# taz.de -- Vorwürfe gegen Sänger Patrick Bruel: Eine unerträgliche Unschuldsvermutung
> Über dreißig Frauen beschuldigen den französischen Sänger Patrick Bruel,
> sie sexuell missbraucht zu haben. Doch bis zum Prozessbeginn gilt er als
> unschuldig.
(IMG) Bild: Patrick Bruel bei einem Auftritt zum 200. Jubiläum der Zeitung „Le Figaro“ in Paris am 16. Januar
„Niemals habe ich eine Frau gezwungen, betäubt, manipuliert oder gefügig zu
machen versucht. Niemals habe ich mich meiner Berühmtheit bedient, um
jemanden zu missbrauchen oder eine (sexuelle) Beziehung ohne Einverständnis
zu bekommen“, beteuert „kategorisch“ der französische Sänger und
Schauspieler Patrick Bruel (67) in den sozialen Medien. Das war seine
Antwort auf eine öffentliche Anschuldigung. Die heute 51-jährige
Fernsehmoderatorin Flavie Flament klagt ihn an, sie mit Drogen betäubt und
dann vergewaltigt zu haben, als sie gerade 16 Jahre alt war.
Sie ist nicht die Einzige, die Bruel beschuldigt, und das macht für die
öffentliche Meinung und auch für die Justiz einen Unterschied. Bisher haben
bereits 30 Frauen in den Medien, namentlich bei Recherchen des
Online-Magazins Médiapart und der Zeitschrift Elle, wegen sexueller Gewalt,
Belästigung oder Vergewaltigung gegen Bruel ausgesagt. Die Justiz hat wegen
mittlerweile 13 Strafanzeigen mehrere Untersuchungen eingeleitet. Doch bis
zu einem Prozess kann es Monate oder gar Jahre dauern. Bis dahin darf sich
Patrick Bruel auf die Unschuldsvermutung berufen.
## Eingeholt von #MeToo
Bruel ist in Frankreich seit mehr als 30 Jahren für mehrere Generationen
ein Idol. [1][Wie Gérard Depardieu vor ihm] ist er von der #MeToo-Welle
eingeholt worden. Unversehens steht er knietief im Sumpf. Was offenbar seit
Langem im französischen Showbusiness getuschelt wurde, ist nun ein
öffentlicher Skandal geworden. Seine Fans sind schockiert. Doch viele
können oder wollen nicht glauben, was derzeit in den Medien enthüllt wird.
Jeden Abend spielt er in Pariser Theater Edouard 7 vor vollem Haus und
erntet herzlichen Applaus – als wenn nichts wäre.
Für Mitte Juni hat er mehrere Konzerte in Paris angesagt, danach eine
Tournee in der französischen Provinz und in den Nachbarländern. Als wenn
nichts wäre? Im kanadischen Québec hat Bruel seine geplanten Konzerte schon
mal abgesagt. Der Bürgermeister von Paris hat ihn ersucht, ein „Einsehen zu
haben“ und von sich aus auf diese Auftritte zu verzichten, was er aber
anscheinend überhaupt nicht vorhat. Sei es auch nur aus finanziellen
Überlegungen, da er seine Tournee selbst produziert.
## Unerträgliche Situation für die Opfer
Für seine Opfer und auch für die von den Enthüllungen schockierte
französische Öffentlichkeit wirkt das Recht auf die Unschuldsvermutung, auf
das sich Bruel mit einer arrogant wirkenden Selbstsicherheit beruft, wie
eine sexistische Provokation. Für die vielen Opfer, die den Mut hatten,
öffentlich zu schildern, was sie erlitten hatten, und die es riskieren,
einen derart prominenten Star zu attackieren, ist es entmutigend und
demütigend, ohnmächtig zusehen zu müssen, wie die langsame Justiz mit der
Unschuldsvermutung dem Angeschuldigten eine lange Schonzeit gewährt.
Es hat die Opfer meistens viel Überwindung gekostet, mit Namen und Gesicht
Klage zu erheben, weil sie erstens befürchten mussten, nicht angehört und
ernst genommen zu werden. Zweitens – und das belegt die Erfahrung von
Flavie Flament – werden Frauen, wenn sie prominente Männer wegen sexueller
Gewalt beschuldigen, anschließend in den Netzwerken anonym beschimpft und
verunglimpft.
Und zuletzt müssen sie auch noch den Eindruck bekommen, dass ein Idol wie
Bruel über dem Gesetz steht. Denn von den französischen Prominenten, die im
Zuge der #MeToo-Enthüllungen angeklagt wurden, ist bisher niemand
verurteilt worden. Viele Ermittlungen verlaufen zudem im Sande, weil die
mutmaßlichen Straftaten verjährt sind.
## Bis zum Urteil gilt die Unschuldsvermutung
Bis allenfalls ein Gerichtsurteil gefällt wird, bleibt es bei der
moralischen Sühne einer Anprangerung durch die Medien. Das erlaubt es den
Angeschuldigten, sich mit dem legalen Schutzschild der Unschuldsvermutung
auch noch als Opfer von Verleumdungskampagnen aufzuspielen. Dass es dabei
bleibt, ist nicht sicher: Am Mittwochabend haben mehrere Frauen des
feministischen Kollektivs Nous toutes Bruels Theateraufführung mit
Protestrufen unterbrochen.
28 May 2026
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## AUTOREN
(DIR) Rudolf Balmer
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