# taz.de -- Gleichberechtigung in Schützenvereinen: Die Angst der Schützen vor den Mädchen
       
       > Ein Maissäckchen-Werfen für Mädchen empfinden die Männer der
       > Schützengilde Wildeshausen als Affront. Und in Twistringen wollen Frauen
       > schießen statt tanzen.
       
 (IMG) Bild: Mädchen dürfen ja wohl mitmachen: als sogenannte Ehrendamen wie hier beim Kinderschützenfest auf dem Gildefest Wildeshausen 2025
       
       In Wildeshausen ist Montag was los. Ein paar Mädchen werden versuchen,
       kleine, mit Mais gefüllte Säckchen in ein Loch zu werfen. Wer gewinnt, darf
       sich Kinderkönigin nennen – herzlichen Glückwunsch. Danach gibt es einen
       Umzug, oder eigentlich: eine Demonstration. Um die 80 Teilnehmer*innen
       sind der Versammlungsbehörde angekündigt.
       
       Den Oberst der Wildeshausener Schützengilde macht das richtig wütend. „Eine
       Gegenveranstaltung zu machen, das finde ich nicht akzeptabel“, sagt
       Friedrich Ahlers am Telefon. Die Gilde veranstaltet zeitgleich ein
       Familienfest. Man hätte das Säckchenwerfen ja auch am Donnerstag
       veranstalten können, „wenn in der Stadt nichts los ist“, so der
       Vereinsvorstand. Die Kreiszeitung habe das Ganze auch noch mit einem Foto
       des Schützenfestes bebildert. „Jetzt wirkt es, als ob die Gilde
       dahintersteht. Aber dazu stehen wir nicht.“
       
       Um die Aufregung zu verstehen, braucht es ein bisschen Kontext.
       Veranstaltet wird das Maissäckchen-Werfen von der Initiative „Gilde für
       alle“, die sich [1][in den vergangenen zwei Jahren erfolglos dafür
       eingesetzt] hat, dass auch Mädchen beim Kinderkönigsschießen im Ort
       mitmachen dürfen. Bisher dürfen sie nur dem männlichen Kinderkönig die
       Ehrenkette putzen und ihm im weißen Kleidchen Geleit durch die Stadt geben.
       
       Als Protest mag Mit-Initiator Hendrik Boldt „die kleine Aktion“ mit den
       Maissäckchen eigentlich nicht darstellen. Man wolle nur „weiter dafür
       werben, dass die Gilde künftig allen Kindern die Teilnahme am
       Kinderschützenfest ermöglicht“. Man respektiere die Entscheidung der Gilde,
       und keinesfalls wolle man das Familienfest stören, sondern es „ergänzen“.
       
       ## Initiative für Gleichberechtigung in der Defensive
       
       Die Initiative um „Gilde für alle“ gibt sich öffentlich eher defensiv und
       ziemlich respektvoll dem Traditionsverein gegenüber. Mit dem Säckchenwerfen
       wolle man auch Kritik von Gegnern der Initiative aufgreifen; die hatten
       immer wieder gefordert, die Mädchen sollten doch eine eigene Tradition
       begründen. „Das versuchen wir jetzt so ein bisschen“, meint Boldt.
       
       Nur: Die Appeasement-Politik verfängt bei den Schützen nicht. Schon bei der
       letzten großen Versammlung der Gilde am Himmelfahrtswochenende hatte sich
       Friedrich Ahlers über die Aktion empört – und dafür laut Kreiszeitung eine
       Menge Applaus bekommen. Die Initiative habe ein „merkwürdiges
       Demokratieverständnis“, wenn sie einen Mehrheitsbeschluss nicht akzeptieren
       könne, wird Ahlers von der Zeitung zitiert. „Es geht ja um eine
       Entscheidung, die schon getroffen wurde“, erklärt er der taz.
       
