# taz.de -- Karneval der Kulturen: 30 Jahre Party gegen Rassismus
       
       > Die Gruppe Exylium beruft sich auf die Pogrome von Rostock-Lichtenhagen.
       > Der Karneval war damals eine Gegenreaktion auf die rassistische Gewalt
       > der 90er.
       
 (IMG) Bild: Die Kunst- und Aktivismusgruppe Exylium beim „Karnval der Kulturen“ 2026 in Berlin
       
       Inmitten von Bierdunst und Seifenblasen zieht eine Radfahrerin die rollende
       Plattform des Exyliums auf der Frankfurter Allee hinter sich her. Auf der
       Holzbühne sitzt zusammengekauert eine in Weiß gekleidete Tänzerin. Mit
       langsamen Bewegungen streckt sie die Arme vor sich aus. Hinter ihr folgen
       schwarz gekleidete Tänzer:innen mit rot bemalten Händen. Sie halten und
       stoßen sich gegenseitig ab. Bald bedeckt die rote Farbe ihre Unterarme,
       Gesichter und Kleidung.
       
       Bei Rio-würdigem Sonnenschein performt die Gruppe Exylium am Sonntag beim
       großen Karneval der Kulturen-Umzug. 67 Gruppen und 4.050 Künstler stellen
       am Nachmittag stolz traditionelle Tänze und Kostüme vor – zum zweiten Mal
       wegen Bauarbeiten nicht auf der traditionellen Kreuzberger Strecke, sondern
       in Friedrichshain. Im Samariterkiez haben die Bars ihre Schiefertafeln
       herausgeholt: Caipirinha für fünf Euro, Aperol Spritz und Mojito für sieben
       Euro. Um 14 Uhr kommt man kaum noch zwischen den Publikumsreihen auf den
       Gehwegen hindurch.
       
       Luo Chen wirbelt die Frankfurter Allee entlang. Er streckt seine rot
       verschmierten Hände aus und zeigt sein von weißen Flecken besprenkeltes
       Gesicht der Sonne. Plötzlich stürmt er auf einen Fotografen an der
       Straßenseite zu. Der Mann weicht zurück. Der Tänzer bleibt nur wenige
       Zentimeter vor dem Kameraobjektiv stehen. Der Fotograf lacht überrascht,
       dann läuft Chen zurück zur restlichen Tanzgruppe, die sich quer vor dem
       Publikum bewegt.
       
       In der Mitte der Gruppe wirkt Jun mit ihrem roten, verbrannten löchrigen
       Kleid und den aschschwarzen Rändern orientierungslos. Die Tänzerin guckt
       ins Leere, während die anderen um sie herum laufen. Dann ahmt sie die
       Bewegungen ihrer Partner nach und hebt mechanisch die Arme. Aus den
       Lautsprechern und vom Mischpult auf der Bühne hallen Sirenen- und
       Knallgeräusche wider.
       
       ## Aufnahmen aus Rostock
       
       „Die Geräusche stammen aus Archivaufnahmen der Pogrome von
       Rostock-Lichtenhagen“, erklärt Yaming Wang, die künstlerische Leiterin des
       Kollektivs. Während ihres Kunststudiums in Deutschland erfuhr Wang
       schockiert von den [1][nächtelangen rassistischen Angriffen] mit
       Molotowcocktails auf das „Sonnenblumenhaus“ im Jahr 1992. Die Pogrome gaben
       den Impuls für die Gründung der Werkstatt der Kulturen im Jahr 1993 in
       Berlin. Daraus entwickelte sich drei Jahre später der [2][Karneval der
       Kulturen als Symbol gegen Rassismus und Rechtsextremismus].
       
       Nur eine Straße entfernt von der symbolträchtigen Rigaer Straße will die
       zeitgenössische Tanzperformance mit elektronischer Musik von Exylium auch
       eine Hommage an die Berliner Hausbesetzungsszene sein. „Hausbesetzungen und
       rassistische Übergriffe: das sind die zwei gegensätzlichen Seiten desselben
       Systems urbaner Ausgrenzung, das vom Kapitalismus geprägt ist. Die zentrale
       Frage lautet: Wer darf in der Stadt leben?“
       
       Zum zweiten Mal gibt Exylium marginalisierten Menschen auf dem Karneval
       eine Stimme. Im Jahr 2022 rief Chen das Kollektiv ins Leben, als er am
       Training „Artists in Exile“ an der Universität der Künste teilnahm.
       Zusammen mit Kommiliton:innen aus dem Programm für Künstler:innen, die
       ihre Heimat aus politischen Gründen verlassen mussten, wollte er „nicht für
       ein bestimmtes Land auftreten, sondern für Menschen tanzen, die vom
       Kapitalismus und Patriarchat an den Rand gedrängt werden“. 2023 hatte
       Exylium [3][seinen ersten Auftritt beim Karneval]. Dann aus Zeitgründen
       keinen mehr, bis seine Freundin Wang vor drei Monaten einen Aufruf an
       Künstler:innen postete.
       
