# taz.de -- Giftiger Goldrausch
       
       > Wegen der steigenden Goldpreise boomt in Ghana der illegale Bergbau. Die
       > ökologischen Folgen sind fatal
       
 (IMG) Bild: Changfans in der Western Region, 26. Februar 2024
       
       von Jocelyn C. Zuckerman
       
       Die Landschaft in der zentral gelegenen ghanaischen Region Ashanti wirkt
       wie eine riesige Baustelle. Zu beiden Seiten der mit Schlaglöchern
       übersäten Straße nach Konongo ragen hinter spärlicher Vegetation
       zimtfarbene Erdhügel empor. Große Bagger stehen verstreut am Straßenrand
       und zwischen den Feldern, auf denen sich trübe, schlammige Teiche gebildet
       haben.
       
       Das war hier nicht immer so. „In diesem Fluss sind wir als Kinder
       geschwommen“, sagt Bobby Bright und deutet aus dem Fenster unseres kleinen
       Mitsubishis. „Wir haben das Wasser zum Trinken genutzt und unsere
       Kakaofarmen damit bewässert.“
       
       Der Fluss hat nun die Farbe von Milchkaffee. Eine Fließrichtung ist nicht
       auszumachen.
       
       Der 50-jährige IT-Spezialist Bright, der zum Umweltaktivisten geworden ist,
       wuchs in Konongo auf dem Bauernhof seines Großvaters auf. Nach dem
       Abschluss seines Studiums kehrte er 2017 nach Konongo zurück, um wie seine
       Vorfahren wieder als Kakao- und Palmölbauer zu arbeiten.
       
       Doch vor Ort waren alle Bäume abgeholzt. Brights Onkel hatte, wie viele
       andere Grundbesitzer in der Region, das Familienland an Goldgräber verkauft
       und sich mit dem Geld aus dem Staub gemacht. Auch die Maniok-, Mais- und
       Kochbananenfelder, die für die Region Ashanti typisch sind, waren
       verschwunden. An ihrer statt stehen nun wild durcheinandergewürfelt
       Betonhäuser inmitten hässlicher Erdhügel und trüber Teiche. Es sind die
       Überbleibsel eines zerstörerischen Goldrauschs, der nicht zum ersten Mal
       das Leben in Ghana auf den Kopf gestellt hat.
       
       Seit Jahrhunderten ist das Gold für diese Region Segen und Fluch zugleich.
       Dank der Goldvorkommen stieg das Königreich der Ashanti Ende des 17.
       Jahrhunderts zu einem der mächtigsten Akteure Westafrikas auf. Und
       ebendiese Goldvorkommen führten auch zu seinem Untergang, als die Briten,
       angelockt von dem kostbaren Metall, einfielen und das Land im 19.
       Jahrhundert schließlich kolonisierten. Die Ghanaer erlangten erst 1957 ihre
       Unabhängigkeit.
       
       Der jüngste Goldrausch wird allgemein auf die globale Instabilität der
       letzten Jahre zurückgeführt, die durch den Überfall Russlands auf die
       Ukraine im Februar 2022 ausgelöst wurde. Nach diesem Schock stürzten sich
       Investoren rund um den Globus auf Gold, das wegen seiner Wertbeständigkeit
       als sichere Geldanlage gilt.
       
       Der Goldpreis schoss in die Höhe. Eineinhalb Jahre später ließ ihn die
       durch den Gazakrieg verursachte Unsicherheit noch weiter steigen. Die
       Amtsübernahme Donald Trumps Anfang dieses Jahres tat dann ein Übriges:
       Seine Zolldrohungen beschleunigten die Entwicklung zusätzlich, sodass der
       Goldpreis im April 2025 ein Allzeithoch erreichte.
       
       In Ghana führte das zu einer wertmäßigen Verdopplung der Goldexporte und
       einer epidemieartigen Ausbreitung des illegalen Bergbaus. Diese unerlaubte
       Ausbeutung ist eine Mutation des handwerklichen Goldabbaus, des sogenannten
       Galamsey – der durch Zusammenziehung des Ausdrucks „gather them and sell“
       gebildete Begriff bedeutet auf Deutsch „sammeln und verkaufen“.
       
