# taz.de -- Künstlerin über Goldprojekt: „Nur durch eine Rückgabe kann das Gold gereinigt werden“
       
       > Goldabbau steht in der Kritik. Trotzdem plant die Geheimagentur mit zwei
       > westafrikanischen Künstlern jetzt, in Hamburg eine Raffinerie zu eröffnen
       
 (IMG) Bild: Der Stoff, aus dem die Träume sind: Golden Boots von Idonah Asamoa
       
       taz: Sybille, Sie planen eine alternative Goldraffinerie in Hamburg. Wo in
       der Stadt kann man denn Gold abbauen? 
       
       Sibylle: Überall! Alle, die zu unseren Veranstaltungen kommen, können Teil
       der Raffinerie werden. Erst wollen wir gemeinsam mit den Künstlern Idona
       Asamoah und Joe Sam Essandoh über Gold reflektieren und darüber wie viel
       Leid es anrichtet. Dass beispielsweise ein steigender Goldpreis auch einen
       [1][Anstieg der Fehlgeburten] rund um die Abbaugebiete durch den
       Quecksilber-Einsatz bedeutet. Und am Ende wollen wir uns dann gemeinsam mit
       dem Publikum vom Gold verabschieden und vorschlagen, dass vorhandener
       Goldschmuck bei uns eingetauscht werden kann gegen sogenannte „schönere
       Lieferketten“.
       
       taz: Weshalb glauben Sie, dass das Publikum freiwillig seine goldenen
       Eheringe und Erbstücke hergeben wird? 
       
       Sibylle: Die Goldraffinerie wird drei Sitze haben: einen in Hamburg, einen
       in Zürich und einen in Duayaw Nkwanta in Ghana, ein Ort, der gegenwärtig
       massiv unter den Folgen des Goldabbaus leidet. An der örtlichen Girls
       Senior High School gibt es eine Gruppe von jungen Frauen, die zu
       Juwelierinnen ausgebildet werden. Und zwar nicht mit Gold, sondern mit
       klassischen, traditionellen Verfahren. Und die werden die „schöneren
       Lieferketten“ designen und herstellen, die dann wieder nach Hamburg kommen.
       Die Schüler:innen beziehungsweise die Schule erhalten im Gegenzug das
       Gold. Goldraffinerien reinigen Gold – wir denken, nur durch eine Rückgabe
       kann das Gold wirklich gereinigt werden.
       
       taz: Die Geheimagentur war ja bereits an einem ganz ähnlichen Projekt
       beteiligt, dem African Terminal. Worum ging es da? 
       
       Sibylle: Der Bruder des 2016 in Polizeigewahrsam gestorbenen [2][Yaya
       Jabbi] hatte die Idee, all die gebrauchten Fernseher und Klamotten, die uns
       Hamburger:innen nutzlos erscheinen, nach Gambia zu verschiffen. Über
       das ehemalige Afrika-Terminal am Baakenhafen, ein Ort mit schrecklicher
       Kolonialvergangenheit. Vor gut hundert Jahren wurden von dort aus die
       deutschen Truppen ins heutige Namibia geschickt und begingen dort
       Völkermord an den Herero und Nama.
       
       taz: Und woran ist das Projekt aus Ihrer Sicht gescheitert? 
       
       Sibylle: Zu Beginn lief es toll, es entstand eine Art Business-School mit
       zehn jungen Männern aus Westafrika. Doch wie auch der in Haft verstorbene
       Yaya Jabbi kamen zwei der Mitglieder des African Terminals in
       Untersuchungshaft. Viele andere Neu-Hamburger aus Westafrika haben sich
       wegen der rassistischen Polizeikontrollen der sogenannten [3][Taskforce
       Drogen] rund um unseren Treffpunkt auf Sankt Pauli irgendwann schlicht
       nicht mehr zu uns getraut.
       
       taz: Warum machen Sie trotzdem weiter? Warum ist es Ihnen so wichtig zu
       erinnern? 
       
       Sibylle: Meine Kollegen aus Gambia haben häufig zum Ausdruck gebracht, wie
       erschütternd das ist: Einerseits die Geschichte zu kennen, zu wissen, was
       Deutschland den Menschen in Afrika angetan und was auch Hamburg dabei
       verdient hat. Und dann gleichzeitig zu spüren, dass sie hier in der reichen
       Hafenstadt eben alles andere als willkommen sind und dass niemand Anderer
       sich dieser Geschichte bewusst zu sein scheint. Das ist furchtbar und
       müsste sich endlich ändern.
       
       taz: Wenn der Baakenhafen so eine große Bedeutung hat, was halten Sie dann
       von den Plänen, dort die neue Kühne-Oper hinzubauen? 
       
       Sibylle: Der Vorschlag des African Terminal-Projekts war es, am Baakenhafen
       einen Ort zu errichten, der migrantisch organisierten Mikrohandel mit
       afrikanischen Häfen unterstützt. Das war eine radikale Idee, an diesem Ort
       nicht nur zu gedenken, sondern auch zu handeln. Dass dieser Ort der
       Erinnerung stattdessen jetzt einfach zugeschüttet werden soll, und dann
       auch noch von [4][Herrn Kühne], der die Rolle seiner Firma zur NS-Zeit nie
       aufgearbeitet hat, das ist niederschmetternd.
       
       8 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://monde-diplomatique.de/artikel/!6117165
 (DIR) [2] /Aufarbeitung-hat-nicht-stattgefunden/!5738236/
 (DIR) [3] /Pilotprojekt-am-Gefahrenort-Drogen/!5847087
 (DIR) [4] /Diskussion-um-Kuehne-Oper-in-Hamburg/!6106794
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Nele Rebentisch
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Stadtentwicklung Hamburg
 (DIR) Hamburg
 (DIR) Dekolonisierung
 (DIR) Hafen
 (DIR) Hamburger Hafen
 (DIR) Gold
 (DIR) Schwerpunkt Völkermord an den Herero und Nama
 (DIR) Wasserstoff
 (DIR) Hamburg
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Forscher über museale Erwerbspraktiken: „Die Kolonisierten wurden eingeschüchtert“
       
       Erpressung war gang und gäbe: Provenienzforscher Aziz Sandja ergründet, wie
       in der Kolonialzeit rituelle Objekte in europäische Museen kamen.
       
 (DIR) Sahrauische Aktivistin über Ausbeutung: „Wir reden hier von blutigem Wasserstoff“
       
       Aktivistin Emma Lehbib kritisiert die Aneignung von Ressourcen der
       Westsahara mithilfe Marokkos – um den Norden klimaneutral zu machen.
       
 (DIR) Aktivist Glaeser über Rassismus: „Es kommt immer wieder dieses „Ja, aber…“
       
       Auf dem Afrika-Festival in Hamburg-Altona spricht Kodjo Valentin Glaeser
       über strukturellen Rassismus und die Verantwortung weißer Menschen.