# taz.de -- 30 Jahre Karneval der Kulturen in Berlin: The Show must go on
> Während dem Karneval der Kulturen im Jubiläumsjahr das Geld auszugehen
> droht, probt die Gruppe Latido Verde unverdrossen für ihren großen
> Auftritt.
(IMG) Bild: Der Tanzverein Anclas – Latido Verde aus Spandau bei der Probe im Gleisdreieck-Park
Es riecht nach Grillgut und Benzin. Wochenendgenießer auf der Grünfläche am
Gleisdreieck spielen Badminton, trinken Bier und schauen einer Gruppe zu,
die unter der U-Bahn-Brücke ihre Formationen übt. Der Song „Nuevayol“ vom
puerto-ricanischen Reggaeton-Sänger Bad Bunny gibt ihnen den Takt vor.
Weiße Tops, dunkle Hosen. Ganz ohne Kostüme wirken sie wie eine normale
lateinamerikanische Tanzgruppe mit Fokus auf den Merengue-Tanzstil.
Die Sonne brennt ihnen im Nacken, während Leiterin Mindy Sanchez die
Schritte vorgibt. Nach vorne, zur Seite, zurück. Geschwungene Hüften und
ausgestreckte Arme malen ein gleichmäßiges Muster, nur ein paar
Amateurtänzer fallen noch aus der Reihe. Der Tanzverein [1][Anclas – Latido
Verde] nimmt seit dem Gründungsjahr 1996 am [2][Karneval der Kulturen]
teil, der dieses Jahr seinen 30. Geburtstag feiert. Ihr Gruppenthema für
das Jubiläum lautet „Unsere Meereswelt“. Es soll um die Schönheit und
Harmonie der Ozeane gehen, aber auch um ihre [3][Zerbrechlichkeit durch
Plastikmüll und menschliche Eingriffe].
Ähnlich zerbrechlich gestaltet sich die aktuelle Planung der kulturellen
Intervention, die wie immer am Pfingstwochenende stattfinden wird. Die
Fehlbedarfsfinanzierung des Senats in Höhe von knapp 1,5 Millionen Euro
reicht laut Veranstaltern nicht mehr aus, um die immer höheren Kosten zu
decken, ihnen fehlten 250.000 Euro. Seit Jahren steige der Preis für
Sicherheit, Logistik und Infrastruktur sowie für Reinigung und
Sanitäranlagen. „Diese Bereiche machen den Großteil des Budgets aus“,
erklärt Anna-Maria Seifert, Co-Direktorin der Großveranstaltung.
So seien etwa Gehälter, Auflagen für Großveranstaltungen und
gesellschaftliche Anforderungen an Hygienevorrichtungen in den letzten
Jahren deutlich gestiegen. Daher seien einzelne Ideen nicht im
ursprünglichen Umfang umsetzbar: „Der in 2024 entstandene Zukunftstraum
wird beispielsweise nicht realisiert werden“, gesteht Seifert ein. Dabei
handelte es sich um einen interaktiven Raum auf einem Parkplatz am Südende
des Blücherplatzes, der geschaffen wurde, um die Grünfläche zu schonen, auf
der wie alle Jahre das Straßenfest stattfindet.
Auch die Nachbarschaft des Umzugs in [4][Friedrichshain und zuvor
Kreuzberg] habe unter den Belastungen durch Lärm und Müll gelitten. Seifert
betont, wie wichtig es sei, die Bedürfnisse der Anwohner und Besucher in
Einklang zu bringen. Der Grünstreifen im Mittelstreifen der Frankfurter
Allee soll etwa abgegrenzt werden, damit er nicht wie im vergangenen Jahr
unter trampelnden Feiernden leidet.
An die Anwesenden bei der Ausstellungseröffnung gerichtet sagt sie am
Dienstag: „Wenn wir das Hygienekonzept nicht einhalten können, bedeutet das
zukünftig mehr Auflagen für uns. Also bitte, überlegen Sie sich vor dem
dritten Cocktail noch einmal, ob Sie nicht vorher die Toilette besuchen
können.“
## Große Kampagne mit kleinem Ergebnis
Zum Jubiläumsjahr rechnet Seifert erneut mit über 1 Million Gästen. Um die
Feier dennoch zu ermöglichen, wurde eine große [5][Spendenkampagne]
gestartet. Bisher ist die Bilanz ernüchternd: Von den 85.000 Euro, die laut
Website noch erforderlich sind, konnten die Betreiber durch die Kampagne
bisher erst 6.783 Euro sammeln. Acht Prozent der Finanzierungslücke sind
damit gedeckt. „Es war und ist aktuell nicht einfach, Kultur in dieser
Stadt zu machen“, sagt Seifert bei der Eröffnung der Ausstellung „Vom Sehen
und Gesehenwerden: 30 Jahre Karneval der Kulturen“ (s. Kasten). Doch woher
soll in weniger als zwei Wochen der Rest kommen?