       Das Galamsey hat explosionsartig zugenommen, da ausländische Player, vor
       allem aus China, davon profitieren und junge, verzweifelt nach Arbeit
       suchende Einheimische die Gelegenheit beim Schopf packen. Heute macht der
       illegale Abbau mehr als ein Drittel der jährlichen Goldproduktion Ghanas
       aus.[1]
       
       Der Boom hat sich schnell zur Katastrophe entwickelt, dabei spielen mehrere
       miteinander verflochtene Krisen eine Rolle. Besonders gravierend sind die
       Auswirkungen auf die Umwelt. Mit der Ausbreitung des Galamsey wurden Wälder
       abgeholzt, die Böden aufgerissen und einst unberührte Landschaften mit
       Schwermetallen verseucht. Blei, Zyanid, Kadmium, Arsen und insbesondere
       Quecksilber haben die Erde wie das Wasser vergiftet.
       
       „Die Zerstörung, die wir in unseren Wäldern und Gewässern sehen, ist mehr
       als alarmierend“, sagt Muhammad Malik von der Climate Change Africa
       Initiative mit Sitz in Accra. „Der illegale Bergbau laugt den Boden aus,
       verschmutzt Flüsse und zerstört Ökosysteme. Wenn wir das nicht stoppen,
       wird Ghana einen ökologischen Kollaps erleben, von dem wir uns vielleicht
       nie wieder erholen.“
       
       Zerstörte Wälder und vergiftete Gewässer sind aber noch nicht alles. In
       Mitleidenschaft gezogen wird auch Ghanas eminent wichtige Kakaoindustrie.
       Ghana ist nach Côte d’Ivoire der zweitgrößte Kakaoproduzent der Welt. Das
       Land zählt mehr als 1 Million Kakaobauern, von denen die meisten kleine,
       seit Generationen im Familienbesitz befindliche Plantagen von nur wenigen
       Hektar bewirtschaften. Der Sektor ist nach wie vor von zentraler Bedeutung
       für die ghanaische Wirtschaft und macht mehr als 20 Prozent der
       Exporteinnahmen aus.
       
       Doch während die Goldexporte des Landes sprunghaft angestiegen sind, ist
       die Kakaoproduktion eingebrochen: Nahmen die Erlöse im Goldsektor von 5
       Milliarden US-Dollar 2021 auf 11,6 Milliarden US-Dollar 2024
       zu,[2]schrumpften sie im Kakaobereich im gleichen Zeitraum um mehr als ein
       Drittel von 2,9 Milliarden US-Dollar auf 1,7 Milliarden US-Dollar.[3]
       
       Viele Kakaobauern, die bereits mit Wetterkapriolen in Folge des
       Klimawandels und einem grassierenden Baumvirus zu kämpfen haben, verkaufen
       ihr Land gegen Bargeld an die Bergbauunternehmen. Andere, wie Bright,
       werden von ihrem Land vertrieben. Im Mai berichtete Ransford Abbey, Chef
       des staatlich kontrollierten Ghana Cocoa Board, dass 50 000 Hektar Farmland
       gefährdet seien, unter anderem durch den illegalen Goldabbau. „Wir stehen
       vor der schwersten Krise in der Geschichte dieses Sektors“, sagt Abbey.
       
       Bevor Bright und ich in Konongo den verschmutzten Fluss erreichen, macht er
       mich auf junge Männer in kniehohen Gummistiefeln aufmerksam, die mit Hilfe
       von laut rumpelnden, auf Metallgestänge montierte Maschinen Gold waschen.
       Rote und blaue Schläuche schlängeln sich über Erdhügel und in schlammige
       Tümpel. „Das ganze Land ist im Belagerungszustand“, sagt Bright.
       
       So sah der Bergbau in Ghana traditionell nicht aus. Seit den 1980er Jahren
       wird die Goldindustrie hier von multinationalen Konzernen wie AngloGold
       Ashanti und Gold Fields dominiert – Großunternehmen, die zwar Geld aus dem
       Land abziehen, sich aber größtenteils an die Umwelt- und anderen Gesetze
       halten. Und seit Jahrzehnten suchen Kleinbauern mit Pickeln und Schaufeln
       nach Goldstücken unter der Erdoberfläche, um ihre mageren Einkünfte
       aufzubessern.
       
       ## Auf Kosten des Kakaoanbaus
       
       Aber seit die chinesische Regierung ab 2013 im Rahmen ihrer Belt and Road
       Initiative (BRI) mit dem Bau von Infrastrukturprojekten in Ghana begann,
       verändern industriell arbeitende Bagger und Bulldozer das Gesicht des
       handwerklichen Bergbaus. Galamsey wurde zu einem großen Geschäft.
       
