# taz.de -- Prozess gegen RAF-Beschuldigte: Klassenkämpferisches Schlusswort von Daniela Klette
       
       > Im Prozess gegen Daniela Klette hält diese ihr Schlusswort, verteidigt
       > radikal linken Widerstand und bedauert traumatisierte Überfallene.
       
 (IMG) Bild: Die Stimmung ist gut bei Daniela Klette vor dem ersten Plädoyer der Verteidigung
       
       Daniela Klette hat die klassenkämpferischen Parolen noch drauf. Es brauche
       eine Welt ohne Imperialismus, ohne kapitalistische Zwänge, ohne koloniale
       und patriarchale Gewalt, trägt die 67-Jährige am Dienstag bedächtig aber
       bestimmt auf der Anklagebank des Landgerichts Verden vor. Und eine Welt
       auch ohne Knastmauern. Mauern, hinter denen Klette seit zwei Jahren sitzt.
       Weil die Sicherheitsbehörden in ihr eine Räuberin sehen – und eine der
       letzten RAF-Terroristinnen.
       
       Am Dienstag wird Klette wieder aus diesen Mauern, aus der JVA Vechta, in
       den Hochsicherheitssaal des Gerichts gefahren, [1][eigens in einer
       Reithalle am Stadtrand von Verden errichtet]. Seit März 2025 steht sie dort
       vor Gericht. Ein Jahr zuvor war Klette festgenommen worden, in einer
       kleinen Wohnung in Berlin-Kreuzberg – nachdem zuvor 35 Jahre erfolglos nach
       ihr gefahndet wurde.
       
       Der Vorwurf nun: [2][13 Überfälle auf Geldtransporter und Kassenbüros],
       verübt zwischen 1999 und 2016, mit ihren bis heute flüchtigen
       RAF-Mitbeschuldigten Burkhard Garweg und Ernst-Volker Staub, und einer
       erbeuteten Summe von 2,7 Millionen Euro. Zuletzt hatte die
       Staatsanwaltschaft für Klette dafür die Höchststrafe gefordert: [3][15
       Jahre Haft].
       
       Einen Fall, am 6. Juni 2015 in Stuhr, werten die Ankläger auch als
       versuchten Mord. Hier wurde auf einen Geldtransporter geschossen, zwei
       Kugeln drangen in die Fahrerkabine ein. Die Geldboten blieben unverletzt,
       die Maskierten flohen ohne Beute. Von Taten mit „ganz erheblicher
       krimineller Energie“, sprach die Staatsanwältin. Sie berief sich auf Funde
       in Klettes Kreuzberger Wohnung: eine Panzerfaust-Attrappe, mehrere Waffen,
       Munition, 240.000 Euro Bargeld, Fotos und Skizzen von Routen von
       Geldtransportern oder ausspionierten Supermärkten.
       
       Am Dienstag nun hat Klette das Wort. Noch vor dem Plädoyer ihrer zwei
       Verteidiger will sie selber eines halten. Und wirft der Staatsanwaltschaft
       darin vor, die Anklage „zurechtzulügen“. Es sei ein politisches Verfahren
       gewesen, liest Klette von handgeschriebenen Zetteln ab, das nicht nur sie
       „dämonisiere“, sondern darauf ziele, eine ganze Bewegung „zu delegitimieren
       und abzustrafen“, die des radikal linken Widerstands. Klette aber betont,
       sie verteidige „die Suche nach einer besseren Welt“. Es ist eine politische
       Erklärung statt eines juristischen Schlussworts.
       
       ## Von der Jugend bis in den Untergrund
       
       Klette geht weit zurück, bis zu ihrer Jugend in Karlsruhe. Schon da habe
       sie die kapitalistischen Zwänge erlebt, trägt sie vor. Es folgten der
       US-Krieg im Vietnam, die Proteste gegen das iranische Schah-Regime, der Tod
       Benno Ohnesorgs. Sie habe den Eindruck gewonnen, gewaltfreien Widerstand
       werde der Kapitalismus immer zerschlagen.
       