Die Spendenkampagne soll auch auf dem Karneval selbst noch stattfinden,
inklusive Merchverkauf. „Es gibt keine Absage, der Karneval findet statt!“,
beteuert Aissatou Binger, Co-Leiterin des Karnevals, bei der
Ausstellungseröffnung. Seifert ergänzt: „Im künstlerischen Programm haben
wir gemeinsam mit den beteiligten Gruppen Lösungen gefunden, vieles dennoch
zu ermöglichen.“
Sponsoring sei neben öffentlichen Mitteln und eigenen Einnahmen ein
ergänzender Baustein der Finanzierung. „So, wie es dieses Jahr ist, kann es
nicht nochmal sein“, gibt Binger zu bedenken. Der Erhalt der Veranstaltung
sei wichtig für das kulturelle Berlin. „Wir machen mehr, als nur ein
Festival oder eine Party zu sein.“
## Nachhaltigkeit ist ein Vorteil
An der Basis will man sich die Vision für die Karnevalsfeier nicht nehmen
lassen. Sanchez hat die Leitung von Latido Verde im Jahr 2020 übernommen.
„Vor Corona waren wir eine große Gruppe mit über 50 Personen. Dann kam
niemand mehr.“ Mittlerweile bestehe Latido Verde wieder aus 28 festen
Mitgliedern, von der Krankenpflegerin über den Elektriker bis zu
Kita-Mitarbeitern sind alle möglichen Berufe vertreten. „Wir sind Latinos,
die Familie und Freunde mitbringen, und andere, die uns hier im Park sehen
und mitmachen wollten.“ Unter den Mitgliedern befinden sich auch wenige
Deutsche, in den Pausen zwischen den Liedern wird aber ausschließlich
Spanisch gesprochen.
Die Finanzierungslücke trifft Latido Verde nicht so hart wie andere
Gruppen. Das liegt auch daran, wie sie sich beim Umzug am 24. Mai
präsentieren. „Wir brauchen nicht so viel Geld, weil wir einen
unmotorisierten Wagen für den Umzug nutzen. Den ziehen einige unserer
Familienmitglieder“, erzählt Sanchez. Dieses Jahr sind 67 Gruppen mit 4.050
Teilnehmern zugelassen worden. Bei ihrer Bewerbung sei es ein Vorteil
gewesen, einen Wagen ohne Motor zu haben, so Sanchez. Auf Nachhaltigkeit
und Emissionen werde bei der Gruppenauswahl geachtet.
„Stoffreste aus dem Vorjahr können wir teilweise auch noch recyceln“, meint
sie. [6][Im vergangenen Jahr] sei das Thema Wald, Tiere und Pflanzen
gewesen. Sanchez und der Rest ihrer Gruppe wollten bei der Planung für das
Jubiläumsjahr beim Thema Umweltschutz bleiben. „Warum fokussieren wir uns
jetzt nicht aufs Meer? Wir wollen eine Stimme unserer grünen Welten sein.
Die Ozeane sind so wichtig für unser Ökosystem.“
Ihr großer Vorteil sei, dass sie keine einheitlichen Kostüme hätten und
nicht überall gleiche Materialien benutzen müssten. „Dieses Jahr sind
einige von uns als Haie oder Seepferdchen verkleidet, da werden wir alle
sehr anders aussehen. Die Kreativität von unseren Leuten ist super.“
12 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.instagram.com/latido_verde_berlin/
(DIR) [2] https://karneval.berlin/
(DIR) [3] /Mikroplastik-in-der-Natur/!6082970
(DIR) [4] /30-Jahre-Karneval-der-Kulturen/!6087245
(DIR) [5] https://www.paypal.com/donate/?hosted_button_id=J4WWCH5CGTZ72&locale.x=de_DE
(DIR) [6] /Karneval-der-Kulturen-in-Berlin/!6089984
## AUTOREN
(DIR) Pauline Cruse
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