# taz.de -- Film „Mein Leben, mein Ding“: Anekdoten einer Unangepassten
       
       > In Sophie Fillières’ Film „Mein Leben, mein Ding“ mäandert die
       > Protagonistin orientierungslos und wunderlich durchs Leben, mit einem
       > Funken Hoffnung.
       
 (IMG) Bild: Zeit großer Veränderung: Barbie (Agnès Jaoui) in „Mein Leben, mein Ding“
       
       Barbie tut so, als sei sie beim Sport, während sie mit ihrer Freundin
       telefoniert. Als sie dann tatsächlich im Fitnessstudio ankommt, gibt sie
       vor, zu Hause zu sein. Überhaupt tut Barbie viele scheinbar unlogische oder
       unkoordinierte Dinge. Sie kann sich am Computer für keine Schriftart
       entscheiden, findet sogar, dass eine davon magersüchtig sei: eine
       Schriftart, „die sich jeden Morgen wiegt“.
       
       Dann kündigt sie unverhofft ihren Job, isst einen McDonald’s-Burger im
       Park, obwohl sie Fast Food verabscheut, wird in seltsame Gespräche mit
       Fremden verwickelt oder lässt sich von einer Wildfremden aus der Tram dazu
       verdonnern, alle ihre Taschen zu schleppen. Ist Barbie wirr oder nur
       unentschlossen? Die 55-Jährige – zwei Kinder, vom Mann getrennt lebend –
       mag wunderlich wirken. Vielleicht tickt sie als Werbetexterin und Dichterin
       ohnehin anders.
       
       Doch vor allem leidet Barbie an Orientierungslosigkeit. Von ihr wird sie
       zunehmend beherrscht, sodass sie im Alltag immer weniger funktioniert.
       Ihrem Psychiater sagt sie: „Ich weiß immer noch nicht, wer ich bin.“ Doch
       da steckt sie schon längst in einer [1][Depression], die nun offensichtlich
       zutage tritt. Nachdem sie einem Jugendflirt begegnet, ihn nicht
       wiedererkennt und für einen Boten aus dem Jenseits hält, bekommt sie akute
       Todesangst und lässt sich in die Psychiatrie einweisen.
       
       Erzählt werden diese Anekdoten im Leben einer Unangepassten eher beiläufig,
       nie dramatisch. Das entspräche auch nicht dem Stil von Regisseurin Sophie
       Fillières, die 2023, kurz nach Ende der Dreharbeiten für diesen Film,
       verstarb. So entpuppt sich „Mein Leben, mein Ding“ als ihr filmischer
       Schwanengesang, der zeigt, was wir an dieser eigensinnigen und originellen
       Filmemacherin verloren haben.
       
       Fillières hat es immer verstanden, auch existenzielle Krisen ihrer
       Protagonist*innen mit Lakonie und subtilem Humor zu schildern. „Die
       Komödie ermöglicht es, sich auf gefährliches Terrain zu begeben, ohne dass
       man sich dafür rechtfertigen muss“, hat sie einmal gesagt. Man denke an
       ihren Film „Arrête ou je continue“ (2014), der die Trennung eines seit
       Langem verheirateten Ehepaars schildert. Darin lässt die Frau, Pomme
       (Sophie Devos), ihren Gatten Pierre (Mathieu Amalric) urplötzlich beim
       gemeinsamen Wandern im Wald zurück. Sie landet in einer Herberge, wo eine
       Gruppe Musiker*innen übernachtet. Als sich an einer Runde am Tisch alle
       mit Vornamen und Instrument vorstellen, passt sich die Frau, die keine
       Musikerin ist, nahtlos an und präsentiert sich mit „Pomme, Geige“.
       
       Dieser Ausschnitt ist auch symptomatisch für Fillières’ letzten Film, „Mein
       Leben, mein Ding“. Zum einen steht eine Protagonistin im Mittelpunkt. Zum
       anderen zeigt er, wie eine Frau sich einfügen kann, obwohl sie mit dem
       Herzen nicht bei der Sache ist und sich in der Gemeinschaft der Fremden
       unwohl fühlt. Komik kommt bei der Szene trotzdem auf.
       
       In „Mein Leben, mein Ding“ gibt nun die großartige Agnès Jaoui die
       Hauptrolle, spielt eine Frau mittleren Alters, die ebenfalls an einem
       Wendepunkt im Leben angelangt ist. Sie gestaltet die Heldin als eine neben
       sich stehende Frau, die immer mal die Kraft für kleine rebellische Aktionen
       aufbringt, ansonsten aber mehr reagiert als agiert. Wie auch bei Pomme in
       „Arrête ou je continue“, deren Vorname „Apfel“ bedeutet, hört die
       Protagonistin in „Mein Leben, mein Ding“ auf einen sprechenden Namen.
       Eigentlich heißt sie Barberie, wird aber nur [2][Barbie] genannt.
       
       Dabei ist sie kein blondes Püppchen, sondern eine reife Frau, deren Figur
       nicht dem Klischee einer Sexbombe entspricht. Auch ihr Familienname spricht
       Bände: Bichette. Das bedeutet auf Französisch „kleines Reh“, ist aber auch
       ein gängiger Kosename. Wer also „Barbie Schätzchen“ oder „Barbie Häschen“
       heißt, strahlt bestimmt nicht die größte Autorität aus. Das merkt Barbie,
       die sich ihrer desolaten Lage durchaus bewusst ist und versucht, sich zu
       mehr Lebensfreude zu motivieren. Doch das will nicht gelingen. Stattdessen
       zeigt sie sich im Spiegel selbst den Mittelfinger.
       