       Klette zog nach Wiesbaden, beteiligte sich an den Protesten gegen die
       Startbahn West, engagierte sich in der Gefangenenhilfe, auch für
       RAF-Beschuldigte. Deren Entschiedenheit für ihre Sache zu kämpfen, habe
       „eine große Anziehungskraft“ auf sie ausgeübt, erklärt Klette. Zugleich
       seien Observationen gegen sie selbst und Festnahmen in ihrem Umfeld immer
       stärker geworden. Darauf habe sie sich entschieden, den Widerstand „ganz zu
       meinem Leben zu machen“, so Klette. „Ich war also weg.“
       
       ## „Das soll auch so bleiben“
       
       Weg [4][für dreieinhalb Jahrzehnte], bis zum Februar 2024. Ob und welche
       Rolle Klette davor in der RAF einnahm, dazu sagt sie am Dienstag nichts.
       Nur das Bekenntnis, [5][dass die RAF „in meinem Leben eine wichtige Rolle
       spielte“]. Und dass sie die Absage der RAF 1992, weitere „tödliche
       Angriffe“ zu begehen und stattdessen eine breite Basisbewegung anzustreben,
       für richtig hielt – und auch die Auflösung der Gruppe 1998, und das
       Eingeständnis, dass die gesellschaftliche Verankerung nicht gelang. Dass
       der Staat aber bis heute fast nichts über die letzte Generation der RAF
       wisse, „das soll auch so bleiben“, sagt Klette. Und fordert, die Fahndung
       nach Garweg und Staub endlich einzustellen.
       
       Und die Raubüberfälle? Auch dazu schweigt Klette. Der Vorwurf des
       versuchten Mordes sei aber völlig haltlos, ja „abgründig“, erklärt sie. Und
       dann doch, dass die Überfälle nicht aus „Abenteuerlust“ oder „Bereicherung“
       stattgefunden hätten, sondern weil nur so ein Leben in der Illegalität
       möglich sei.
       
       ## Begrenztes Mitleid
       
       Noch vor ihr hatte am Morgen der Anwalt des in Stuhr überfallenen
       Geldtransporterfahrers elf Jahre Haft für Klette gefordert. Er betonte,
       dass sein Mandant [6][bis heute unter der Tat leide], danach nie mehr
       arbeiten konnte. Klette zitiert hierzu einen Satz aus einem Brief des
       weiter flüchtigen Burkhard Garweg, den dieser Ende 2024 der taz
       übermittelte, und schließt sich dem an: „Jegliche Traumatisierung von
       Angestellten von Kassenbüros oder Geldtransporten ist zu bedauern. Solche
       Folgen täten auch ihr „wirklich sehr leid“, sagt Klette. Es sei aber auch
       verwunderlich, dass Geldboten für solche Situationen nicht besser
       ausgebildet seien.
       
       Dann schwenkt Klette wieder in den Klassenkampf. Die ganze Gesellschaft sei
       doch voller Traumatisierter – durch die Gewalt des Kapitalismus. Klette
       reiht ihren Widerstand in die heutigen Proteste gegen Aufrüstung,
       Sozialabbau oder den „Genozid“ in Gaza ein. Um all dieses Unrecht zu
       überwinden, brauche es einen „Systemchange“, bekräftigt sie. Eine Welt ohne
       Unterdrückung. „Wirklich frei sein können wir erst, wenn alle frei sind.“
       
       Als Klette nach gut einer Stunde den letzten Satz spricht, springen die
       rund 50 angereisten Unterstützer*innen auf, applaudieren, recken
       Fäuste, entrollen ein Banner, das Justizwachleute ihnen sofort wieder
       entreißen. Klette applaudiert lächelnd zurück, formt mit den Händen Herzen.
       Schon zuvor hatte sie sich bei den „Genoss*innen“ bedankt: „Die Solidarität
       hat mich getragen.“
       
       [7][Ihre Verteidiger wollen nun am Mittwoch plädieren] – auf Freispruch.
       Einzig den unerlaubten Waffenbesitz sehen sie als erwiesen an, wegen der
       Funde in Klettes Wohnung. Für die Beteiligung Klettes an den Überfällen
       aber gebe es bis heute keine Beweise, betonten sie stets im Prozess. Das
       Gericht will am 27. Mai sein Urteil fällen. Danach dürfte Klette ein
       zweiter Prozess bevorstehen, vor dem Oberlandesgericht Frankfurt/Main –
       wegen einer zweiten Anklage für drei RAF-Anschläge zwischen 1990 und 1993.
       Das Gericht prüft derzeit, ob es diese Anklage zulässt. Der Vorwurf auch
       hier: versuchte Morde.
       
       12 May 2026
       
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