       Bright wurde das alles 2018 bewusst, als seine Familie ihren Grund und
       Boden verloren hatte. Zusammen mit einigen Freunden begann er, die Polizei
       über den illegalen Bergbau in der Region zu informieren. Er wusste, dass es
       riskant war, konnte aber nicht einfach tatenlos zusehen, wie immer größere
       Gebiete der Ashanti Region verwüstet wurden.
       
       In Accra erhielt er dann die schockierende Nachricht: Drei seiner Freunde
       waren auf dem Weg zu einer illegalen Abbaustätte in einen Hinterhalt
       geraten. Zwei von ihnen starben durch Machetenhiebe, ihre Leichen wurden
       vor Ort liegen gelassen. Der dritte konnte entkommen. Nach Berichten von
       Einheimischen hatten Polizisten die drei Männer für Geld an die Bergleute
       verraten. Niemand wurde jemals strafrechtlich verfolgt.
       
       Seitdem hat Bright seinen Widerstand weit über Ashanti hinaus ausgeweitet.
       Er wirft mehreren ghanaischen Regierungen vor, bei einer wirksamen
       Regulierung des illegalen Bergbaus und beim Schutz der natürlichen
       Ressourcen des Landes versagt zu haben. Zum Beispiel war der Bergbau in
       Waldschutzgebieten bis vor drei Jahren nach ghanaischem Recht weitgehend
       verboten.
       
       Dies änderte sich 2022, als unter der Regierung von Präsident Nana
       Akufo-Addo ein Gesetz verabschiedet wurde, das ihn legalisierte. Der
       Schritt wurde allgemein als Gegenleistung für Wahlkampfspenden angesehen.
       Im Februar 2025 teilte der ghanaische Minister für Land und natürliche
       Ressourcen dem Parlament mit, 44 der 288 Waldschutzgebiete Ghanas, die sich
       über 6 seiner 16 Regionen erstrecken, seien durch illegalen Bergbau
       verloren gegangen.
       
       Als wir an einem weiteren schlammigen Fluss vorbeifahren, hören wir das
       Ticken einer Maschine, die hier überall „Changfan“ genannt wird. Das
       ghanaische Gesetz verbietet eigentlich den Bergbau im Umkreis von 100
       Metern um größere Gewässer. Trotzdem verwenden die Goldgräber diese in
       China hergestellte Konstruktion – mit Motorpumpen und Maschinen zur
       Goldwäsche ausgestattete Flöße –, um direkt aus den Flüssen Gold zu
       fördern.
       
       Hierzu werden Flusswasser und Schlamm über die Waschrinnen gepumpt, um die
       potenziell goldhaltigen Feststoffe abzutrennen. Die Leute, die wir vom Auto
       aus sehen, werden laut Bright wahrscheinlich von wohlhabenden Ghanaern
       bezahlt, die mit Chinesen Geschäfte machen. Politisch gut vernetzte
       Einheimische wissen genau, wie sie sich die ghanaischen Gesetze zunutze
       machen und Lizenzen bekommen können.
       
       80 Prozent des Landes werden „traditionell verwaltet“. Das heißt, die
       Chiefs der Stämme entscheiden, wer welches Land nutzen darf und zu welchem
       Zweck. Die chinesischen Partner stellen die Bagger und Changfans zur
       Verfügung. Und Goldschürfer unter den mehr als 1 Million jungen Ghanaern zu
       finden, die verzweifelt Arbeit suchen, ist das geringste Problem.
       
       Die improvisierten Minen stürzen regelmäßig über Bergleuten ein. Und die
       künstlichen Seen und Gruben, die zurückbleiben, haben bereits mehrere
       Menschen verschlungen. In Konongo, so Bright, haben Bergleute auch unter
       Häusern und Geschäften so viel Land ausgehoben, dass „jetzt die Stadt
       selbst in der Luft hängt“. Im Jahr 2022 wurde eine junge schwangere Frau im
       nahegelegenen Dorf Odumase lebendig begraben, als die Außentoilette
       einbrach, die sie gerade betreten hatte.
       
