# taz.de -- Neue Wege zum Abitur in Hamburg: „Unsere Oberstufen sind sehr starr“
       
       > Jeder Schüler sollte im eigenen Takt fürs Abitur lernen, fordert die
       > SPD-Politikerin Dora Heyenn. Der Koalitionsvertrag sieht ein Pilotprojekt
       > vor.
       
 (IMG) Bild: Der Weg zum Abschluss soll mit dem eigenen Tempo möglich sein: Zwei Abiturientinnen freuen sich
       
       taz: Frau Heyenn, warum braucht Hamburg eine flexible Oberstufe?
       
       Dora Heyenn: Das bräuchte man nicht nur Hamburg, sondern überall in
       Deutschland. Verglichen mit dem europäischen Ausland sind unsere Oberstufen
       sehr starr.
       
       taz: Was wäre denn eine flexible Oberstufe? 
       
       Heyenn: „Die“ flexible Oberstufe gibt es nicht, sondern unterschiedliche
       Modelle. Es geht darum, die Verweildauer in der Oberstufe an die
       Bedürfnisse der Schüler anzupassen. Jugendliche haben in dem Alter Probleme
       und Anforderungen, die sie am Lernen hindern. Lernen im eigenen Takt kann
       ermöglichen, dass sie trotzdem Abitur machen.
       
       taz: Was wäre das zeitliche Maximum? 
       
       Heyenn: Ein Abitur nach zehn Jahren – ein G 10. Aber das kann sehr flexibel
       gestaltet werden. Es kann sein, dass Schüler:innen in Mathematik schon
       nach acht Jahren das Abitur ablegen und in Englisch nach neun, je nach
       individuellen den Bedürfnissen und Kompetenzen.
       
       taz: Gibt es solche Oberstufen schon irgendwo? 
       
       Heyenn: Ja, es gibt [1][Modellschulen]. Aber nur in Hamburg gibt es eine
       Landesregierung, die sagt: Wenn der Bedarf da ist und es genug Schulen
       gibt, legen wir ein Pilotprojekt auf.
       
       taz: Braucht die Oberstufe eine neue Lernkultur? 
       
       Heyenn: Ja, das sehen wir an den hohen Abbruchzahlen bei den Studierenden.
       Und viele Firmen beschweren sich über mangelnde Kompetenzen der
       Schulabgänger. Die Zeiten ändern sich ja stark, aber in den Schulen
       [2][hält man damit nicht Schritt]. Da gibt es eine Kluft. Schüler müssen
       ihre Lernprozesse selbst steuern und lernen, in Teams zu arbeiten. Das ist
       heute in Firmen normal.
       
       Taz: Gibt noch viel Bulimie-lernen? 
       
       Heyenn: Nach dem, was ich höre, ja. Deshalb braucht es eine neue
       Lernkultur, eine individuelle Schwerpunktsetzung, dann ist das Lernen
       nachhaltiger.
       
       taz: Warum hinkt die Oberstufe bei der Lernkultur so hinterher? 
       
       Heyenn: Weil das Abitur immer noch [3][so einen Nimbus in Deutschland hat].
       Wir arbeiten immer auf ein Zentralabitur hin, das vergleichbar sein soll.
       Aber das halte ich für einen Irrglauben. Schon die Abiturnoten an einer
       Schule sind nicht vergleichbar, je nachdem, welche Lehrkräfte unterrichtet
       haben.
       
       taz: Was ist das Ziel Ihres Fachtags? 
       
       Heyenn: Ganz einfach. Wir als Arbeitsgemeinschaft für Bildung in der SPD
       hatten 2024 auf dem Landesparteitag beantragt, dass ein Pilotprojekt zur
       flexiblen Oberstufe ins Wahlprogramm für 2025 aufgenommen wird. Die Grünen
       forderten das auch. Es steht jetzt im [4][rot-grünen Koalitionsvertrag].
       Somit gibt es ein Versprechen und das unterstützen wir mit diesem Fachtag.
       
       taz: Wie realistisch ist das Pilotprojekt? 
       
       Heyenn: Das Interesse scheint groß zu sein. Aufgrund unserer Einladung
       haben sich bei uns schon Schulen gemeldet. Sie warten die Fachtagung ab.
       Dort wird die Bandbreite vorgestellt, wie man flexible Oberstufe gestalten
       kann. Zum Beispiel leben in Hamburg ja viele Schüler, die Deutsch nicht als
       Muttersprache haben. Für die gibt es das Modell einer längeren
       Eingangsphase, um dort Deutsch als Fachsprache zu erlernen. Ich weiß als
       Lehrerin, wie sprachlastig zum Beispiel Fächer wie Biologie sind.
       
       taz: Gibt es auch Bedenken? 
       
       Heyenn: Ja, es gibt von den Hamburger Stadtteilschulen die Sorge, dass eine
       flexible Oberstufe den Gymnasien den Weg für ein [5][neunjähriges
       Gymnasium, ein G 9], durch die Hintertür öffnet.Aber genau das ist nicht
       der Fall. Es geht um eine individuelle zeitliche Streckung, aber nicht
       pauschal um ein Jahr.
       
       taz: Wann kann das Pilotprojekt starten? 
       
       Heyenn: Die Schulbehörde sagt, Schulen, die sich für dieses Projekt
       entscheiden, können sich auf dem Dienstweg an sie wenden. Dort müssen dann
       ein Konzept erarbeitet und eine wissenschaftliche Begleitung sichergestellt
       werden. Wenn man sich beeilt, könnte die Umsetzung im nächsten Jahr
       beginnen.
       
       16 Apr 2026
       
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