# taz.de -- Wohnen in Kleinstädten: Im Donut gibt’s keine Mietwohnungen
> Eine Studie zeigt, wie der Wohnungsmangel Kleinstädte bedroht.
> Forscher:innen fordern einen Paradigmenwechsel hin zu einer proaktiven
> Wohnraumpolitik.
(IMG) Bild: Im ländlichen Raum oft das einzige Angebot: das Einfamilienhaus, hier in Sehnde-Rethmar in der Region Hannover
Wenn in Deutschland über die [1][Wohnungsfrage] debattiert wird, geht es
fast ausschließlich um die großen Ballungsräume. Kleinstädte tauchen dabei
meist nur in einer von zwei Rollen auf. Entweder gelten sie als
vermeintlich idyllische und bezahlbare „Entlastungsräume“ im suburbanen
Speckgürtel der Metropolen.
Oder sie werden in peripheren, vom Strukturwandel betroffenen Regionen als
reine „Anker der Daseinsvorsorge“ verbucht, die mit massiven Leerständen
kämpfen. Dass diese pauschalen Zuschreibungen an der Realität vorbei gehen,
zeigt ein aktuelles Positionspapier der [2][Akademie für Raumentwicklung in
der Leibniz-Gemeinschaft] (ARL) in Hannover.
Unter dem Titel [3][„Wohnen in Kleinstädten. Aktuelle Herausforderungen in
Forschung und Praxis“] zeigen die Forscher:innen – darunter
Expert:innen der TH Lübeck und des Thünen-Instituts in Braunschweig –
wie falsch diese Zuschreibungen sowohl wissenschaftlich als auch politisch
sind.
Das Wohnen abseits der Metropolen, so lautet ihr Befund, ist ein „blinder
Fleck“ der Politik. Dabei lebt rund ein Drittel der deutschen Bevölkerung
in diesem Siedlungstyp.
## Viel zu wenige Mietwohnungen
Das betrifft etwa die norddeutschen Flächenländer Niedersachsen und
Schleswig-Holstein. In den Rathäusern zwischen Ems und Ostsee gilt oft das
Prinzip Hoffnung, weil es an Geld, Personal und oft auch an validen Daten
mangelt.
Der Bericht macht vier zentrale Problemdimensionen aus: Zum einen bieten
kleinstädtische Wohnungsmärkte oft nur eine Antwort auf alle Lebensfragen:
das frei stehende Einfamilienhaus. Dieses in Westdeutschland nach 1950
zementierte Ideal trifft aber auf eine alternde Bevölkerung und auf immer
diversere Lebensentwürfe.
Wenn die Kinder aus dem Haus sind, sitzen ältere Menschen deshalb oft in zu
großen, energetisch unsanierten Häusern fest – auch weil es vor Ort an
barrierefreien Alternativen fehlt. Zum Zweiten gibt es abseits der
Metropolen einen blockierten Mietmarkt: Vor allem in Niedersachsen und
Schleswig-Holstein ist der Wohnungsmarkt extrem eigentumsorientiert.
## Überall gibtʼs Donuts
Ein nennenswerter Mietwohnungsmarkt existiert dort kaum oder ist qualitativ
abgehängt. Für Geringverdienende, Alleinerziehende, Geflüchtete und junge
Auszubildende wird das zum massiven Problem. Und es bremst die
wirtschaftliche Entwicklung vor Ort: Unternehmen im ländlichen Raum finden
keine Fachkräfte, weil es für zuziehende Beschäftigte einfach keine
flexiblen Mietwohnungen gibt.
Zum Dritten stellen die Forscher:innen einen „Donut-Effekt“ fest: Obwohl
sich fast alle Kommunen das Ziel „Innen- vor Außenentwicklung“ auf die
Fahnen schreiben, sieht die Praxis oft anders aus. In den Ortskernen
erschweren komplexe Eigentümer:innenstrukturen die Sanierung.