       Als wir in Atronsu ankommen, einem kleinen Kakaobauerndorf mit Lehmhäusern
       in der Western Region, erzählt uns der 63-jährige Bauer Tomas Badu, was vor
       Jahresfrist passiert ist: Eine kleine Gruppe von Ghanaern, die niemand im
       Ort kannte, tauchte auf und suchte nach Land für den Bergbau. „Das ganze
       Dorf war dagegen“, sagt Badu und betont, wie wichtig der nahegelegene Bach
       für die Trinkwasserversorgung und die Bewässerung der Kakaobäume ist.
       
       Ohne dass Bewohner:innen von Atronsu vorab informiert worden wären,
       bahnte sich schon bald ein Bagger seinen Weg in ihre Richtung. Zwei
       Haushalte hatten offenbar zugestimmt, insgesamt 2,5 Hektar Land an die
       Bergleute abzutreten. Das Land grenzt an das Grundstück, das Badus Familie
       seit fünf Generationen bewirtschaftet.
       
       Er führt uns auf einem Pfad durch einen Hain von Bananenpalmen. Wir gehen
       unter einem imposanten Weihrauchbaum hindurch und in einen Kakaowald
       hinein, wo wir durch raschelndes Laub am Boden laufen. Die Kühle des Waldes
       weicht plötzlich, als vor uns eine weite, baumlose Fläche aus aufgewühlter
       Erde auftaucht, aus der kleine säulenartige Formationen herausragen.
       
       Badu zeigt auf eine fußballfeldgroße Senke mit stehendem braunem Wasser.
       Die Bergleute hätten die riesige Grube ausgehoben und den örtlichen Bach
       dorthin umgeleitet, das Wasser über die Waschrinne gepumpt und die giftigen
       Abfälle zurückgelassen, sagt er. Die Grube sei mindestens 20 Fuß tief:
       „Jeder, der hineinfällt, stirbt.“
       
       Als die Goldgräber in Atronsu ankamen, wandte sich die Gemeinde an die
       Umweltorganisation Eco-Conscious Citizens. Die startete eine Kampagne, die
       schließlich zur Inhaftierung der Eindringlinge beitrug. Die Männer waren
       aber schon bald wieder frei und sind längst weitergezogen. Mit der
       Giftgrube müssen Badu und seine Nachbarn nun allein fertigwerden.
       
       Im Februar 2021 erhielt Paul Poku Sampene Ossei, der als forensischer
       Pathologe an der Kwame Nkrumah University of Science and Technology in
       Kumasi tätig ist, den Anruf eines Gerichtsmediziners des Bibiani Government
       Hospital in der ghanaischen Western North Region. Eine 20-jährige Frau aus
       einem nahegelegenen Bergbaugebiet war bei der Geburt ihres Kindes
       gestorben. Der zuständige Beamte hoffte, Sampene könne das ungeborene Kind
       aus dem Mutterleib holen, um eine separate Beerdigung zu ermöglichen.
       
       Obwohl sich das Kind bereits in der 40. Schwangerschaftswoche befunden
       hatte, waren seine Augen kaum entwickelt und sein Kopf stark deformiert,
       wie Sampene bestürzt feststellte. Beide Hände des Kindes hatten sechs
       Finger, beide Füße sechs Zehen. Die Genitalien waren so unterentwickelt,
       dass der Arzt das Geschlecht des Babys nicht bestimmen konnte.
       
       Einen Monat später wurde Sampene gerufen, um eine weitere junge Frau zu
       untersuchen, die auf mysteriöse Weise ebenfalls während der Geburt
       gestorben war. Als er sah, dass die Zwillinge, die sie trug, ähnliche
       Missbildungen wie das erste Baby aufwiesen, entnahm der Arzt Proben aus dem
       Gehirn, der Leber, den Nieren und dem Knochenmark der Föten sowie aus der
       Plazenta der Mutter und der Nabelschnur. Alle Proben wiesen hohe
       Konzentrationen an Blei, Quecksilber, Zyanid, Kadmium und Arsen auf, womit
       eine Verbindung zum Goldabbau auf der Hand lag.
       
       Diese Elemente kommen alle natürlich in der Erde vor, sind tief in der
       Erdkruste vergraben und werden bei der Mineralgewinnung an die Oberfläche
       befördert. Dazu kommt, was schwerer wiegt, dass beim Abbau und der
       Verarbeitung von Gold Quecksilber eingesetzt wird, um das Edelmetall aus
       dem umgebenden Gestein zu isolieren.
       
