# taz.de -- Zirkus Mond und Jonny Knüppel: Kultur, die es braucht
> An der Greifswalder Straße soll neu gebaut werden. Das stellt die Zukunft
> von Kulturinstitutionen wie Zirkus Mond und Jonny Knüppel infrage. Und
> nun?
(IMG) Bild: Suchen einen neuen Platz: Zirkusdirektor Max Mohr (mit rotem Hut) und zwei weitere Vorstandsmitglieder des Zirkus Mond
„Was ist Zirkus?“, fragt der clowneske Shomaster, der ohne rote Nase oder
Perücke, dafür durch sein Englisch mit starkem französischen Einschlag
unterhält, zu Beginn der Vorstellung im alternativen [1][Zirkus Mond].
Handelt es sich bei dieser Kunstform um etwas „Glamouröses im
Las-Vegas-Style“, einfach um „Entertainment“ oder vielmehr um einen „Ort
der Freiheit, ohne Regeln, Grenzen und staatliche Finanzierung“? Das
Klatschen im Publikum nach der letzten Frage verrät die Antwort, die dieser
Ort gefunden hat.
Etwa 100 überwiegend junge Menschen sind an diesem Freitagabend in das nach
Popcorn riechende Zirkuszelt gekommen und sitzen im Halbkreis auf der
kleinen Tribüne. Während die sechs Artist:innen bei ihrer Vorstellung
auf einer Couch in der Manege posieren, stockt die eingespielte Musik für
einen Moment. Der Moderator fragt: „Haben wir das Internet wieder nicht
bezahlt?“ Es wird die einzige – souverän überspielte – Panne eines Abends
bleiben, der durch die Akrobatik-Nummern an Stangen und Seilen besticht.
Nach der Vorführung sitzt Zirkusdirektor Max Mohr mit seinem roten Hut an
der Bar im Zelt bei einer Flasche Bier. Seit acht Jahren spielt man hier,
auf der [2][Kultur-Brachfläche entlang der S-Bahn-Gleise am Bahnhof
Greifswalder Straße], und sei „das Herz der Berliner
Underground-Zirkusszene“. Shows gibt es immer freitags und samstags für
Erwachsene, sonntags für Kinder, mit wechselnden Ensembles. Staatliche
Zuschüsse bekommt die Kulturinstitution mit fünf Festangestellten keine,
nur Coronahilfen flossen einmal und wurden für den Bau der Tribünen
verwendet, sagt Mohr. Für den Zirkus sei das ein großer Schritt nach vorne
gewesen.
Aktuell hofft Mohr wieder auf Hilfe von außen: Ende des Jahres muss das
Gelände, das sich der Zirkus mit einem guten halben Dutzend weiterer
Kulturplayer teilt, darunter dem [3][Club Jonny Knüppel], auf Geheiß des
Eigentümers geräumt werden – so lautete vor einigen Wochen die
unmissverständliche Ansage. Einzig der Skatepark soll bleiben können. „Es
würde mich freuen, wenn wir kulturell so relevant sind, dass uns Vater
Staat oder Mutter Kultursenat eine neue Fläche zuweisen“, sagt Mohr.
Immerhin sei der Zirkus Mond für viele professionelle Artist:innen ein
Zufluchtsort, der ihnen alle Freiheiten biete. Mohrs Traum: Er will mit
seinem Zirkuszelt aufs Tempelhofer Feld ziehen.
## Keine klassische Verdrängung
Der Zirkusdirektor betont, dass es sich nicht um eine klassische
Verdrängungsgeschichte handelt, keine über einen „bösen Vermieter“. Mohr
will nicht jammern über das Ende der Zwischennutzung, die deutlich länger
dauerte, als die ursprünglich anvisierten zwei Jahre. Gegen den geplanten
Wohnungsbau könne „ja niemand sein“. Und: Ein bisschen Hoffnung hat er
noch, dass sich ein Kompromiss mit dem Eigentümer finden lässt. Zuletzt
habe dieser angedeutet, dass der Zirkus womöglich auf dem letzten Zipfel
des schmalen Grundstückstreifens entlang der Bahntrasse Richtung
Schönhauser Allee Platz finden könnte. Nur müsste der Bezirk auch einen
Teil des Grundstücks beisteuern.
Christian Gérôme, der Berliner Immobilienmakler, der das Gelände vor etwa
zehn Jahren für heutzutage lächerliche 800.000 Euro erwarb, will bauen. 400
Wohnungen sollen entstehen, 30 Prozent davon sozial gefördert, der Rest zu
Mieten zwischen 15 und 20 Euro pro Quadratmeter. Im RBB sagte er zuletzt,
er wolle Wohnraum „für die kleinen Geldbeutel und die großen“ schaffen.
Wiederholte Anfragen der taz ließ Gérôme unbeantwortet.
