# taz.de -- heute in hamburg: „Aufarbeitung hat nicht stattgefunden“
Interview Finn Starken
taz: Herr Ndindah, wer war Oury Jalloh?
Mwayemudza Ndindah: Oury Jalloh kam aus Sierra Leone. Als dort der
Bürgerkrieg ausbrach, floh er nach Deutschland und beantragte Asyl. Knapp
ein Jahr vor seinem Tod wurde er hier Vater eines Kindes.
Am 7. Januar 2005 kontrollierten Polizisten Oury Jalloh in Dessau. Wenige
Stunden später war er tot. Was ist passiert?
Als Oury Jalloh fragte, warum sie ihn kontrollieren, wurde er gewaltsam zu
Boden gebracht und ins Polizeiauto gezerrt. Auf der Wache haben sie ihm
ohne richterliche Anordnung Blut entnommen und in eine Gewahrsamszelle
gesperrt. Ein radiologisches Gutachten belegt, dass Oury Jalloh schwer
misshandelt wurde: Er hatte einen Schädelbasisbruch und gebrochene Rippen.
Mit diesen Verletzungen wurde er auf eine feuerfeste Matratze fixiert und
angezündet. Das zeigen die vorliegenden Gutachten.
Der Fall ist bis heute ungeklärt. Wie bewerten Sie die Aufarbeitung?
Eine Aufarbeitung hat im Wesentlichen nicht stattgefunden, sondern ist von
allen Beteiligten verhindert worden. Die Polizei hat behauptet, dass Oury
Jalloh sich selbst angezündet habe. Und auch die Staatsanwaltschaft hat
entscheidende Fehler gemacht: Sie war weder am Tatort noch hat sie
ergebnisoffene Untersuchungen geführt. Sie hat einfach die These von der
Polizei übernommen, dass Oury Jalloh sich selbst angezündet habe. Trotzdem
soll sie alles richtig gemacht haben – das passt nicht zusammen. Auch
deshalb will der Landtag von Sachsen-Anhalt nach der Landtagswahl einen
neuen Untersuchungsausschuss einsetzen. Hier müssten dann Antworten gegeben
werden.
Die heutige Kundgebung in Gedenken an Oury Jalloh findet vor der Davidwache
auf St. Pauli statt. Warum haben Sie diesen Ort gewählt?
Die Davidwache ist das Zentrum des Racial Profiling. Anti-Schwarzer
Rassismus und straffreie Tötungen nehmen so oft ihren Anfang. Die Stadt
Hamburg hat ihre eigene Geschichte, was das Töten Schwarzer Menschen
angeht; von Achidi John über Yaya Jabbie bis Tonou Mbobda. Achidi John
wurde mit einer Brechmittelfolter quasi ertränkt. Als Yaya Jabbie in
Untersuchungshaft starb, wurde behauptet, dass er sich in seiner
Gefängniszelle selbst erhängt habe. Doch auch dafür gibt es keine
Anhaltspunkte.
tazzwei 15
7 Jan 2021
## AUTOREN
(DIR) Finn Starken
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