# taz.de -- Neues Album von Seefeel: Ein Sound, der Richterskala und Vorstellungskraft sprengt
> Zwischen Track und Song, Gitarren und Glitch: Das britische Trio Seefeel
> veröffentlicht nach ewigem Tauchgang das neue Album „Sol.Hz“. Wie
> zeitgemäß ist die Musik?
(IMG) Bild: Ohne Fenster: Seefeel sind klandestine Pioniere zwischen Gitarre und Elektronik
Der Sound von Seefeel war von Beginn an ein dringlicher Stachel im Kosmos
der britischen Indie-Musik. Damals, in den frühen 1990ern, blühte der Rave
und regnete seinen elektronisch grundierten Sound über der Gitarrenmusik
ab. Mark Clifford, Sarah Peacock und Daren Seymour – Seefeel –
abstrahierten diese Melange schon, bevor sie zu sich selbst gefunden hatte.
Und bauten Songs, in denen die ätherische Klangwelt britischer Indie-Labels
wie 4AD mit der kompromisslosen Reduktion von [1][Dub] und den endlosen
Möglichkeiten digitaler Studiotechnik clashten.
Very british, eigentlich. Aber auch sehr eigen. In der Welt der
elektronischen Musik gelten Seefeel seitdem als subversive Pioniere. Die
Art und Weise, wie das Trio die Schnittstelle zwischen Gitarrenpop und
Elektronik, Song und Track interpretierte, passte in die aufblühende
Backroom-Kultur der Clubs. Ein bisschen krude, sehr porös, angemessen
unberechenbar. Aphex Twin remixte pro bono. Die Cocteau Twins, selbst
Studio-Wizards, bestellen Edits und nahmen Seefeel als Support mit auf
Tour. Und [2][Warp Records] stiftete einen Plattenvertrag. Seefeel waren
die erste „echte“ Band auf dem Label. Und auch die ersten Musiker*innen,
die Gitarren verwendeten. Skandal!
Die Musik von Seefeel war immer „Post-Everything“ – geplant oder zufällig.
Ein radikaler Verschnitt von Strömungen und Einflüssen, der wie von selbst
Sinn ergibt im Strudel der Gegenwart – aber zu krude ist, um eindeutig
genug kategorisiert werden zu können und Platz im Kanon zu finden. Wer
Seefeel hört, erforscht die Welt aus den Cockpits von Klangerzeugern,
Lautsprechen und Schaltkreisen. Steuert durch schwere Echos, navigiert an
langen Hallfahnen vorbei, die mehr Information bereithalten, als ChatGPT
sich je aneignen kann.
## Unwägbare Texturen
Bei Seefeel wird jede Wall of Sound brüchig – durchlässig für neue, noch
unwägbarere Texturen. Über allem schwebt der Geist der gespielten, weil
nicht programmierten Maschine. Ein Akkord, gehauchte Gesangsfragmente,
unterschwellig drückende Grooves, bestückt mit Artefakten aus dem
Metallbausatz. Seefeel-Musik ist ein Beben, das in aller Stille
Richterskala und Vorstellungskraft gleichermaßen sprengt.
15 Jahre nach dem letzten Seefeel-Lebenszeichen wirken und klingen die
neuen Stücke auf „Sol.Hz“, als wäre in der Zwischenzeit rein gar nichts
passiert. Ist es auch nicht, einerseits. Andererseits zeigt schon der
Auftakt „Brazen Haze“, dass es die schottischen Electronica-Darlings Boards
Of Canada, die demnächst ebenfalls ein neues Werk veröffentlichen, ohne die
Vorarbeit von Seefeel so nie hätte geben können. Wie aus dem Nichts schiebt
sich eine Wand aus in Moll gefärbter Verzerrung immer weiter nach vorne,
flankiert von weitem Hall und diffusem Nebel in intensivem Rosa.
„Sol.Hz“ manifestiert eine Wirkmächtigkeit, die die Band von Anfang an
hatte. Eine Wirkmächtigkeit, die sich vielleicht erst heute zur Gänze
entfaltet und wertgeschätzt werden kann. 2026 klingen die Tracks auf
„Sol.Hz“ richtungsweisender denn je, sind ursprünglich. Der Sound bildet
einen Zirkel aus konstantem Flirren, Annäherungen an das Unbegreifliche.
Mal bestimmt von verfremdeten Gitarren-Motiven, dann wieder von holprigen
Beats, die sich ihren Weg durch schroff-klirrende Geräusche und präzise
bearbeiteten Singsang bahnen.
## Eine Welt kippt aus den Fugen
Wer „Sol.Hz“ hört, findet sich in den experimentellen Klanggeweben der
Jetztzeit sofort wieder. Anknüpfungspunkte gibt es mehr als genug. Aber
Seefeel ist der Ursprung dieser ultimativen Konfrontation mit der aus den
Fugen kippenden Welt. Clifford, Peacock und Seymour saßen schon in den
1990ern an einem Prototypen des musikgeschichtlichen 3D-Druckers und
pressten ihre Forschungen auf Vinyl. Noch heute passt jede Millisekunde in
die konstant splitternden Realitäten. „Sol.Hz“ ist ein Soundtrack der
Gegenwart, auch wenn er schon vor 30 Jahren hätte erdacht werden können.
Beharrlichkeit ist die neue Größe.
11 May 2026
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