       Quecksilber und Gold verbinden sich zu einem Amalgam; durch Erhitzen lässt
       sich beides wieder voneinander trennen. Das Quecksilber verdampft dabei und
       landet in der Luft, im Wasser und im Boden. Heute ist der handwerkliche
       Goldabbau für sage und schreibe 38 Prozent aller weltweiten
       Quecksilberemissionen verantwortlich.[4]Das ist mehr, als bei jeder anderen
       menschlichen Aktivität, einschließlich der Kohleverbrennung, in die Umwelt
       gerät.
       
       Sampene hat in den Jahren nach den ersten Fällen 13 weitere Kinder
       obduziert. Außerdem hat er die Plazenten von mehr als 1450 Frauen
       untersucht, die in von illegalem Bergbau betroffenen Gebieten leben. Auf
       einem Regal in seinem Labor in Kumasi bewahrt er präparierte Föten in hohen
       Gläsern auf. In einem befindet sich ein Fötus mit einer sehr großen
       Gaumenspalte und in einem anderen einer mit vier Beinen, die horizontal aus
       seinem Unterbauch wachsen.
       
       Eine 2025 in der Publikation Environmental Monitoring and
       Assessmentveröffentlichte Studie hat ergeben, dass die Quecksilber- und
       Kadmiumwerte im Boden der Goldabbaugebiete der Ashanti Region deutlich über
       den von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) festgelegten Grenzwerten
       liegen. Der gemessene Quecksilbergehalt war mit 9,33 Milligramm pro
       Kilogramm (mg/kg) fast fünfmal so hoch wie der WHO-Grenzwert von 2 mg/kg;
       der Kadmiumgehalt lag mit 17,02 mg/kg ebenfalls weit über dem Grenzwert der
       WHO von 3 mg/kg.[5]
       
       Das Nervengift Quecksilber stellt für die Entwicklung des Kindes im
       Mutterleib eine besondere Gefahr dar und kann zu spontanen Fehlgeburten und
       angeborenen Fehlbildungen führen.
       
       Die ghanaische Kommission für Wasserressourcen hat kürzlich erklärt,
       mittlerweile seien mehr als 60 Prozent der Flüsse des Landes mit
       Schwermetallen verseucht. In einigen Kläranlagen ist die Trübung so extrem,
       dass die Pumpen ausgefallen sind. Experten warnen, das Land müsse
       möglicherweise bereits ab 2030 Wasser importieren.
       
       Derweil sind einige der 7 Millionen Ghanaer:innen, die in extremer Armut
       leben und sich kein abgefülltes Wasser oder sogenanntes Sachet Water –
       gefiltertes oder desinfiziertes Wasser in kleinen Plastikbeuteln – leisten
       können, auf das verschmutzte Wasser angewiesen.
       
       Kürzlich berichtete Ernest Yoke, Vizepräsident der Ghana Medical
       Association, wichtige Lebensmittel seien mittlerweile ebenfalls mit
       Schwermetallen belastet. „Reis, Fisch und sogar Vieh weisen Spuren von
       Quecksilber und Zyanid auf, was für die Verbraucher äußerst gefährlich
       ist“, so Yoke.
       
       Eine Studie aus dem Jahr 2023 ergab, dass Tomaten, Frühlingszwiebeln und
       Salat, die in der Western Region angebaut wurden, über den WHO-Grenzwerten
       liegende Arsen-, Kadmium-, Blei- und Quecksilberwerte aufwiesen.[6]Nicht
       nur die Menschen in den Bergbaugemeinden müssen sich also Sorgen machen.
       Auch in Accra und Kumasi sind die Verbraucher mittlerweile skeptisch, was
       Obst, Gemüse und Hülsenfrüchte aus ländlichen Gebieten betrifft.
       
       Nachdem wir mit Sampene gesprochen haben, kämpfen Bright und ich uns noch
       am selben Tag durch den dichten Verkehr von Kumasi zum Campus des Komfo
       Anokye Teaching Hospital. Dort treffen wir den Kinderarzt Anthony Enimil.
       Er erzählt uns von Kindern, die mit geschwollenen Füßen in seine Praxis
       kommen, und von vergifteten Grundschüler:innen, die eine Dialysebehandlung
       benötigen.
       
