# taz.de -- Live-Album von US-Jazzer Thelonious Monk: Die Reinkarnation des Klaviers als afrikanische Trommel
       
       > Ein Live-Album aus dem Nachlass zeigt den US-Jazzpianisten Thelonious
       > Monk bei einem Konzert in Bremen 1965 auf der Höhe seines Schaffens.
       
 (IMG) Bild: Thelonious Monk mit russisch anmutender Pelzkappe in Bremen am 8. März 1965
       
       Den schweren Neumann-Mikrofonen auf der Bühne des legendären Großen
       Sendesaals von Radio Bremen entging nichts an jenem Märzabend vor 61
       Jahren. Da waren öffentlich-rechtliche Profis am Werk für Siegfried
       Schmidt-Joos, den späteren Autor des ersten deutschsprachigen
       Rock-Lexikons, der hier als Redakteur von Radio Bremen anrichten ließ für
       einen der Großen des Jazz, für den US-Jazzpianisten Thelonious Monk
       (1917–1982).
       
       Und doch: Etwas ist nicht zu hören, ist nur zu sehen, nein, zu erahnen auf
       der Rückseite des etwas nerdig geratenen Booklets zum Live-Album „Bremen
       1965“. Es sind die Schemen des Publikums, die eine wichtige, heute kaum
       mehr vorstellbare Geschichte erzählen von der ersten Landung eines
       afroamerikanischen Raumschiffs auf westdeutschem Boden.
       
       Sun Ra hat seinen interplanetaren Holzgaser schon angeheizt in jenen
       Jahren, [1][Ornette Coleman und Cecil Taylor] wuchten bereits ihre ebenso
       zerstörerische wie schöpferische Neuinterpretation des Begriffs Jazz auf
       die Bühnen in den USA, [2][Miles Davis träumt noch alte Träume voller Ele-
       und Arroganz], aber das europäische, vor allem das deutsche Publikum hat
       noch nichts von der bevorstehenden Zeitenwende ahnen können, als die
       Bandmaschinen anliefen.
       
       ## Toupierte Haarpracht und Façonschnitt
       
       Als Zuschauer trug man in Bremen Mitte der 1960er noch toupierte Haarpracht
       und Façonschnitt, Kostüm und Anzug, während Monk nach Zeitungsberichten an
       jenem Abend des 8. März 1965 einen grünen Anzug, knallgelbe Schuhe, eine
       rosa Krawatte und eine hohe russisch anmutende Pelzmütze präsentierte. Wie
       irritierend müssen seine exaltierten Bewegungen am Klavier gewesen sein,
       dieser Sitztanz einer Gottesanbeterin, dieses Scheppern und Klirren, dieses
       abrupte Abstoppen und neu Anfangen, diese eigentümliche Verwendung eines
       sich langsam verstimmenden Flügels als Schlagwerk, diese Reinkarnation des
       Klaviers als afrikanische Trommel.
       
       Wo er sich damals selbst sah? Nach seinem Wechsel zu einem Majorlabel
       vielleicht auf dem Weg zu finanzieller Anerkennung und zur Akzeptanz seiner
       Musik. Doch genau in diesen Jahren wird Rock den Jazz als intellektuelles
       Flaggschiff der populären Musik ablösen. Ohne dass die Mehrzahl der Musiker
       es ahnen konnte, waren die fetten Jahre des Jazz vorbei.
       
       Zu frei, zu schwierig, ideologisch zu aufgeladen einerseits, zu altbacken
       und onkelmäßig andererseits erschien das alles. Pfeifenrauchermusik. Auch
       Monks Stücke, die sein Quartett in Bremen spielt, kennt man zur Genüge –
       meint man, doch welche Überraschungen hält das Quartett selbst für uns
       Heutige bereit, das robotische Solo von Drummer Ben Riley in „Criss Cross“,
       Monks fast autodestruktives Spiel im zweiten Teil von „Sweet and Lovely“,
       und so fort und so weiter und so viel Zukunft in dieser damals in Europa
       noch kaum gehörten, nie live erlebten Musik.
       
       ## Außerhalb des Mainstreams
       
       Für Monk vielleicht nur ein Konzert unter vielen, aber für sein deutsches
       Publikum ein großer Schritt. Es scheint mir unmöglich, nach diesem Abend
       weitergelebt zu haben wie davor. Das hier war „ancient to the future“, wie
       das [3][Art Ensemble of Chicago] dies bald nennen würde, aber nicht in
       einem avantgardistischen Sinn, sondern von einer Position aus, die immer
       schon außerhalb jeglichen Mainstreams angesiedelt war, wo der Protagonist
       per definitionem als Außenseiter agiert.
       
       Nur war das in den Vierzigern und Fünfzigern eben weit vorauseilend, jedoch
       Ende der Sechziger eher ein störrischer Konservativismus. Im März 1965
       können wir vermutlich die Schnittstelle zwischen diesen beiden
       Rezeptionswelten hören und nacherleben. Nun wäre es aber falsch, das
       Bremenkonzert von Thelonious Monk als bloße Historie abzutun. Nichts klingt
       bei Monk je museal, gestrig, reif für den Kanon, sondern seine Musik
       strahlt hell bis zu uns herauf. Unvergänglich? Sagen wir: Glück in Dosen?
       Ja, verdammt, Glück in Dosen.
       
       24 Mar 2026
       
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