# taz.de -- Tryp-Expo-Messe für Psychedelika: Die Dosis macht das Gift
> Fliegenpilze, Froschgift und Breathwork: Auf Europas größter Messe für
> Psychedelika treffen alternative Therapieformen auf organisierten Rausch.
(IMG) Bild: Normalität auf dem Pilztrip: Besuch auf der Tryp Expo Messe
Ein junger Mann mit rotem Pilzhut steht inmitten einer zwergenhaften
Landschaft, echtes Moos zu seinen Füßen, dahinter ein Regal aus Ästen mit
Fliegenpilz-Produkten. Lächelnd bietet er von seinen giftigen Leckereien
an.
Die Szene ist ein passender Auftakt zur Idee der [1][Tryp Expo, der Messe
für psychedelische Erfahrung und Bewusstseinserweiterung]. Die Tryp, die am
vergangenen Wochenende erstmalig in Berlin stattfand, versteht sich als
offizielle Schnittstelle zwischen Medizin, Therapie, Gesundheit und
Bewusstseinserweiterung. Ihre Zielgruppe reicht von Forscher:innen über
Therapeut:innen bis hin zu Künstler:innen und Kulturschaffenden, die
sich mit einem gesunden Leben auseinandersetzen. Bis zu 10.000
Besucher:innen wurden erwartet.
Am Fliegenpilz-Shop, einem der Ausstellerstände, stehen eine portugiesische
Yogalehrerin, zwei Therapeutinnen aus der Nähe von Münster und ein Wikinger
mit einem Regenstab. Die Yogalehrerin beendet schnell ihren Kauf und eilt
zu ihrem ersten Atemseminar. Die Workshops finden nebenan in den Sälen des
Funkhauses statt. Die besondere Fünfzigerjahre-Architektur gibt allem, was
hier stattfindet, den passenden Rahmen.
Der Wikinger beißt schon in seinen ersten Pilz, ohne die Antwort der Frage
nach der Dosierung abzuwarten. Diese bleibt dann auch vage – fast klingt es
nach der Essenz des Festivals: Die Dosis macht das Gift. Kurz darauf wird
Pilz-Spray versprüht, und ein zweiter Fliegenpilz-Verkäufer taucht auf, der
dem ersten erschreckend ähnlich sieht. Vielleicht der Zwilling – oder wirkt
das Spray schon?
## LSD-Derivate, Froschgift und THC-Gummibärchen
Die Messe bietet LSD-Derivate und Holzstühle, die gleichzeitig Instrumente
sind, an. Was interessant ist, da man beim Draufsitzen liebevoll von einem
Herrn in weiter Kleidung bespielt wird. Sofort kommt die Frage auf, ob man
ihn gleich mitbuchen kann zum klingenden Stuhl?
Insgesamt ist die Tryp Expo eine kuriose Mischung, die in ihrer Vielfalt an
eine Reisemesse erinnert. Viele scheinen hier auf ihren individuellen
Abenteuern unterwegs zu sein. Die Darreichungsformen unterscheiden sich von
Froschgift und Schoßklangschalen bis hin zu THC-Gummibärchen. [2][Das
verbindende Element: die Suche nach sich selbst, nach Heilung oder einfach
der Wunsch nach Rausch,] auch wenn Letzteres nicht explizit ausgesprochen
wird. Was in Ordnung ist, schließlich steht auch über dem Weinfest am
Rüdesheimer Platz auch nicht: „Köstliches probieren und ordentlich einen
reinzwirbeln“. Oft wird Rausch Genuss genannt, obwohl Naturwein, Joint oder
Späti-Molle alle etwas Ähnliches bieten – nicht nüchtern sein.
Auch auf der Messe hat Konsum seinen Preis: Sich kopfüber aufhängen lassen
kostet 180 Euro, eine Lichtmaske für zu Hause fast 300 Euro. Überraschend
günstig ist hingegen das legale LSD, das deutschlandweit online sehr gut
verkauft wird. Die hier erhältliche Dosis würde so manch einen bis
Silvester (2027) wachhalten. Dazu kommt die Darreichungsart, etwa als
Gummibärchen, was nicht nur für alle, die gern unüberlegt snacken, sondern
auch für Menschen mit Kindern im Haushalt problematisch sein kann – vor
allem, weil heute so hochpotente Wirkstoffe verfügbar sind, das schon
winzige Mengen extreme Wirkung haben.