       2023 konstatierte die Pediatric Society of Ghana, dass beim illegalen
       Goldabbau freigesetzte Schwermetalle wesentlich zum Tod von Kindern
       beigetragen haben. Laut Enimil haben er und seine Kolleg:innen in den
       letzten Jahren einen deutlichen Anstieg chronischer Nierenerkrankungen bei
       jugendlichen Patient:innen aus den betroffenen Gebieten festgestellt.
       
       Dies deckt sich mit einem Bericht von Yoke aus dem Jahr 2024, in dem „ein
       starker Anstieg von Nierenerkrankungen in Bergbaugemeinden“ ermittelt wurde
       und vor einer „großen Krise im Bereich der öffentlichen Gesundheit“ gewarnt
       wird. Enimils bittere Schlussfolgerung: „Wir zerstören uns selbst.“
       
       Ein Lichtblick in all dieser Düsternis bietet sich uns in der Stadt Jema,
       einer grünen Enklave in der Region Bono East. Dort treffen wir einige
       lokale Kakaobauern, die sich widersetzen. „Wir sterben lieber, als Bergbau
       zu betreiben“, sagt uns der 60-jährige Patrick Fome. Und das, obwohl die
       Kakaobauern in Ghana weniger als 100 US-Dollar im Monat verdienen und der
       Verkauf ihres Landes oder der Einstieg in den Bergbau ihnen kurzfristig
       zweifellos mehr Geld einbringen würde.
       
       2019 sind die fast 8000 Einwohner:innen von Jema unter der Führung
       ihres Chiefs Nana Enuku Ano II., der schon sein ganzes Leben lang Kakao
       anbaut, mit ihrer Position an die Öffentlichkeit gegangen. Sie
       unterzeichneten eine Petition, die sie schließlich dem ghanaischen
       Präsidenten überreichten.
       
       ## Illegale Goldgräber aus China
       
       Voriges Jahr gründete die Stadt mit Hilfe des Franziskanermönchs Joseph
       Kwame Blay die Bürgerwehr Jema Anti-Galamsey Advocates, um die Bergleute
       auf Abstand zu halten. „Wir sind jeden Tag an den Grenzen unserer
       Ländereien im Einsatz“, sagt Fome. „Wir wollen von vornherein verhindern,
       dass sie bei uns eindringen.“
       
       Er führt uns einen Pfad entlang durch die Kakaobäume zu einem plätschernden
       Bach. Es ist das erste klare Wasser, das wir seit einer Woche zu sehen
       bekommen. Durch das Gebiet von Jema fließen rund 50 unberührten Flüsse. Sie
       sollen einmal das Herzstück eines Ökotourismusprojekts bilden, das die
       Stadt derzeit entwickelt.
       
       Blay, eine lokale Berühmtheit mit kurzgeschnittenem grauen Haar und der
       Aura eines Heiligen, erzählt uns von den Plänen. Das Projekt soll einen 4
       Hektar großen Biodiversitätswald sowie einige Fischfarmen umfassen. Es ist
       mit der Hoffnung verbunden, eine Art Zertifizierung für die „galamseyfreie“
       Produktion der lokalen Lebensmittel zu erhalten.
       
       Wir durchqueren eine Ortschaft, die aus Lehmgebäuden besteht, und gelangen
       zum Haus von Chief Nana. Seine Frau empfängt uns. Der Chief selbst, seit
       einem Schlaganfall vor rund zehn Jahren geschwächt, sitzt zusammengesunken
       und wachsam am Rand eines Doppelbetts.
       
       Ich habe es bereits gehört: Er hat geschworen, seine Vorfahren niemals zu
       verraten, indem er die Ausplünderung ihres Landes erlaubt. Angestrengt
       flüsternd bestätigt er mir dieses Versprechen. Die Goldschürfer haben ihm
       offenbar bis zu 700 000 Cedis (über 65 000 US-Dollar) geboten und eine
       medizinische Behandlung in Südafrika versprochen. „Er hat ihnen gesagt, sie
       sollen ihr Geld behalten“, erzählt Fome.
       
       Im Laufe der Jahre haben Ghanas Staatschefs verschiedene Initiativen ins
       Leben gerufen, um gegen die Bedrohung durch Galamsey vorzugehen. Während
       seiner ersten Amtszeit von 2012 bis 2017 hat der kürzlich wiedergewählte
       Präsident John Mahama nach Razzien in illegalen Bergbaustätten 4500
       chinesische Staatsangehörige des Landes verwiesen. 2017 richtete Akufo-Addo
       einen interministeriellen Ausschuss zum illegalen Bergbau ein, ebenso eine
       Task Force mit 400 Soldaten. Von 2017 bis 2019 verhaftete die Truppe mehr
       als 2200 illegale Goldgräber, darunter auch Ausländer.
       
