke zum Beispiel die
Möglichkeit eigener Schwerpunktsetzung ein.
Auch lässt sich aus der Antwort herauslesen, dass die Reduzierung der
Kunstfächer eine Zeit lang im Gespräch war. So schreibt die Behörde zur
Frage, ob die Fächer entwertet würden und künftig nicht mehr als Abiturfach
in Frage kämen: „Diese Schlussfolgerung war zu keiner Zeit richtig. Eine
Reduzierung der Belegverpflichtung bedeutet nicht zugleich die
Vorenthaltung einer Belegmöglichkeit.“ Dieses Missverständnis habe die
Behörde in verschiedenen Gesprächen mit den Verbänden klargestellt.
Nina Rippel sagt: „Wenn es wirklich keine Reduzierung gibt, würden wir das
als Erfolg unserer Aktion begrüßen.“ Sie warte nun erst mal die genaue
Formulierung der neuen Verordnung ab. „So lange läuft unsere
Online-Petition weiter.“
Anmerkung der Redaktion: Dieser Artikel wurde nach Veröffentlichung in den
letzten drei Absätzen um die nach drei Tagen eingegangene Antwort der
Hamburger Schulbehörde ergänzt.
3 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Plan-fuer-einheitliches-Abitur/!5917974
(DIR) [2] /Neue-Stundentafel-fuer-Hamburgs-Schulen/!6007509
(DIR) [3] https://bdk-online.info/hh/stellungnahme-neugestaltung-der-gymnasialen-oberstufe/
(DIR) [4] https://innn.it/must-havekunstmusiktheater
(DIR) [5] https://www.kmk.org/bildungsministerkonferenz/vertiefende-bildungsinhalte/bildungswege-und-schulabschluesse/gymnasiale-oberstufe-und-abitur.html
(DIR) [6] https://www.abendblatt.de/hamburg/politik/article411664509/flexible-oberstufe-kommt-jetzt-das-abitur-im-individuellen-tempo.html
(DIR) [7] https://gest-hamburg.de/wp-content/uploads/2026/02/2026-02-GESTik-APO-AH.pdf
## AUTOREN
(DIR) Kaija Kutter
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