       „What is it? They all look so dark and beautiful“, fragt eine Zuschauerin
       in der ersten Reihe. Zwischen dem Wagen mit traditionellen bulgarischen
       Tänzen und einer Gruppe mit türkischer Musik fallen die Elektroklänge und
       die staatenlose Kleidung der rund fünfzehn Tänzer:innen aus China,
       Südkorea, Brasilien, Taiwan und Deutschland auf. „Weird, aber geil“,
       kommentiert schlicht ein anderer Zuschauer.
       
       ## Eine Gruppe für die Hässlichkeit
       
       „Wir wollen uns somit abgrenzen, weil wir als hässlich empfunden werden“,
       erklärt Chen. „Der ganze Karneval feiert mit wunderschönen Kostümen. Es
       soll auch eine Gruppe geben, die für das Hässliche steht.“ So habe er sich
       etwa in den Augen der deutschen Bürokratie gefühlt, als ihm sein
       monatliches Einkommen nach dem Master in Berlin kein Arbeitsvisum sichern
       konnte. Er begann einen neuen Bachelor von Anfang an, „um als Ausländer in
       Berlin existieren zu können“.
       
       [4][Bis heute positioniere sich der Karneval klar „gegen die extreme
       Rechte, gegen Rassismus, gegen Polarisierung]“, sagt die Co-Leiterin des
       Festivals, Aissatou Binger. Die gebürtige Berlinerin erinnert sich anihren
       ersten Karnevall der Kulturen-Umzüge, bei denen „Vielfalt
       selbstverständlich war“ und „Communitys sichtbar wurden“. Sie sagt aber
       auch: „Mit einer Organisation wie der diesjährigen wird der Karneval im
       nächsten Jahr nicht haltbar sein.“ Von den 85.000 Euro, [5][die durch
       Spenden gegen die Finanzierungslücke] gesammelt werden sollen, war bis zum
       Tag des Festivals kaum ein Viertel zusammengekommen. Dabei hatten 770.000
       Menschen den Umzug besucht und am Tag zuvor schon Zehntausende das
       Straßenfest am Blücherplatz. „Das ist keine Absage für 2027, sondern eine
       Aufforderung an die kommende Berliner Regierung“, sagt Binger.
       
       Zwischen den auf dem Boden verstreuten Flaschen laufen Besuchende mit ihren
       Nationalflaggen über den Schultern umher. Einige weiße Menschen tragen
       Dreadlocks. Auch ein Mann mit einem Rammstein-T-Shirt schlendert durch die
       Menge. Fast jede:r hält ein Glas Aperol oder einen Teller Fufu in der
       Hand. Seit langem sei die Menschenmenge eine bunte Mischung aus Feiernden,
       engagierten Menschen und Jugendlichen, sagen zwei Stammbesucherinnen, die
       abseits sitzen. „Aber vielleicht bleibt bei den Jüngeren etwas hängen. Dass
       man mit allen feiern kann, ohne Rassismus.“
       
       Auf der Frankfurter Allee löst sich Chen von der tanzenden Gruppe und
       wirbelt auf ein Kind zu. Der Junge dreht sich mit der Schulter zur Seite
       vor dem furchterregenden Gesicht weg. Für ein paar Sekunden bricht Chen aus
       seiner Rolle aus und schenkt ihm ein strahlendes Lächeln. Der Junge lächelt
       zurück. Dann kehrt Chen lachend in Pirouetten mit der Gruppe hinter die
       Bühne wieder zurück. Die Menge applaudiert, während der Wagen von Exylium
       vorbeizieht. Die Sirenen heulen aus den Boxen. Vor ihnen ragen die Türme
       des Frankfurter Tors und des Alexanderplatzes empor.
       
       25 May 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Gabrielle Meton
       
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