# taz.de -- US-Anklage gegen Kubas Ex-Staatschef: Vorspiel für offene Eskalation
       
       > Wegen des Abschusses zweier Cessna-Flugzeuge 1996 klagen die USA jetzt
       > den kubanischen Ex-Staatschef Raúl Castro wegen Mordes an. Das Motiv der
       > Trump-Regierung ist offenkundig.
       
 (IMG) Bild: Kubas Expräsident Raul Castro während der Parade zum 1. Mai 2025 in Havanna
       
       In der [1][Konfrontation zwischen den USA und Kuba] ist Washington den
       nächsten Schritt gegangen: Wie schon seit Tagen in Medienberichten
       angedeutet, gab das US-Justizministerium am Donnerstag bekannt, den heute
       94-jährigen ehemaligen Staatschef und Bruder des verstorbenen
       Revolutionsführers Fidel Castro, Raúl Castro, des Mordes anzuklagen. Er
       soll 1996 als Verteidigungsminister die Verantwortung für den Abschuss
       zweier kleiner Zivilmaschinen der exilkubanischen Organisation Brothers to
       the Rescue (Brüder zur Rettung) durch die kubanische Luftwaffe getragen
       haben. Dabei kamen die vier Piloten ums Leben.
       
       Kuba beharrte schon damals darauf, die Flugzeuge seien – nicht zum ersten
       Mal – in den kubanischen Luftraum eingedrungen und dort gestellt worden.
       Mehrfach hatten Maschinen der Organisation zuvor über kubanischen Städten
       Flugblätter abgeworfen. Die Organisation des radikalen Castro-Gegners José
       Basulto war 1991 gegründet worden, um kubanischen Bootsflüchtlingen auf dem
       Weg nach Florida beizustehen.
       
       Insbesondere zum Höhepunkt der sogenannten Balsero-Krise 1994, als sich
       viele Tausende Kubaner*innen auf selbstgebauten Flößen auf die
       gefährliche Überfahrt Richtung USA machten, konnte die Organisation zur
       Rettung von rund 4.200 Menschen beitragen.
       
       1995 allerdings änderte die damalige US-Regierung unter Präsident Bill
       Clinton ihre Aufnahmepolitik. Mit der „Wet foot / dry foot“-Regelung wurden
       alle auf dem Meer aufgegriffenen kubanischen Flüchtlinge direkt
       zurückgeschickt – nur wer trockenen Fußes auf dem Landweg in die USA
       gelangte, wurde weiterhin privilegiert aufgenommen. Damit verlor die
       Organisation ihre humanitäre Aufgabe und viele Spenden und verlegte sich
       auf politische Aktionen.
       
       ## Die US-Behörden waren gewarnt
       
       Der US-Luftfahrtbehörde war Anfang 1996 absolut bekannt, dass die Flugzeuge
       der Brothers regelmäßig den kubanischen Luftraum verletzten, wie [2][aus
       deklassifizierten Akten hervorgeht]. Mehrfach gingen zwischen verschiedenen
       Behörden Warnungen hin und her, man möge José Basulto und seine Leute
       unbedingt stoppen, sonst könne das zu katastrophalen Entwicklungen führen.
       
       Dazu kam es dann auch mit dem Abschuss der zwei Maschinen am 24. Februar
       1996 durch zwei kubanische MIG-Kampfjets. Eine dritte Maschine der
       Brothers, von Basulto selbst geflogen, entkam. Noch einen Tag vorher hatte
       Richard Nuccio, Berater für Kuba-Angelegenheiten im Weißen Haus, den
       damaligen Nationalen Sicherheitsberater Sandy Berger über Pläne Basultos zu
       weiteren illegalen Flügen informiert.
       
       Aber ganz genau darüber Bescheid wusste auch die kubanische Seite:
       Mindestens ein kubanischer Spion hatte sich bei den Brothers to the Rescue
       eingeschleust, arbeitete als Doppelagent innerhalb der Organisation fürs
       FBI und die Kubaner und informierte Havanna detailliert über deren Pläne.
       Am Tag vor dem Abschuss verließ er die USA wieder Richtung Kuba und sagte
       später aus, die Brothers hätten terroristische Anschläge auf der Insel
       geplant.
       
       Eine spätere Untersuchung des Vorfalls durch die Internationale
       Zivilluftfahrtorganisation kam zwar zu der – von Kuba bis heute
       bestrittenen – Auffassung, die beiden unbewaffneten und zivilen
       Cessna-Maschinen seien in internationalem Luftraum ohne jede Vorwarnung
       abgeschossen worden, kritisierte aber auch die USA, weil sie die
       offensichtlich illegitime Nutzung der Flugzeuge durch die Organisation
       nicht verhindert hatten.
       
       ## „Freiwillig oder auf andere Weise“
       
       Sicher ist: Den Vorfall von 1996 heute zum Gegenstand einer Klage gegen
       Raúl Castro zu machen, folgt keinen juristischen, sondern politischen
       Erwägungen. Bewusst werden Assoziationen zum Vorgehen gegen Venezuelas
       Staatschef Nicolás Maduro geweckt, der ebenfalls in den USA angeklagt und
       dann Anfang Januar von einem US-Militärkommando in die USA verschleppt
       wurde.
       
       Der amtierende US-Justizminister Todd Blanche sagte damals zur Anklage
       gegen Maduro: „Es wurde ein Haftbefehl gegen ihn erlassen. Wir gehen also
       davon aus, dass er hier erscheinen wird – sei es freiwillig oder auf andere
       Weise.“
       
       Kubas Regierung verurteilte die Anklage aufs Schärfste. In einer [3][auf
       der Titelseite der Parteizeitung Granma abgedruckten Erklärung] heißt es:
       „Diese haltlose Anschuldigung gegen den Führer der kubanischen Revolution
       reiht sich ein in die verzweifelten Versuche antikubanischer Kräfte, eine
       betrügerische Darstellung der Tatsachen zu konstruieren, um die gnadenlose
       Kollektivstrafe gegen das edle kubanische Volk zu rechtfertigen.“
       
       Der 94-jährige Raúl Castro hat offiziell keinerlei Posten mehr. Sowohl
       Staats- als auch Parteiführung liegen inzwischen in den Händen seines
       Nachfolgers Miguel Díaz-Canel. Allerdings gehen Beobachter davon aus, dass
       trotzdem wenig am Willen des greisen Ex-Guerilleros vorbei entschieden wird
       – nicht zuletzt, weil große Teile der Castro-Familie an entscheidenden
       Stellen in Militär und Wirtschaft sitzen.
       
       21 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Spannungen-zwischen-Kuba-und-USA/!6179406
 (DIR) [2] https://nsarchive.gwu.edu/briefing-book/cuba/2026-05-19/cuba-declassified-records-brothers-rescue-shootdown
 (DIR) [3] https://www.granma.cu/cuba/2026-05-20/cuba-condena-la-canalla-acusacion-contra-el-lider-de-la-revolucion-20-05-2026-14-05-22
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Bernd Pickert
       
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