# taz.de -- Stadtteilbesichtigung in Hamburg-Veddel: Auf Performance-Spaziergang im Problemstadtteil
       
       > „Veddelogie To Go“ heißt ein aktivistischer Performance-Rundgang über die
       > Hamburger Veddel. Was leistet die Produktion des Kollektivs „JAJAJA“?
       
 (IMG) Bild: Veddel Tours mit Performance inklusive
       
       Theater in Bewegung. Der Produktionstitel Veddelogie To Go legt einen
       ratzfatz Wissen vermittelnden Rundgang durch die Veddel nahe. Das
       Performance-Kollektiv JAJAJA führt die eingeladenen Mitflaneure aber im
       Auftrag des Deutschen Schauspielhauses super entspannt durch den kleinen
       Hamburger Stadtteil. Nur so ist es schließlich möglich, etwas davon
       wahrzunehmen, wie knapp 5.000 Menschen auf der Elbinsel in diesen
       Rotklinker-Wohnblöcken beheimatet sind, zwischen Zug- und Autobahntrasse.
       
       Massenunterkünfte auf der Veddel beherbergten einst Millionen Auswanderer,
       heute ist sie ein durch Armut und Zuwanderung geprägter Arbeiterstadtteil –
       mit überdurchschnittlich vielen Kindern und Jugendlichen, aber
       unterdurchschnittlichem Ansehen. In einem HSV-Fan-Song der Band Abschlach
       heißt es nicht nur ironisch, auch abschätzig: „Und die Veddel ist mein
       Klo“. Da wollen wir hin. 25 Menschen nehmen per Kopfhörer an den
       Stadtteilführungen von Schauspielerin Iris Minich und Performer/Soundartist
       Arvild J. Baud teil. Fast drei Monate hatten sie sich auf der Insel
       erkundungsfreudig eingemietet.
       
       Die Künstler:innen inszenieren Frage-Antwort-Momente mit Passanten,
       spielen Musik, schlaue Texte aus der Kunsttheorie wie auch Soziologie ein,
       vor allem aber Liveplaudereien. Wobei Minich mit freundlich antidynamischer
       Artikulation ihre Rechercheergebnisse kundtut, während Baud manchmal
       arrogant dazwischenquatscht. So kommen sie nie in einen gemeinsamen Flow.
       
       ## Kadaver des Raubtierkapitalismus
       
       Ausgangspunkt sind die Elbbrücken. Im Westen glitzert die sterile
       Hafencity, im Osten bröckelt seit 2023 der Elbtower-Rohbau als Kadaver des
       Raubtierkapitalismus vor sich hin. Hohn und Spott spenden Minich/Baud ihm
       und der verantwortlichen Hamburger Politik. Solche Info- und
       Meinungsvermittlung geht fortan über den Frontalunterricht hinaus,
       performative Interventionen gehören dazu.
       
       Eine Sitzbank wird zur zuwuchernden Lkw-Zollstation geschleppt, um sich
       davor niedersetzen und an Bildbeschreibungen der „Schönheit des Verfalls“
       versuchen zu können. Später weht eine zeltähnliche Tuchskulptur übers
       Gelände. Wir Spaziergänger:innen betanzen einen Wendehammer, toben mit
       einem riesigen Ballon durch eine gesperrte Unterführung und singen
       gemeinsam. Mit der Idee gelebter Solidarität wird ein Supermarkt gestürmt,
       der chronisch unterbesetzt sei.
       
       Nachdrücklich sind der Bericht einer jungen Frau von ihrer Flucht ins
       Frauenhaus und rezitierte Tagebuchnotizen eines Obdachlosen. Mehr solcher
       Innenansichten hätten der Tour gutgetan. Die sozial so wichtige Poliklinik
       findet nur in einem Nebensatz Erwähnung. Schließlich wird ein Geschenk an
       die Veddel vorgestellt: ein Holz-Dome-Skelett als „zweckfreier Raum“. Zum
       Abschied musizieren in der Immanuelkirche junge Veddeler:innen zu
       Dokuvideo-Schnipseln, angereichert mit Trickfilm-Gimmicks.
       
       Diese performative Sozialraumanalyse kommt anmutig als live
       dahingetrödelter Podcast daher und liefert interessante Ein- wie Ausblicke,
       wirkt aber längst nicht ausgereift. Allerdings anregend, nochmal allein
       durchs Viertel zu stromern und ohne Dauerbeschallung seinem Sound zu
       lauschen.
       
       12 Jun 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jens Fischer
       
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