Geplant sind achtgeschossige Gebäude entlang der Bahngleise sowie ein knapp
60 Meter hoher Wohnturm an der Greifswalder Straße, für den derzeit ein
Architekturwettbewerb läuft. Der Siegerentwurf soll im September gekürt
werden. Geht es nach Gérôme, könnten bereits Anfang des nächsten Jahres die
Bauvorbereitungen beginnen.
## Zeitplan ungewiss
Ob dieser Zeitplan tatsächlich eingehalten werden kann, steht in den
Sternen. Auf Anfrage teilt Pankows Stadtrat für Stadtentwicklung Cornelius
Bechtler (Grüne) mit: „Vertragliche Regelungen können erst getroffen
werden, wenn eine Zustimmung des Bezirks auf Grundlage eines konkreten
Entwurfs feststeht.“ Entscheidend, aber noch nicht entschieden, sei zudem,
ob bei der Entwicklung des Geländes der „Bauturbo“ zur Anwendung komme –
ein verkürztes Planungsverfahren, bei dem auf die Aufstellung eines
Bebauungsplans verzichtet wird.
Mit Blick auf die Kulturplayer sagt Bechtler, der Bezirk habe keine
alternativen Flächen im Angebot, auch seien ihm keine privaten Flächen für
eine mögliche Zwischennutzung bekannt. Er wünsche den Einrichtungen aber,
die derzeitigen Flächen „so lange wie möglich nutzen zu können“ – also
womöglich bis zum tatsächlichen Start der Bauarbeiten. Nach einer ersten
taz-Anfrage zeigte sich auch Gérôme in Gesprächen mit den aktuellen
Nutzer:innen plötzlich wieder gesprächsbereit, über eine verlängerte
Zwischennutzung zu reden.
Für Jakob Turtur, Betreiber vom Jonny Knüppel und Vorstand des
Kultur-Vereins Disco Babel, der alle Initiativen des Geländes vereint, ist
das ein Hoffnungsschimmer. Er sagt: „Die Ankündigung des Endes kam
kurzfristiger als erwartet“. Auf einmal sei man damit konfrontiert, neben
dem „herausfordernden Betrieb“ Pläne für den Abbau zu schmieden und nach
alternativen Standorten zu suchen. „Die Kapazitäten, das alles auf einmal
zu machen, sind sehr begrenzt“, meint Turtur. Schon eine Verlängerung um
einige Monate wäre eine Erleichterung.
Der Knüppel wirkt dabei wie ein Ort, den man eigentlich einfach versetzen
könnte. Einlassbereich und Garderobe, Floors und Bars sind komplett in
alten Containern untergebracht. Den Charme des Clubs machen aber die vielen
Freiflächen aus, auch die Chill-Area mit schaukelndes Couches auf einem
Containerdach. Dabei ist der Jonny Knüppel einer der letzten Clubs der
Stadt, die auch für neue Kollektive und politische Solipartys überhaupt
noch zugänglich ist. „Leider gibt es immer weniger Orte, die jüngeren oder
Newcomer-Kollektiven Platz bieten“, sagt Turtur.
Auch bei ihnen sei es aber teurer geworden. Weil das Gelände weder über
Wasser- noch Stromanschluss verfüge, werden die Veranstaltungen über ein
großes Dieselaggregat betrieben – zuletzt mit explodierenden Kosten.
Partys, die nur 200 Menschen anziehen, würden so nicht mehr funktionieren.
Dafür sind Eintritts- und Getränkepreise im Vergleich mit vielen anderen
Clubs noch moderat.
Kritik an den Plänen des Eigentümers formuliert Turtur keine, stattdessen
kritisiert er die Politik: Die versäume es, selbst bei großen Bauprojekten
„Kultur mitzudenken“ und Flächen für kulturelle Nutzungen zur Verfügung zu
stellen. Angesichts des bevorstehenden Verlusts des derzeitigen Standorts
spricht Turtur von einem „bedrückenden Zukunftsszenario“. Er sagt: „Die
Gefahr, dass der Clubbetrieb gänzlich eingestellt werden muss, ist real.“
Also bangen 18 Festangestellte und etwa 100 weitere Menschen, die hier
regelmäßig Schichten übernehmen, um ihre Jobs, darunter einige, „die sich
sonst schwerer tun würden auf dem Arbeitsmarkt“.
Potenzielle neue Clubflächen sind extrem rar, Turturs Wunschliste dafür
lang: „Mit Öffis erreichbar, mindestens 1.000 Quadratmeter, mit
Außenbereich und entfernt von Anwohnern, auch Strom und Wasser wäre ganz
großartig.“ Und dann braucht es noch einen Vermieter, „dem klar ist, dass
man mit so einer Kultur nicht viel Geld zu bieten hat“.
21 Jun 2026
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## AUTOREN
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