       Aber Korruption ist weit verbreitet. Das reicht von der Polizei, die uns
       alle 10 Meilen angehalten und Bestechungsgeld erwartet hat, bis zu den
       Politiker:innen, die für Wahlkampfspenden gern einmal wegschauen. Eine
       Dokumentation des preisgekrönten Filmemachers Anas Aremeyaw Anas von
       2019 hat zum Beispiel gezeigt, wie hochrangige Beamte des
       interministeriellen Ausschusses Bestechungsgelder angenommen und im
       Gegenzug den illegalen Bergbau gefördert haben.
       
       Ein 2023 vom Stabschef des Präsidenten in Auftrag gegebener Bericht stellte
       mit Blick auf die Arbeit der Aufsichtsbehörden des Landes erhebliche Mängel
       fest, darunter auch bei den Kommissionen für Mineralien und Wälder. Im
       Bericht wurden insbesondere uneinheitliche Vorgehensweisen bei der
       Erteilung von Bergbaulizenzen moniert. Außerdem wurde festgestellt, dass
       Personen, die wegen illegalen Bergbaus oder der Finanzierung illegaler
       Minen angeklagt waren, darunter ein Parlamentsabgeordneter, nur milde oder
       gar nicht bestraft wurden.
       
       Dass viele chinesische Goldgräber in den letzten Jahren ziemlich schnell
       wieder aus der Haft freikamen, hat zu Korruptionsvorwürfen gegenüber der
       Polizei geführt. Und laut Recherchen von Transparency International hat die
       ghanaische Regierung ein großes Gerichtsverfahren eingestellt und einen
       angeklagten chinesischen Goldgräber abgeschoben, anstatt ihn entsprechend
       dem nationalen Recht streng zu bestrafen. Kein Wunder – China ist Ghanas
       größter Handelspartner und eine wichtige Quelle von Auslandsinvestitionen.
       
       Darüber hinaus werden die illegalen Abbauaktivitäten zunehmend
       militarisiert: Bewaffnete – oft auf Tramadol oder Kokain – bewachen
       Standorte tief in den Waldschutzgebieten.
       
       Die Lage wird sich womöglich bald noch weiter verschlechtern. Im Februar
       kündigten die EU und Japan an, künftig Kakaoimporte aus Ghana auf
       Schwermetallverunreinigungen zu untersuchen.[7]Noch gravierender klingt die
       Warnung des niederländischen Botschafters in Ghana. Demnach besteht die
       Gefahr, dass der im Land produzierte Kakao – 20 Prozent des weltweiten
       Angebots – von der EU pauschal zurückgewiesen wird.
       
       Derweil hat die Katholische Bischofskonferenz einen nationalen Gebetsmarsch
       gegen Galamsey organisiert, und die ghanaischen Gewerkschaften drohten mit
       einem landesweiten Streik. Der Popstar Black Sherif zeigte in einer
       Unterbrechung seines Konzerts Aufnahmen von verschmutzten ghanaischen
       Flüssen.
       
       In Accra kommt es regelmäßig zu Protesten. Die Demonstrierenden tragen
       Schilder mit Aufschriften wie „Gier tötet Ghana“ und „Stoppt den Ökozid“
       und schwenken Flaschen mit trübem, braunem Inhalt. Der illegale Goldabbau
       war bei den Präsidentschaftswahlen 2024 eines der Topwahlkampfthemen.
       
       Zumindest nach außen hin gibt sich die neue Regierung kämpferisch. In
       diesem Jahr hat sie ein Ghana Gold Board gegründet und die erste
       kommerzielle Raffinerie des Landes eröffnet, beides mit dem Ziel,
       Kriminalität und Schmuggel einzudämmen. Die Nachrichten sind voll von
       Meldungen über Razzien gegen Galamsey-Banden – mit Angaben zur Zahl der
       festgenommenen Ghanaer und Chinesen sowie zu beschlagnahmten Baggern,
       Bulldozern, Changfans, Pumpguns und Motorrädern.
       
