# taz.de -- Experte über die Düngemittelkrise: „Biolandwirtschaft kann Hunger verhindern“
> Der Irankrieg treibt die Düngerpreise in die Höhe und bedroht die
> Ernährung von Millionen Menschen in Südasien. Markus Wolter von Misereor
> über Auswege.
(IMG) Bild: Mittlerweile noch teureres Gut: Ein Bauer bereitet die Düngung seines Felds vor. Indien, Juni 2025
taz: Herr Wolter, Sie leben und arbeiten zurzeit für das katholische
Hilfswerk Misereor auf den Philippinen und in anderen südasiatischen
Ländern. Wie wirkt sich der Irankrieg auf die Ernährung und Landwirtschaft
dort aus?
Markus Wolter: Hier ist gerade die Aussaatzeit für den Reis. Die Bauern
müssen sich jetzt mit Dünger eindecken. Aber weil er doppelt so teuer wie
vor der Irankrise ist, werden sie deutlich weniger kaufen, zumindest hier
auf den Philippinen. Das ist die Prognose von Mitarbeitern des
Landwirtschaftsministeriums. Dann werden die Ernten schrumpfen. Und damit
steht Ländern wie den Philippinen, Kambodscha oder [1][Bangladesch eine
Ernährungskrise bevor], deren Dimension den meisten Regierungen noch nicht
wirklich klar ist. Das macht mir große Sorgen.
taz: In Deutschland ist die Lage noch vergleichsweise entspannt. Warum ist
das in [2][Südasien anders]?
Wolter: Die Region ist extrem abhängig von [3][Düngemitteln aus dem Nahen
Osten, weil große Mengen des Harnstoffs aus Katar, den Vereinigten
Arabischen Emiraten und Kuwait] hierherkommen. Das ist der kürzeste Weg.
Wenn die Preise niedrig sind, ist das kein Problem. Aber diese Staaten
haben eben extreme Abhängigkeiten geschaffen. Das rächt sich jetzt.
taz: Wie kommt Südasien aus dieser Abhängigkeit wieder heraus?
Wolter: Die Regierungen müssten den ökologischen Landbau fördern, der auf
[4][Kunstdünger und chemisch-synthetische Pestizide] verzichtet. Auch
andere Formen der Agrarökologie sollten unterstützt werden, die die
Abhängigkeit von Kunstdünger reduzieren und stattdessen zum Beispiel auf
Kompost oder Leguminosen setzen, also Pflanzen, die den Nährstoff
Stickstoff aus der Luft im Boden fixieren. Meine Vorstellung wäre eine
schrittweise Reduktion chemischer Betriebsmittel, sodass die Bauern
vielleicht in 10, 15 Jahren nur noch ein Minimum oder gar nichts mehr
benötigen.
taz: Aber Biobauern ernten doch pro Hektar oft deutlich weniger als
konventionelle, oder?
Wolter: In bestimmten Teilen Europas haben wir tatsächlich große
Ertragsunterschiede, wenn es um Weizen oder Gerste geht. In den Tropen
haben wir allerdings andere Voraussetzungen. Viele Studien und
Partnerorganisationen von Misereor zeigen, dass die Gesamterträge gar nicht
weniger werden, sondern gegebenenfalls sogar höher sein können. Man darf
aber nicht nur auf ein einziges Produkt wie Reis oder Mais schauen, sondern
muss die gesamte essbare Biomasse betrachten.
taz: Warum hat Bio in den Tropen nicht geringere Erträge als konventionelle
Landwirtschaft?
Wolter: Durch die hohen Temperaturen ist die sogenannte Mineralisierung
viel schneller. Das heißt, Stickstoff aus Kompost oder Leguminosen steht
den Pflanzen schneller zur Verfügung. Ein weiterer Grund ist, dass
Biolandwirte mehr verschiedene Pflanzenarten anbauen. Wenn dann eine Kultur
wegen Schädlingen ausfällt, liefern andere Kulturen immer noch Erträge. Das
ist Risikominderung durch Vielfalt.
taz: Was sagen Sie zu dieser Kritik: Wenn Asien auf Bio umstellte, dann
würde dort Hunger ausbrechen?
Wolter: Das halte ich für unbegründet, weil viele Betriebe, mit denen wir
arbeiten, das Gegenteil beweisen: Dort, wo diese vielfältigeren Systeme
angewendet werden, nimmt die Ernährungsunsicherheit ab. Je mehr
[5][Biodiversität], je mehr Bäume und Sträucher integriert worden sind,
umso sicherer ist die Ernährung. Da ist die Agrarökologie deutlich
überlegen, weil sie auf Vielfalt setzt statt auf Monokultur. Die große
Vielfalt macht möglich, dass auch bei einer Missernte von ein oder zwei
Kulturen immer noch etwas Essbares oder Verkaufbares geerntet wird. Bei
Monokulturen sind die Bauern auf Gedeih und Verderb auf diese eine Kultur
angewiesen, und wenn die danebengeht, gibt es große Probleme. Außerdem
schafft eine Erhöhung der Vielfalt ein eigenes Mikroklima und eine
Umgebung, wo sich Schädlinge und Nützlinge gegenseitig besser in Schach
halten. Das habe ich vor Ort gesehen.
taz: Sri Lanka hatte im April 2021 ein Verbot der Importe von synthetischen
Düngern und Pestiziden beschlossen. Hat das nicht eine [6][große Krise]
verursacht?
