# taz.de -- Kunstausstellung über Müll in Dortmund: Schrott, der die Geister weckt
       
       > Von Agitprop zur ambivalenten Schönheit: Eine Ausstellung des Museums
       > Ostwall Dortmund zeigt Kunst der letzten 60 Jahre zum Weltproblem Müll.
       
 (IMG) Bild: Abfall bildet eine Miniaturlandschaft in Krištof Kinteras Installation „Postnaturalia“ von 2016/17
       
       Abfall ist ein dreckiges Geschäft. Davon singt Emeka, Migrant aus Nigeria,
       in Karimah Ashadus Videoarbeit „Brown Goods“ ein Lied: „Wenn jemand zu mir
       sagt, ich soll in eine Grube springen, frage ich: ‚Warum?‘ Ein
       Burkina-.Faso-Mann, der fragt nicht, der springt einfach rein.“ Damit
       beschreibt Emeka eine Realität der Konkurrenzverhältnisse zwischen den
       ärmsten und den allerärmsten Arbeiter*innen, die wir in der bürgerlichen
       Gesellschaft brauchen, um unseren Mist zu beseitigen.
       
       Er selbst weiß Bescheid: Qua fehlender Arbeitserlaubnis agiert Emeka am
       Rande der Legalität und verkauft weggeworfenes Elektrogerät in seine
       afrikanische Heimat. Der Bilderreigen, den die in Hamburg lebende
       Künstlerin Ashadu 2020 dazu zusammenschnitt, zeigt zwei Aspekte: einerseits
       Aufnahmen von einem Schrottverladeplatz, auf dem Schwarze Arbeiter
       gefährliche Tätigkeiten erledigen, andererseits wie sich eine künstlerische
       Annäherung an das Thema Müll in den letzten 60 Jahren gewandelt hat.
       
       Denn [1][das Museum Ostwall] im „Dortmunder U“, dem umgenutzten
       (recycleten?) Turm der ehemaligen Unionsbrauerei, zeichnet in seiner
       aktuellen Schau eine Geschichte der abfallaffinen Kunst nach. „Müll. Eine
       Ausstellung über die globalen Wege des Abfalls“ erstreckt sich über zwei
       Säle. In ihrer Qualität variiert die gezeigte Kunst deutlich. Die
       Unterschiede liegen in der Historie begründet: Müllkunst war lange Zeit ein
       Feld des Agitprops, des erhobenen Zeigefingers und des anspruchslosen
       Protests.
       
       Beispiele dafür finden sich in der ersten Halle der Ausstellung, die sich
       unter anderem dem Nouveau Réalisme widmet. Die französische Künstlergruppe,
       die um 1960 etwa von den beiden hier präsentierten Künstlern César und
       Arman geprägt wurde, war zwar nicht die erste, die sich dem Müll, Abfall
       und Unrat widmete, aber sicher jene, die ihre Zuwendung zum Alltäglichen
       und Ausgesonderten am aggressivsten zum Markenkern gemacht hat. Autoschrott
       (César) und der Inhalt von Abfalltonnen (Arman) werden zu ästhetisch
       leidlich interessanten Werken verarbeitet.
       
       ## HA Schults Schrott-Fords für die Postkarte
       
       In Deutschland brauchte es dafür ein Enfant terrible wie HA Schult, der
       einst in München eine ganze Straße mit Haldenmüll hat zuschütten lassen.
       Von dieser Aktion gibt es in Dortmund poppige Siebdrucke zu sehen. Zwischen
       HA Schults etwas schlichten Werken lauern indes ein paar Höhepunkte. Der
       gleiche Schutt, aus dem er später Autos des Herstellers Ford zu
       postkartentauglichen Plastiken umbaute, taucht in einer erstaunlich
       komischen Miniatur auf: Pünktlich zu den Sommerspielen 1972 in München
       inszenierte HA Schult [2][den als Architekturikone gefeierten Olympiapark
       mit Frei Ottos berühmten Membrandächern] als tischplattengroße Müll-Einöde.
       Miniatur-Wunderland, but make it ugly!
       
       In diesem historischen Teil führt die Schau vor Augen, wie eng die
       Parallelentwicklung von Müllkunst, Studenten- und Umweltbewegung in
       Deutschland und Europa war. Zwischen dem [3][satirischen Künstler Klaus
       Staeck] und dem Aktivismus von Greenpeace passt in gewisser Weise kein
       Blatt Papier.
       
       Trotzdem wäre die Schau kaum der Rede wert, nähme sie nicht im zweiten Teil
       beträchtlich an Fahrt auf. Dort bietet das Kurator*innen-Duo Christina
       Danick und Michael Griff eine aufregende Auswahl Gegenwartskunst, die sich
       Müll eben nicht in einem unterkomplexen Freund-Feind-Schema nähert, sondern
       neben den brisanten Verwicklungen globalen Ausmaßes auch Momente der
       Schönheit ausmacht, aber die der Ausbeutung, der Gewalt und des Grotesken
       nicht meidet.
       
       „Postnaturalia“ des Tschechen Krištof Kintera ähnelt HA Schults
       Olympiapark-Miniatur, expandiert aber vom etwas piefigen Format des
       Modelleisenbahnpanoramas in den Raum. Kabel und Platinen wachsen zu einem
       verwirrenden Konglomerat. Dessen Wesen changiert lässig zwischen
       dystopischem Stadtpanorama und verödeter Landschaft. Fasziniert kreiselt
       man in einem eigenen Kabinett um Ana Alensos „Obsolete Swing“. Ist es eine
       Cyberpunk-Maschine? Und warum interagiert sie so lässig mit den
       mittelformatigen Fotografien von zerstörten Telefonen?
       
       ## Art Meets Science
       
       Damit das Publikum seine Portion Pädagogik und Infotainment mitnehmen kann,
       bieten drei Expert*innen, die „Critical Friends“, kurze Abwägungen, Fakten
       und Gedanken zum Weltproblem Müll. Die drei – dabei ist auch der Historiker
       Roman Köster – haben im Vorfeld die Ausstellungsmacher*innen beraten.
       Dieser „Art Meets Science“-Ansatz schwingt bis auf wenige Ausnahmen (wenn
       etwa das Volumen des Plastikmülls, den eine Person pro Jahr in Dortmund
       produziert, ausladend an die Wand montiert wird) nur im Hintergrund mit. Im
       Mittelpunkt steht die ausgezeichnet ausgewählte aktuelle Kunst.
       
       Diesen Werken aus den letzten zehn Jahren ist ein Gedanke gemein, selbst in
       der grandiosen 5-Kanal-Videoinstallation „Between the Waves“ der aus Indien
       kommenden Tejal Shah, in der die Müllhalde auch zum Hort eines
       (queer-)dissidenten Potenzials werden kann: [4][Die Entsorgung all des hier
       thematisierten Abfalls] ist etwas, was Menschen anderen Menschen aufbürden
       und antun.
       
       22 May 2026
       
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