       ## Um Hilfe bittet sie nie, auch nicht ihre Kinder
       
       So mäandert Barbie vor ihrer Aufnahme in die Klinik durch Paris. Sie sucht
       ihre Schwester (Valérie Donzelli) an deren Arbeitsplatz auf, raucht mit ihr
       eine ihrer „ekelhaften“ Zigaretten, bespricht familiäre Angelegenheiten,
       aber immer im Plauderton. Um Hilfe bittet sie nie, auch nicht ihre Kinder.
       
       Denen ist Barbie eher peinlich. Als sie ihre Tochter zufällig im Park
       trifft, beschränkt die das Gespräch vor ihrer Freundin auf ein Minimum.
       Auch mit dem Sohn klappt die Kommunikation nicht besonders gut. Einmal
       zieht er ihr eine [3][gelbe Weste] an – eine augenzwinkernde Anspielung auf
       französische Gegenwart und womöglich ein Anstoß, in die Gänge zu kommen.
       Denn Barbie verliert immer mehr ihren inneren Kompass und wirkt auf andere
       oft verpeilt. Der Gang in die Klinik wird sich dennoch als wichtiger und
       verändernder Schritt erweisen, der aus Barbie endlich wieder eine handelnde
       Protagonistin macht.
       
       Wie in einem Theaterstück erleben wir Exposition, Eskalation und Auflösung.
       Denn der Film ist in drei Kapitel unterteilt. Sie hören auf die hübschen
       Titel „Piff“, „Paff“ und „Juhu“. In der Tat fühlen sich die ersten beiden
       Teile wie kurz hintereinander verabreichte Ohrfeigen an. Barbie wird vom
       Leben, von ihren Selbstzweifeln und ihren Mitmenschen geplagt, muss
       einstecken.
       
       ## Ein kleines Mädchen, das erwachsen werden muss
       
       Allerdings erscheint sie sogar in der Klinik nicht nur als elende
       Patientin, sondern als exzentrische Person, die Aufmerksamkeit erregt. Sie
       muss total von vorne anfangen, wieder sie selbst werden. Womöglich spricht
       sie deshalb auch alle in der Einrichtung Arbeitenden mit „Fanfan“ an, egal,
       ob Krankenschwester oder behandelnden Arzt. Alle anderen sind austauschbar;
       Barbie ist ein kleines Mädchen, das wieder erwachsen werden und seine
       Position im Leben finden muss. Zunächst leidet sie an Wahnvorstellungen,
       vermutet eine Kamera in einer Lampe, führt Selbstgespräche.
       
       Doch sie wird aus dem Tal der Tränen herausfinden, in einem anderen Tal in
       einem anderen Land eine wichtige Erfahrung machen, Mitmenschen
       wiederentdecken. Manchmal muss man tief sinken, um wieder nach oben zu
       schwimmen.
       
       Dass Barbie im letzten Drittel des Films so etwas wie Kontrolle
       wiedererlangt, erzeugt einige so komische wie anrührende Szenen, vor allem
       mit ihren Kindern, die den Ernst der Lage erkannt haben. Außerdem spielen
       eine Fähre, ein britischer Pfadfinder, eine lang verschollene Freundin und
       ein Adelstitel eine Rolle. Das dritte Kapitel gibt trotz seines Titels zwar
       keinen Anlass zum Jubeln, aber zumindest zu mildem Optimismus.
       
       ## Lose narrative Fäden finden zueinander
       
       Außerdem erweist sich Regisseurin Fillières als ausgezeichnete
       Drehbuchautorin. Lose narrative Fäden aus den ersten beiden Kapiteln finden
       im letzten Teil zueinander: Figuren, die aufgetreten sind oder erwähnt
       wurden, finden wieder Beachtung, allerdings in einem anderen Kontext, und
       helfen Barbie bei ihrem Neuanfang.
       
       Dass sie das Leben durch eine besondere Brille betrachtet, beweisen auch
       die selbstreflexiven und poetischen Gedichte, die sie überall
       niederschreibt. Das Dichten hilft bei der Orientierung, auch wenn sie bei
       scheinbar einfachen Aufgaben lange schwankt, wie beim eingangs erwähnten
       Aussuchen der passenden Schriftart für ihren Text. Sie entscheidet sich
       schließlich für „Avenir medium“, das eine mittelprächtige, aber immerhin
       eine Zukunft in Aussicht stellt.
       
       16 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Behandlung-von-Depressionen/!5995963
 (DIR) [2] /Kinosterben-durch-Barbie-Film/!5946369
 (DIR) [3] /Gilets-jaunes/!t5552518
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Kira Taszman
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Spielfilm
 (DIR) Französisches Kino
 (DIR) Lebenskrisen
 (DIR) Lebenslauf
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Schwerpunkt Filmfestspiele Cannes 
 (DIR) Spielfilm
 (DIR) Film
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Eröffnung der Filmfestspiele Cannes 2024: Wir werden doch gefilmt
       
       Bei den Filmfestspielen in Cannes spielen im Eröffnungsfilm „Le deuxième
       acte“ Schauspieler Schauspieler. Meryl Streep erhält den Ehrenpreis.
       
 (DIR) Cannes-Gewinner „Anatomie eines Falls“: Das trügerische Wesen der Wahrheit
       
       Der Film „Anatomie eines Falls“ von Justine Triet ist ein gekonnt
       verworrener Thriller. In Cannes wurde er mit der Goldenen Palme
       ausgezeichnet.
       
 (DIR) Kinofilm aus Frankreich: Fee in der Fahrschule
       
       Prinzessin, Wolf und Oger wollen mehr als Märchen und machen Kino. Agnés
       Jaoui übernimmt die Regie und zaubert in „Unter dem Regenbogen“.