## Die „psychedelische Renaissance“ und ihre Risiken
Auch die wissenschaftliche Forschung mahnt zur Vorsicht. Die Charité Berlin
betont, dass die [3][Langzeitfolgen von LSD-Derivaten unerforscht sind],
wobei eine psychische Abhängigkeit möglich, eine körperliche jedoch (noch)
nicht bekannt ist.
Demgegenüber erlebt die [4][Forschung zu Magic Mushrooms (Zauberpilzen) und
Psilocybin eine „psychedelische Renaissance“] mit vielversprechenden
Ansätzen zur Behandlung psychischer Erkrankungen. Aktuelle Studien deuten
darauf hin, dass Psilocybin die Neuroplastizität – die Fähigkeit des
Gehirns, sich anzupassen und neu zu vernetzen – erhöhen kann. [5][Deutsche
Studien (zum Beispiel der Universität Tübingen]) zur Wirksamkeit bei
therapierefraktären Depressionen zeigten Verbesserungen bei vielen
Patienten, wobei eine begleitende Psychotherapie essenziell ist. Die
positive Beeinflussung der Gehirnaktivität kann Tage nach der Einnahme
anhalten, was auf eine langanhaltende Umstrukturierung hinweist.
Nach dem Besuch der Ausstellungshalle geht es in verschiedene Workshops,
die von wissenschaftlichen Vorträgen über Eisbaden bis zu Atem-Coaching
reichen. Nach einer kurzen Hypnose lockt draußen am grünen Spreeufer eine
Art Streckbank, die „Trauma Release in 30 Minuten“ anbietet. Wem gerade
kein Trauma einfällt, der kann sich auch klassisch für einen Saunagang
entscheiden.
Beim Aroma-Aufguss sitzen zufällig die Zwillinge vom Pilzshop mit
Fliegenpilz-Nasenpflastern mit in der Sauna. Der Aufgussmeister ist der
Wikinger, dessen Regenstab an der Wand lehnt – für später, wie er geduldig
erklärt. Ohnehin sind die Menschen hier alle ziemlich nett; manchmal
zittern die Hände, die ein Getränk halten, aber die Stimmung ist freundlich
und gelöst. Es wird gemeinsam tief ein- und ausgeatmet, alles entspannt
sich in der die Hitze, es riecht nach Minze im warmen Dampf.
Auf der Fahrradfahrt nach Hause kommt einem schnell die berühmte
Fahrradfahrt des Chemikers und LSD-Erfinders Albert Hofmann, der im
Selbstversuch dessen Wirkung entdeckte, in den Sinn. Danach wurde die Droge
mal als Wunder gefeiert oder gesellschaftlich geächtet. Wahrscheinlich hat
beides seine Berechtigung. Sicher ist, wie schön Berlin im Frühling sein
kann, und wie großartig, dass es hier Raum gibt für kreative
Veranstaltungen wie Tryp Expo oder, wie es der Wikinger ausdrückte: „Lovely
insanity“.
18 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://tryp.de/?srsltid=AfmBOopxQ0vmP4MdxRIqoBPARglgxucjH1zLcOxeES8GUkjq5_WvNKhO
(DIR) [2] /Psychedelika-in-der-Psychotherapie/!5960391
(DIR) [3] /Psychedelische-Substanzen-in-der-Medizin/!5866862
(DIR) [4] /Psychedelische-Substanzen-in-der-Medizin/!5851997
(DIR) [5] https://www.medizin.uni-tuebingen.de/de/das-klinikum/einrichtungen/kliniken/psychiatrie-und-psychotherapie/allgemeine-psychiatrie/forschung/psychedelika-unterstuetzte-psychotherapie
## AUTOREN
(DIR) Nike Wessel
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