Wolter: Ich war im November 2022 dort. Da waren vor den Tankstellen
unglaublich lange Schlangen, weil die kein Diesel und Benzin mehr hatten,
da das Land so dermaßen pleite war. Die Sofortumstellung auf Bio ging
tatsächlich total nach hinten los, die Lebensmittelpreise explodierten, die
Wirtschaft stürzte ab. Der Grund war, dass die Bauern auf die Umstellung
nicht vorbereitet waren. Sie haben es aus der Presse erfahren. Selbst die
Bioverbände hatten davor gewarnt. So eine Umstellung kann nur schrittweise
passieren. Es braucht viel Beratung und anfangs auch Unterstützung mit
Biodüngern für die Landwirte.
taz: Wie wirtschaften denn die meisten Bauern in Asien im Moment?
Wolter: Die meisten Bauern arbeiten konventionell. Agrarökologie oder Bio
ist fast überall eine Nische, abgesehen von Ausnahmen wie Osttimor. Aber
sonst hat die sogenannte grüne Revolution, also die Einführung etwa von
Hochertragssorten, von chemisch-synthethischen Düngern und Pestiziden ab
den 1960er Jahren sehr intensiv stattgefunden. Sie ist sehr stark
staatlicherseits gefördert worden – bis heute.
taz: Aber [7][Pestizide und Kunstdünger] kosten ja erst mal eine Menge
Geld. Wie können sich die LandwirtInnen in solchen armen Ländern diese
Mittel leisten?
Wolter: Dafür ist das Geld trotzdem da, zur Not verschulden sich die
Bauern. Die grüne Revolution hat es geschafft, die drohende
Hungerkatastrophe in Asien durch höhere Erträge abzuwenden. Aber sie hat es
nicht geschafft, die Bauern aus der Armut zu holen, weil Kunstdünger und
Pestizide eben teuer sind.
taz: Warum setzen so viele Bauern dennoch auf konventionelle
Landwirtschaft?
Wolter: Wer Pestizide und Kunstdünger nutzt, gilt als modern. Wer das nicht
tut, gilt in vielen Ländern als rückständig. Dabei sind Bauern in der
Wahrnehmung der Menschen sowieso schon oft am untersten Ende der sozialen
Skala. Außerdem wird mit Kunstdünger unglaublich viel Geld verdient von
einigen oligarchisch-monopolistischen Systemen. Und die haben überhaupt
kein Interesse daran, dass sich das System ändert. Es gibt da sehr starke
finanzielle Interessen von Eliten, die das verhindern.
taz: Wie kann die Agrarwende in diesen Ländern trotzdem gelingen?
Wolter: Bauern stellen um, wenn das gut eingebettet ist im Dorf, in der
Region; wenn einer sagt: Ich probier das mal auf einem Viertel meines
Betriebs. Wenn sich dann der Boden erholt, die Erträge steigen und mehr
Geld übrig bleibt, dann sagen andere: Ja, das möchte ich auch lernen. Das
habe ich auf Sumatra beobachten können. Extrem wichtig ist, dass es Zugänge
zu Märkten gibt, damit die Bauern auch wissen, an wen sie dann die Ware
verkaufen können. Diese Kombination ist entscheidend.
taz: Um die Abhängigkeiten zum Beispiel von Kunstdünger aus der Golfregion
zu reduzieren, könnten asiatische Länder ja die eigene Produktion solcher
Dünger steigern. Was halten Sie davon?
Wolter: Das macht Indonesien, das eigene Gas- und Ölvorkommen und eine
eigene Kunstdüngerproduktion hat. Es ist auch von anderen südostasiatischen
Staaten angefragt worden, ob es seine Produktion nicht ausweiten kann,
damit sie versorgt werden. Dann sind die Bauern aber immer noch abhängig
von außen. Das Besondere der Ökolandwirtschaft ist ja, dass sie quasi keine
Betriebsmittel mehr von außen braucht.
taz: Welche Vorteile hätte mehr Biolandwirtschaft in diesen Länder noch?
Wolter: In Asien wird zum Teil sehr viel Stickstoffdünger pro Hektar
benutzt. Damit werden Böden, Grundwasserleiter und Gewässer belastet. Ein
Großteil des Kunstdüngers wird von den Pflanzen gar nicht aufgenommen,
sondern geht entweder gleich in die Atmosphäre als sehr, sehr wirksames
Treibhausgas oder über das Regenwasser dann in die Grundwasserleiter. Dort
versauert es und sorgt für eine Überdüngung von Gewässern. Die
Kunstdüngerproduktion weltweit trägt zu 2 Prozent der globalen
Treibhausgase bei. Biolandwirtschaft ist also gelebter Klimaschutz.
taz: Was kann ich als VerbraucherIn in Deutschland tun, um den Ökolandbau
in Asien zu unterstützen?
Wolter: Sie könnten mehr Bio- und Fair-Trade-Produkte kaufen, zum Beispiel
Reis, Cashewkerne oder Trockenfrüchte.
23 May 2026
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