# taz.de -- Nach fünf Jahren droht das Aus: Countdown für besetzte Fabrik bei Florenz
       
       > Ehemalige Arbeiter*innen eines Autozulieferers kämpfen für ein
       > nachhaltiges Unternehmen und ihre Zukunft. Doch gewinnen könnte nun ein
       > Spekulant.
       
 (IMG) Bild: Fünf Jahre ist es her, dass die GKN-Beschäftigten dafür stimmten, um ihre Jobs und die Fabrik zu kämpfen: Campi Bisenzio 2021
       
       Fällt der Vorhang? In diesen Tagen entscheidet sich, ob die [1][längste
       Fabrikbesetzung Italiens] seit 1945 vor ihrem Ende steht – und wenn ja, wie
       dieses aussieht. Abriss oder Neuanfang als nachhaltig produzierendes,
       demokratisch organisiertes Unternehmen.
       
       Vor nunmehr fast fünf Jahren kündigte der Automobilzulieferer GKN im an
       Florenz angrenzenden Campi Bisenzio allen seinen damals 422
       Arbeiter:innen von einem Tag auf den anderen. Daraufhin besetzten diese
       das Werk mit dem Ziel, den Produktionsstandort und damit auch ihre
       Arbeitsplätze zu verteidigen.
       
       GKN ist ein britischer in 30 Ländern präsenter Multi, aktiv in der
       Luftfahrt genauso wie als Zulieferer in der Automobilindustrie. Zu jenem
       Zweig gehörte auch das Werk in Campi Bisenzio. 2018 übernahm der
       Kapitalfonds Melrose Industries die GKN – und zur Profitoptimierung gehörte
       dann im Juli 2021 der Beschluss, Campi Bisenzio komplett dichtzumachen. Der
       gewerkschaftlichen Vertretung im Betrieb wurde das in einer trockenen Mail
       mitgeteilt.
       
       Doch die Beschäftigten wollten die Entlassung über Nacht nicht hinnehmen.
       Sie besetzten das Werk und sie konstituierten sich als [2][„Collettivo di
       Fabbrica ex-GKN“], als „Fabrikkollektiv“. Seither kämpfen sie mit viel
       Geduld und langem Atem um die Zukunft ihres Betriebs. Erste Siege errangen
       sie vor den Arbeitsgerichten, die die Kündigungen als
       „antigewerkschaftlich“ einstuften.
       
       ## „Unternehmer-Philosoph“ ohne Vision
       
       Die Lage komplizierte sich jedoch weiter, als dann Melrose seinerseits im
       Jahr 2023 ausstieg und das toskanische Werk an den Italiener Francesco
       Borgomeo verkaufte. Der pflegt zwar gerne seinen Ruf als
       „Unternehmer-Philosoph“ und benannte den Betrieb in QF – Fiducia nel Futuro
       (QF – Vertrauen in die Zukunft) um, doch außer erneuten Kündigungen hatte
       er nie ein Zukunftskonzept zu bieten.
       
       Das wiederum arbeiteten die Aktivist*innen des Fabrikkollektivs aus.
       Sie sehen die [3][Zukunft der Fabrik in einer Genossenschaft, die nicht
       mehr Autoteile herstellt, sondern auf ökologische Produktionslinien setzt]:
       auf Lastenfahrräder einerseits, Solarpaneele andererseits. Gestalt
       verliehen sie dem Projekt mit der Schaffung der Kooperative GFF: der
       Kooperative [4][GKN For Future]. Sie gibt sogenannte Volksaktien aus, um
       das nötige Kapital aufzutreiben. Bisher hat sie schon 1,5 Millionen Euro
       eingesammelt, weitere 500.000 Euro sollen bis zum 30. Juni zusammenkommen.
       Und die Bank Banca Etica erklärte sich bereit, als Finanzierer mit weiteren
       5,6 Millionen Euro einzusteigen.
       
       Möglich waren diese Erfolge, weil sich das Kollektiv vor Ort auf breite
       Solidarität stützt. Immer wieder kamen Tausende Menschen zu den
       Demonstrationen in Campi Bisenzio und Florenz für den Erhalt des Werks und
       auch zu den Festen des Kollektivs.
       
       ## Staatliche Hindernisse
       
       Doch womöglich reicht das nicht: Die Aktivist*innen beklagen, sie
       würden von den staatlichen Institutionen hängengelassen. Dabei schien es im
       vergangenen Jahr, als sei ein Durchbruch erzielt worden. Im Mai 2025
       schufen die Region Toskana, die Stadt Florenz, die Stadt Campi Bisenzio und
       zwei weitere Kommunen ein Konsortium, das das Firmengelände kaufen oder
       anmieten sollte.
       
       Seither aber herrscht Schweigen – das nun schon seit einem Jahr bestehende
       Konsortium hat schier gar nichts unternommen. Keineswegs untätig blieb
       dagegen der Unternehmer Borgomeo. Er beantragte für seine Firma Vergleich
       vor Gericht, er erwirkte zugleich einen Räumungsbescheid gegen die
       Fabrikbesetzer*innen, dessen Vollstreckung nur ausgesetzt, aber weiter im
       Raum ist – und er verkaufte das Werk an zwei im Immobiliensektor tätige
       Tochterfirmen.
       
       Mit den Besetzer*innen dagegen redet er nicht. Die fürchten, er setze
       jetzt auf Immobilienspekulation: auf den Abriss des alten Werks und dann
       womöglich die Schaffung eines Logistikpools statt einer industriellen
       Produktionsstätte. „Wann erklärt das Konsortium (der Region und der
       Gemeinden – die taz) endlich, dass das Gelände von öffentlichem Nutzen
       ist?“, fragt das Kollektiv in einer Erklärung vom 17. Mai. Die eigene
       pessimistische Antwort: „Das sind Institutionen, die sich seit geraumer
       Zeit aus der Auseinandersetzung zurückgezogen haben.“ Genau ihre
       Unterstützung aber bräuchte es wohl für eine Wende.
       
       27 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Besetzte-Fabrik-bei-Florenz/!5904996
 (DIR) [2] https://www.instagram.com/collettivofabbricagkn/?hl=de
 (DIR) [3] https://www.kontextwochenzeitung.de/wirtschaft/692/betrieb-besetzt-fuer-eine-neue-welt-9620.html
 (DIR) [4] https://ripess.eu/en/gkn-for-future-crowdfunding-campaign-for-italys-first-socially-integrated-factory/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Michael Braun
       
       ## TAGS
       
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