# taz.de -- Neues Album von ZackiBoy: Den elektronischen Schepper-Pop wiederbeleben
       
       > Der Berliner Künstler ZackiBoy liefert Ohrwürmer als Antidepressiva für
       > Millenials und alle, die es gerne wären. Warum sein Album „Softy“
       > funktioniert.
       
 (IMG) Bild: ZackiBoy am Berliner Landwehrkanal. Im Hintergrund das Urban-Krankenhaus
       
       Müde von Politik, Trennungen, Depressionen und dem eigenen Nervenkostüm,
       das immer dünner zu werden scheint. Thorben Kaiser alias ZackiBoy ist zwar
       müde, aber selten klang Kummer bisher so tanzbar wie auf dem neuen Album
       „Softy“ des Berliner Künstlers. Die Musik von ZackiBoy kommt einer kleinen
       Scharade gleich. Akustisch ist vom Verdruss wenig zu hören, denn „Softy“
       hüllt sich in fröhliche, teils puristische, aber immer eingängige und
       poppig anmutende, elektronisch grundierte Melodien.
       
       Kontraste schaffen Charakter und das zeigt bereits der Auftaktsong
       „Venlafaxin“, dessen trübseliger Text über Alltagstrott im düsteren Habitat
       eines Depressiven sich vom Ambiente her in den Nuller- und Zehnerjahren in
       einem Klangbad zwischen [1][Deichkind] und [2][Audiolith] wieder findet.
       „Venlafaxin“ ist eine Hymne auf Antidepressiva als Lebensretter und als
       krasser Einstieg des Albums äußerst gelungen. Der monotone Sprechgesang
       verbindet sich mit Synthpop und elektronischen Beats, die sich gegen Ende
       immer mehr verdichten und Musik erzeugen, die Potenzial zum Ohrwurm hat.
       
       Vor allem Millennials aus der linkspolitischen Blase müssten sich bei
       ZackiBoy in eine Zeit versetzt fühlen, in der [3][das Hamburger Festival
       „Dockville“ noch klein] und die Indieband Frittenbude beliebt waren. Eine
       unschuldige Zeit, in der man in seinem 10.000-Seelen-Dorf von der weiten
       Welt geträumt hat, die Skinny-Jeans so eng wie möglich wählte, fernab der
       Realität der Erwachsenen und dafür mittendrin in der Adoleszenz und ihren
       Tücken. ZackiBoy ist aber kein nostalgisches Sinnbild dieser Phase, er hat
       Anfang der Zehner bereits ein erstes Album veröffentlicht.
       
       Vom Duft der Großstadt handelt „Ich geh online“, eine Ballade von einem,
       der ausbrechen und ins urbane Gewirr eintauchen will. Sein Arrangement ist
       eine virtuelle Erkundungstour, die ZackiBoys feines Gespür für Melodien
       unterstreicht.
       
       Bei manchen Songs tritt der 44-Jährige auf die Bremse und schafft kleine
       Atempausen vom hibbeligen Speed, stattdessen zerfließt die Musik, klingt
       dadurch lässiger und schlichter. ZackiBoy sinniert in „Die Welt ist meine
       Scheibe“ nicht etwa über Querdenker und krude Weltanschauungen, sondern
       träumt einfach weiter in seiner eigenen kleinen Blase, ohne gleich auf jede
       Frage eine Antwort zu finden. Also echot er sich selbst ohne großen
       Widerhall zu.
       
       Die Stärke von „Softy“ liegt im Kontrast. Und so klingt auch „Immer
       Ehrlich“ lustig und tragisch zugleich. [4][Neue-Deutsche-Welle-Star Andreas
       Dorau] hilft hier mit beim Tauziehen der Gefühle, im Duett besingen beide
       dystopisch kosmopolitische Aussichten, den nahenden Winter, fehlenden
       Schnee, weinende Kinder und die drohende Apokalypse, während eine Flöte
       erklingt, als würden die Künstler betrunken im Auenland tanzen. „Ich bin
       ehrlich fertig“. Ja, das Gefühl können alle verstehen.
       
       Am besten nachvollziehbar ist die Ambivalenz des Albums beim Song „Only
       Positive Vibes“. Im Feature [5][mit dem Chemnitzer Rapper Augenringemann]
       erschafft ZackiBoy einen düsteren Popsong, der ironischerweise gar nicht
       nach positiven Gefühlen klingt. Stattdessen ahmt er brachialen Gangstarap
       nach und tut seine Abneigung gegenüber einer ominösen „only positive
       vibes“-Bewegung kund. Die Musik inszeniert eine Welt, in der Probleme zu
       Chancen werden und schlechte Tage keine Alternative sind; in der Botox
       nicht gebraucht wird, weil es keinen Ärger gibt, der Zornesfalten
       verursachen könnte. Damit gelingt ZackiBoy hübsch verpackte
       Gesellschaftskritik, die sogar noch einen Tick schärfer hätte formuliert
       sein können. Wo ist der wummernde Beat, wenn man ihn braucht?
       
       Schon der lachende und der weinende Smiley auf dem Albumcover deuten an,
       dass „Softy“ eine bewusst ambivalent gehaltene Angelegenheit ist. Klanglich
       vielseitig wechseln die Songs zwischen Indiepop-Gitarrenintros und Beats,
       die an 80er-Jahre Aerobic-Videos erinnern. An manchen Stellen vielleicht
       etwas flach produziert, aber DiY-Pop ist halt so. ZackiBoy nimmt keine
       Umwege auf seinem Album und nutzt die Gute-Laune-Akustik als Camouflage, um
       den „Blues“, in dem er steckt, zu vertuschen.
       
       Der linkspolitische elektronische Schepperpop der Nuller- und Zehnerjahre
       ist eigentlich Geschichte. Wirkten diese eckigen Soundlandschaften zuletzt
       eher abgegrast, lässt ZackiBoy – wenn auch weniger provokant als damals –
       auf den Ruinen wieder frisches Gras wachsen.
       
       12 Jun 2026
       
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