## Verdrängungseffekte im Speckgürtel
Stattdessen weisen Gemeinden an den Siedlungsrändern neues Bauland aus, um
über Neubürger:innen Steuereinnahmen zu generieren. Im Ergebnis veröden
die historischen Kerne, während an den Rändern zersiedelte und
autoabhängige Schlafdörfer entstehen, deren Erschließung die Gemeindekassen
langfristig auffrisst.
Schließlich stoßen kleine Verwaltungen schnell an personelle und
finanzielle Grenzen, während der Handlungsdruck wächst. Es fehlen
Fachplaner:innen, valide Datengrundlagen und oft auch das politische
Problembewusstsein in den ehrenamtlich geprägten Gemeinderäten, stellen die
Forscher:innen fest.
Ein Blick nach Norddeutschland zeigt, wie ungleich diese Dynamiken
verlaufen. Hamburg als Stadtstaat und das Zwei-Städte-Land Bremen haben
zwar formal gesehen keine Kleinstädte auf eigenem Territorium. Sie wirken
aber als gewaltige Katalysatoren auf ihr Umland.
Im Hamburger Speckgürtel etwa – in Städten wie Ahrensburg, Pinneberg oder
Buchholz in der Nordheide – schlagen die Verdrängungseffekte der Metropole
voll durch. Dort steigen die Immobilienpreise rasant, während das Angebot
an bezahlbarem Mietwohnraum gegen null geht. Kleinstädte werden hier
unfreiwillig zur Vorstadt.
Ganz anders stellt sich die Lage in den abgelegenen Räumen dar, etwa in
Teilen Ostfrieslands, des Emslands oder im nordöstlichen Niedersachsen.
Dort droht der Donut-Effekt in seiner reinsten Form: Während junge Familien
mühsam versuchen, teure Bauplätze am Stadtrand zu finanzieren, verfallen in
den Ortskernen die klassischen Backsteinensembles.
Besonders drastisch ist die Situation an den Küsten und auf den Inseln. In
touristischen Hotspots wie den Städten auf Sylt oder den ostfriesischen
Inseln frisst die Ferienwohnungs-Ökonomie den regulären Wohnungsmarkt auf.
Einheimische Familien, Pflegekräfte und Angestellte in der Gastronomie
finden dann keinen bezahlbaren Dauerwohnraum mehr, weil Immobilien
systematisch in renditestarke temporäre Unterkünfte umgewandelt werden.
## Mehr Optionen zum Wohnen
Die Autor:innen des Positionspapiers fordern deshalb einen radikalen
Paradigmenwechsel: weg von der standardisierten Baulandausweisung hin zu
einer proaktiven kommunalen Wohnraumpolitik. Kleinstädte müssten, so die
These, dringend ein breiteres Spektrum an Wohnoptionen anbieten – inklusive
genossenschaftlicher Modelle und generationenübergreifender Projekte, um
sogenannte „Caring Communities“ gegen die pflegerische Unterversorgung im
Alter zu etablieren.
Doch dafür braucht es Hilfe von Land und Bund. Denn das aktuelle System der
Städtebauförderung, das sich starr an Einwohnerzahlen statt an regionalen
Funktionen orientiert, benachteiligt kleinere Orte strukturell.
Wenn Kiel und Hannover den ländlichen Raum nicht an den Donut-Effekt und
die Immobilienspekulation verlieren wollen, müssen sie den kleinstädtischen
Verwaltungen entsprechende Fördermittel, valide Datengrundlagen und
personelle Unterstützung zur Verfügung stellen. Die Wohnungsfrage
entscheidet sich eben auch dort, wo ein Drittel der Menschen zu Hause ist.
4 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Studie-zum-Wohnungsmarkt/!6117727
(DIR) [2] https://www.arl-net.de/de
(DIR) [3] https://www.arl-net.de/system/files/pdf/2026-05/PP161_gesamt.pdf
## AUTOREN
(DIR) Robert Matthies
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