       Doch Gruppen wie Eco-Conscious Citizens und andere Akteure fordern mehr –
       insbesondere die Aufhebung des Gesetzes, das den Bergbau in
       Waldschutzgebieten erlaubt, sowie die Stationierung von Militär in jedem
       einzelnen Reservat. Aus Brights Sicht ist die Situation so schlimm, dass
       die Weltgemeinschaft Gold und Kakao aus Ghana boykottieren sollte, so wie
       sie es in der Vergangenheit mit Holz aus Liberia und Blutdiamanten aus
       Sierra Leone getan hat.
       
       „Wenn der Kakaosektor zusammenbricht“, so Ransford Abbey, der CEO des Cocoa
       Board, „kollabiert auch die Wirtschaft Ghanas.“ Und viele Ghanaer:innen
       sagen, dass Galamsey auch ein Sicherheitsrisiko für das Land bedeutet.
       
       Immer wieder wird auf die glorreiche Vergangenheit verwiesen, auf die
       rauschhaften Tage kurz nach der Unabhängigkeit und die darauf folgenden
       Jahrzehnte des Friedens und des Wohlstands. „Ghana war früher so gut“, sagt
       Pater Blay. „Jetzt kann man nicht einmal mehr allein reisen.“
       
       Anthony Enimils Augenmerk liegt auf den Kindern. „Ich weiß, was das für
       ihre Zukunft bedeutet. Wir hinterlassen ihnen nichts“, sagt der Kinderarzt.
       „Ich wünsche mir wirklich, dass sich die Dinge ändern, denn es ist noch
       nicht zu spät. Aber wir haben nicht mehr viel Zeit.“
       
       1↑ Clement Sefa-Nyarko, [1][„The crisis of leadership in minerals
       governance in Ghana: Could process leadership fill the void?“], in: The
       Extractive Industries and Society, Bd. 18, Juni 2024.
       
       2↑ [2][„Ghana Sees $12 Billion a Year From Small-Scale Gold Mining“], Ghana
       Gold Board, 22. Mai 2025.
       
       3↑ Isaac Kofi Agyei, [3][„Ghana’s 2024 cocoa export revenue crashes to $1.7
       billion – lowest in 15 years“], JoyNews, 6. Februar 2025.
       
       4↑ [4][„Reducing Mercury Pollution from Artisanal and Small-Scale Gold
       Mining“], U. S. Environmental Protection Agency, 18. Oktober 2024.
       
       5↑ Alex Amerh Agbeshie u. a., [5][„Potentially toxic elements in artisanal
       gold mine soils: contamination assessment, spatial distribution and
       associated risks in Ghana“], in: Environ Monit Assess, Bd. 197, Nr. 681,
       27. Mai 2025.
       
       6↑ Rebecca Zida Afriyie u. a., [6][„Potential health risk of heavy metals
       in some selected vegetable crops at an artisanal gold mining site: A case
       study at Moseaso in the Wassa Amenfi West District of Ghana“], in: Journal
       of Trace Elements and Minerals, Nr. 4, Juni 2023.
       
       7↑ [7][„EU and Japan to test Ghana’s cocoa for heavy metals over mining
       contamination fears“], bne IntelliNews, 28. Februar 2025.
       
       Aus dem Englischen von Markus Greiß 
       
       Jocelyn C. Zuckerman ist Autorin mit dem Themengebiet Landwirtschaft und
       Umwelt im Globalen Süden. Der Beitrag entstand in Kollaboration von The
       Nation und dem Food & Environment Reporting Network.
       
       © The Nation; deutsche Übersetzung LMd, Berlin
       
       9 Oct 2025
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2214790X24000686?via%3Dihub
 (DIR) [2] https://goldbod.gov.gh/ghana-sees-12-billion-a-year-from-small-scale-gold-mining/
 (DIR) [3] https://www.myjoyonline.com/ghanas-2024-cocoa-export-revenue-crashes-to-1-7-billion-lowest-in-15-years/
 (DIR) [4] https://www.epa.gov/international-cooperation/reducing-mercury-pollution-artisanal-and-small-scale-gold-mining
 (DIR) [5] https://link.springer.com/article/10.1007/s10661-025-14150-y
 (DIR) [6] https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2773050623000289?via%3Dihub
 (DIR) [7] https://www.intellinews.com/eu-and-japan-to-test-ghana-s-cocoa-for-heavy-metals-over-mining-contamination-fears-369644/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jocelyn C. Zuckerman
       
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