# taz.de -- US-Jazzsaxofonist Sonny Rollins ist tot: Der Koloss am Tenor
       
       > Sonny Rollins war stilprägender US-Saxofonist und eine frühe Stimme der
       > Bürgerrechtsbewegung. Nun ist er 95-jährig gestorben.
       
 (IMG) Bild: Arbeitete zuletzt viel an seinem Karma: Sonny Rollins 2009 beim Jazzherbst Salzburg
       
       Er mischte sich ein. Sonny Rollins, bis zuletzt bedeutendster lebender
       Saxofonist der Bebop-Ära des Jazz und dazu modisch immer ein Hipster, war
       stets ein politisch wacher Beobachter. Obwohl er bereits 2012 sein letztes
       offizielles Konzert gab und seit 2014 aufgrund einer Lungenfibrose gar
       nicht mehr spielen durfte.
       
       Jazz war für Rollins immer auch dringlicher aktueller
       Gesellschaftskommentar: Von seiner „Freedom Suite“ (1958) für die Schwarze
       Bürgerrechtsbewegung, der Irokesenfrisur 1959 als Zeichen seiner
       Solidarität mit den vertriebenen Native Indians, die ursprünglich auf dem
       heutigen Gebiet von New York lebten, bis zu seiner zornigen Kampfansage
       gegen die globale Erderwärmung auf „Global Warming“ (1997). Noch 2020
       erklärte sich Sonny Rollins in der New York Times solidarisch zur „Black
       Lives Matter“-Bewegung, angesichts des gewaltsamen Todes von George Floyd.
       
       Nach sieben Jahrzehnten auf der Bühne und mehr als 60 Alben unter eigenem
       Namen, war Jazz für Rollins immer mehr als Musik, [1][Jazz war eine
       Lebenseinstellung]. Bis zuletzt hörte er sich neue Veröffentlichungen an,
       unterstützte den jungen Saxofonisten Kamasi Washington, mit dem er auch
       gelegentlich telefonierte. Kamasi habe ihn darauf angesprochen, warum er
       auf seinem Album „Tenor Madness“ mit John Coltrane (1956) diesen fast
       allein habe spielen lassen.
       
       Er sei, so Rollins, damals arrogant gewesen, habe sich für den besseren
       Spieler gehalten, den die Leute eigentlich hören wollten. Auf dem
       12-minütigen Intro spielt Coltrane minutenlang allein und Rollins lässt ihn
       auflaufen, bevor er lässig und bluesbetont übernimmt. Heute tue ihm das
       leid, erklärte Rollins der New York Times im Februar 2020: „Es war nicht
       richtig, es war unreif.“
       
       ## Saxofon, Knast, Weltwunder
       
       Walter Theodore „Sonny“ Rollins wird am 7. September 1930 in Harlem geboren
       und erlebt als Kind die schweren Unruhen der „Harlem Riots“. Nachdem er mit
       19 Jahren schon erste Studioaufnahmen als Saxofonist gemacht hatte, kommt
       er 1950 wegen bewaffnetem Raubüberfall für zehn Monate ins Gefängnis und
       wird 1952 wegen Besitz von Heroin erneut verhaftet. Mit Miles Davis
       entstehen in den 1950ern einige seiner bekanntesten Kompositionen, wie
       „Oleo“, „Airegin“ („Nigeria“ rückwärts gesprochen, als Zeichen schwarzen
       Stolzes) und „Doxy“.
       
       Als Miles [2][ihn wegen seiner Drogensucht aus der Band] wirft, macht
       Rollins 1955 einen Entzug als einer der ersten Methadonpatienten im Federal
       Medical Center in Kentucky. Anschließend erscheint 1957 sein wegweisendes
       Album „Saxophone Colossus“ – selbstbewusst den Mythos der antiken
       Weltwunder aufnehmend. Das Signaturstück „St. Thomas“ ist ein
       afro-karibischer Calypso, mit dem er auf die Herkunft seiner Familie
       verwies, benannt nach der gleichnamigen Insel, die ein bekannter
       Sklavenumschlagplatz war.
       
       1958 veröffentlicht Rollins seine „Freedom Suite“. Sie gilt als erste,
       offizielle politisch geprägte Jazzaufnahme. In den Liner Notes schreibt er:
       „Wie ironisch, [3][dass der Negro, der mehr als alles andere die Kultur
       Amerikas geprägt hat, mit Diskriminierung,] Unterdrückung und
       Unmenschlichkeit belohnt wird.“ Kurz danach wird das Album von der
       Plattenfirma Riverside wieder aus dem Verkehr gezogen und mit dem
       unverfänglicheren Titel „Shadow Waltz“, ohne Rollins' ursprünglichen
       Klappentext, erneut veröffentlicht.
       
       Sein kaum zu zähmender Klang ist wild und von arrogantem Stolz. In den
       frühen 1960ern beschließt Sonny Rollins, keine Konzerte mehr zu geben und
       zieht sich zu einem dreijährigen Sabbatical zurück. Er machte Yoga, entsagt
       Alkohol und Nikotin und übt täglich – nach eigener Aussage – 15 bis 16
       Stunden. Damals spielte er bei jedem Wetter, auf dem kaum benutzten und
       eher versteckten Fußgängerüberweg der Williamsburg Bridge von Brooklyn nach
       Manhattan, hoch über den vorbeiziehenden Schiffen auf dem East River.
       
       ## Er spielt im Weißen Haus für Jimmy Carter
       
       1978 spielt er im Weißen Haus für den demokratischen Präsidenten Jimmy
       Carter, 1981 überredet ihn seine Frau und Managerin Lucille, auf dem Album
       „Tattoo You“ der Rolling Stones zu spielen, was er rückblickend bedauerte:
       „Das hatte mit Jazz nichts zu tun.“ Nach seinem Rückzug von der Bühne
       übergibt er 2017 sein persönliches Archiv dem Schomburg Center for Research
       in Black Culture und gründet am Oberlin College in Ohio die „Sonny Rollins
       Ensemble-Stiftung“. Bereits 1835 war Oberlin eines der ersten Colleges in
       den Vereinigten Staaten, das auch Afroamerikaner aufnahm.
       
       Der Zeitschrift The New Yorker sagte Rollins im Juni 2020: „Ich habe meine
       Bücher über Yoga und Buddhismus – viel spirituelles Material, mit dem ich
       mich beschäftige und an meinem Karma arbeite. In meinem Alter sind alle
       meine Freunde weg. Es gibt kein Entkommen, ich habe überall Schmerzen, aber
       geistig fühle ich mich besser als jemals zuvor. Ich habe keine Angst zu
       sterben. Mein Körper wird sich in Staub verwandeln. Aber meine Seele wird
       für immer leben.“
       
       26 May 2026
       
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