       Das Ergebnis der Abstimmung bei der [2][Generalversammlung im vergangenen
       Jahr] war in der Tat eindeutig: Nein, Mädchen sollen nicht mitschießen
       dürfen. Entschieden haben das jene, die Mitglied sein können– Männer also –
       mit einer satten Zweidrittelmehrheit. Wohlgemerkt: Es ging dabei nur um
       einen Kinderwettbewerb, nicht um die Aufnahme von Frauen in den Verein.
       
       Das alles könnte außerhalb der Gilde trotzdem relativ egal sein. Doch die
       [3][Gilde ist nicht irgendein Verein]: In Wildeshausen mit seinen 20.000
       Einwohner*innen sind gut 3.700 Männer Mitglied. Das einwöchige
       Gildefest ist das zentrale Event der Stadt, der Festtag am Dienstag nach
       Pfingsten eine Art zusätzlicher Feiertag. Der Bürgermeister ist automatisch
       General der Gilde. Noch nie hat es in der Stadt einen Bürgermeister
       gegeben, der nicht spätestens als Kandidat Mitglied wurde. Noch nie hat es
       eine Bürgermeisterin gegeben.
       
       ## Im Nachbarort wollen Frauen die Vollmitgliedschaft
       
       Kämpferischer gibt man sich zwanzig Kilometer südöstlich, in Twistringen.
       Dort kündigten Ende vergangener Woche die Majoretten ihren Austritt aus dem
       örtlichen Schützenverein an: Sie wollten nicht länger einem Verein als
       Aushängeschild dienen, der keine Gleichberechtigung lebe.
       
       Die Majoretten sind die Tanzcrew des Spielmannszugs im Twistringer
       Schützenverein. Es ist bisher die einzige Sparte des Vereins, in der Frauen
       Mitglieder sein können. Bei der Generalversammlung in der Woche zuvor war
       darüber abgestimmt worden, ob Frauen auch Vollmitglieder werden können
       sollten, wie vielerorts üblich.
       
       Die Majoretten hatten dafür geworben: „Wir sind gut genug, um aufzutreten.
       Wir sind gut genug, um zu repräsentieren. Aber nicht gut genug, um einfach
       mitzulaufen?“, schreiben sie auf Instagram. Frauen würden trotz ihres
       Engagements für den Verein auf wenige Rollen reduziert. Aber:
       „Gleichberechtigung heißt nicht: Sonderrolle. Gleichberechtigung heißt:
       gleiches Recht. Tradition ist kein Schutzschild für Ausschluss.“
       
       Offensichtlich überzeugten sie damit einige: Bei einem Stimmungsbild im
       Oktober hatten nur 41 der 102 Anwesenden für eine Vollmitgliedschaft für
       Frauen abgestimmt. Vergangene Woche stimmten dann ganze 69 Prozent dafür.
       Zu wenig: Um die Satzung zu verändern, hätte es eine Dreiviertelmehrheit
       gebraucht.
       
       „Nach gemeinsamer Überlegung haben wir uns dazu entschlossen, dass wir
       dieses Ergebnis nicht mit tragen können. Deswegen sind wir geschlossen aus
       dem Verein ausgetreten“, schreiben die Majoretten auf Instagram. Da
       bekommen die Frauen für ihre Entscheidung viel Anerkennung: 1.400 Likes hat
       der Post, und fast ausschließlich positive und kämpferische Kommentare.
       
       Dass keine 75 Prozent zusammengekommen seien, bedeute, dass „ein Viertel
       der Schützen hinterwäldlerisch und engstirnig denken“. Nicht nur Frauen,
       auch Männer sollten austreten, wird gefordert. Frauen sollten aus
       Solidarität aufhören, sich rund um das Schützenfest ihrer Partner zu
       kümmern, Kaffee zu verkaufen, Hemden zu bügeln oder im Anschluss „die Bude
       zu putzen“.
       
       20 May 2026
       
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       ## AUTOREN
       
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